Tagebuch von Sedef ibn Ahad Sal’Marwan al’Nazzar
Rote & Weisse Kamele

Sedef lehnte sich zurück auf dem gepolsterten Sitzkissen. Der aus Palmblattrippen geflochtene Hocker raschelte und knarrte. Er atmete tief ein und schmeckte den Geruch von exotischen Gewürzen, der in der Luft des Teehauses hing. Der Raum war gedämpft beleuchtet und es herrschte eine ruhige Atmosphäre, die nur durch das gelegentliche Huschen pantoffelbewehrter Füsse der Diener, das Klingen der kleinen Teetässchen beim Absetzen und das Klackern der Kamele auf dem Spielbrett unterbrochen wurde.

Sedef sass mit dem Rücken zum Raum, aber anhand der leisen Geräusche in dem kleineren der beiden Hinterräume des Teehauses war er sich Position und Entfernung der anwesenden Personen sehr bewusst. Zu seiner rechten und etwa drei Schritt hinter ihm wartete ein Diener, auf jeden Wink eines Gastes zu reagieren. Sedef gegenüber sass ein älterer, wohlbeleibter Tulamide. Er trug eine klassische Kombination aus Kaftan und Turban, allerdings aus mit Goldfäden bestickter, grüner Seide. Sein rundes Gesicht rahmte ein ordentlich gestutzter, ergrauter Bart.

"Du bist ein ausgezeichneter Spieler", lobte Shafir, während er eines seiner weissen Kamele nach vorne zog. Er trank einen Schluck süssen Tees. "Doch ich kenne mich gut aus, wenn es um Kamele geht." Shafir war ein reicher Mann. Wie die meisten sehr wohlhabenden Tulamiden war auch er sehr von sich eingenommen.

Sedef lächelte und blickte auf das Brett mit den roten und weissen Kamelen darauf. "Es ist ein gutes Spiel", sagte er. "Es schult den Geist." Er stellte eines seiner roten Kamele so auf das Brett, dass er das Ungleichgewicht der Figuren auf Shafirs Seite nicht zu seinen Gunsten würde nutzen können.

"Aber es gibt so viel mehr zu besprechen, als nur ein simples Brettspiel", erwiderte Shafir. Ich habe gehört, dass du auch in der Philosophie bewandert bist, mein Freund. Auch ich habe einige alte Denker studiert. Daher frage ich dich, was denkst du über die Natur des Krieges?" Shafir nickte und bewegte eines seiner weissen Kamele strategisch auf dem Brett. Sedef erkannte sofort die Schwäche des Zuges.

Sedef lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Tee. "Der Krieg ist eine Prüfung", sagte er. "Abu'l Ketab sagt, wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Und wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen." Er dachte angestrengt nach, wie er Shafir in eine bessere Position bringen konnte und entschied sich dann für einen schlichten Figurentausch. Es würde dem Älteren nicht auffallen.

"Ja, ich denke, du hast recht", sagte der ältere Mann. "Aber was ist mit der Ehre? Ist sie nicht wichtiger als das Geschick im Kampf und als das Leben selbst?" Shafir konnte ein kurzes triumphierendes Heben der Augenbrauen nicht verbergen, als er Sedefs rotes Kamel vom Spielfeld nahm.

Sedef seufzte. Er befand sich in einer schwierigen Position, sowohl im Gespräch als auch auf dem Spielfeld. Shafir hatte keine Ahnung von Kriegskunst oder Philosophie. Und er war ein ausserordentlich berechenbarer Brettspieler. Sedef plante sorgfältig seinen nächsten Zug, bevor er eine seiner roten Figuren bewegte. "Einem Krieger bedeutet Ehre alles", sagte er und ignorierte die offensichtliche Angriffslinie, die Shafir ihm angeboten hatte. Stattdessen verlagerte er seine Bewegung auf dem Spielfeld nach links. "Bei einem Kriegsherren ist dies jedoch eine Schwäche. Hat er einen ausgeprägten Sinn für Ehre, kann man ihn in moralische Schwierigkeiten bringen."

Shafir nickte und setzte eine weitere weisse Kamel-Figur auf das Brett. "Ich verstehe", sagte er. "Daher erscheint es so, dass Ehre und Moral im Krieg nicht wirklich existieren."

"Ihr habt recht, Sahib. Fünf Eigenschaften können einen Kriegsherren ins Verderben führen", führe Sedef aus. "Sucht er den Tod, haben seine Gegner leichtes Spiel. Sucht er das Leben, wird er gefangen genommen. Reagiert er unbeherrscht, wird er provoziert. Pocht er auf die persönliche Ehre, wird er beleidigt, und liebt er das Volk, wird er von Skrupeln geplagt." Dann tat er einen weiteren hilflosen Zug.

Shafir nickte und bewegte eine seiner Figuren auf dem Brett. "Ich verstehe", sagte er. "Du bist ein weiser Mann, Sedef. Doch dieses Spiel erfordert eine Menge strategisches Denken“, Shafir grinste breit. "Und diese Partie geht wohl an mich." Der alte Tulamide sah sehr zufrieden mit sich aus.

"Sahib", Sedef senkte den Kopf und lächelte höflich. "Ich gebe mich geschlagen", sagte er. Er blickte aus einer der schmalen, schiessschartenartigen Fensteröffnungen. Die Sonne neigte sich bereits langsam dem Horizont entgegen und Sedef wusste, dass es Zeit war zu gehen. "Mit eurer Erlaubnis", sagte er, während er aufstand. Er nickte Shafir zu und verbeugte sich dann höflich.

„Bis zum nächsten Mal“, sagte Shafir und stand auf, um ihm mit beiden Händen die Hand zu schütteln.

Sedef verliess das Teehaus und machte sich auf den Weg zu seinem Quartier. Er wusste, dass er bald mit weiteren Aufträgen von Shafir würde rechnen können.

Vielleicht würde Sedef ihm irgendwann den Unterschied zwischen dem Kamelspiel und den 40 Kamelen erklären. Allerdings war Shafir überzeugt davon, dass er das Kamelspiel besser als jeder andere spielen konnte – und wer war Sedef, ihn davon abzubringen?

Lehre: Das Besiegen des Bösen, nicht des Gegners, ist das Wesen der Kampfkunst.
Out-Game Beitrag
Abenteuer: Leben
Dieser Eintrag wurde am 8.06.2026 (14:04) verfasst und 16 mal aufgerufen.
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