Es war wieder einmal Prüfungstag an der Akademie. Und mir hatte man angetragen, die schriftliche Theorieprüfung im Armatrutz abzunehmen, vulgo, zu beaufsichtigen. Nachdem ich die Aufgabenblätter bei der Secretaria geholt hatte, begab ich mich direkt in den Prüfungsraum, wo bereits fast ein Dutzend Scholaren nervös auf mich wartete. Da der Armatrutz zum Grundhandwerk beider Akademiezweige gehörte, war die Prüflingsgruppe etwas größer als sonst. Aber ich war guter Dinge. Bis auf einzelne Scholaren war der diesjährige Abschlussjahrgang nicht einmal völlig unfähig. Im Großen und Ganzen sollten die Jungen und Mädchen durchaus erfolgreich sein. Ich hielt die übliche kurze Ansprache: Kein Abschreiben beim Nachbarn. Kein Unterschleif mit verbotenen Hilfsmitteln. Keine magische Unterstützung während der Bearbeitung. Nichts, was sie nicht schon dutzende Male gehört hatten in den letzten Jahren.
Während sich die Scholaren eifrig an die Bearbeitung ihrer Aufgabe machten, nachdem ich die Blätter verteilt hatte, nahm ich an meinem Pult Platz und widmete mich ein wenig einfacher Lektüre. Ich wollte langsam auch selbst weiterkommen und hatte mir deswegen die Magie des Stabes mitgebracht, über deren Rand ich immer wieder blickte um ein waches Auge auf die Prüflinge zu haben. Leider dauerte es nicht lange, bis mir ein Bursche in den Blick geriet, dessen Verhalten die typischen Zeichen aufwies, das etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Er wirkte nervös, schielte immer wieder verstohlen in seine Hand, schrieb unregelmäßig… ich seufzte. Konnte es wirklich sein, dass irgendwer so dumm war ausgerechnet während meiner Wacht etwas zu versuchen? Gemächlichen Schritts setzte ich mich in Bewegung durch die Tischreihen, bis ich schräg hinter ihm stand. Ich kannte den jungen Mann nur flüchtig. Julian Ankbesi war sein Name, soweit ich mich erinnerte, und kein besonders im positiven Sinne aufgefallener Scholar. Gemütlich lehnte ich mich an die Wand, um zu sehen wie er mehr und mehr ins Schwitzen geriet und sein Schreibfluss quasi völlig zum Erliegen kam.
Ich ließ ihn einige Minuten schmoren und beobachtete, wie er von Augenblick zu Augenblick verzagter wurde, bevor ich ihn schließlich ansprach. „Nun, Scholar Ankbesi, ihr habt nicht zufällig etwas, das ihr mir aushändigen möchtet?“ Es dauerte nicht allzu lange, bis ich seinen Zettel in der Hand hatte, den er benutzte um sich das Lernen zu ersparen. Die Worte auf seiner Prüfung bis dorthin wo er gekommen war, entsprachen exakt den Notizen und Ausführungen in den Lehrbüchern. „Ich bin enttäuscht… sowohl von eurem mangelnden Fleiß, als auch eurer begrenzten Kreativität. Ihr dürft Eure Prüfung jetzt fortsetzen,“ ich nahm einen Stift und zog einen Strich unter seine bisherigen Ergebnisse, „und Eure gewertete Prüfung beginnt ab hier.“ Dann setzte ich mich wieder auf meinen Platz um mir den Zettel etwas genauer anzusehen.
Langweilig. Die wichtigsten Dinge, die man zum Armatrutz auf einen kleinen Zettel pressen konnte, wenn man nicht gelernt hatte und am letzten Abend noch schnell etwas zusammenzimmern wollte. Auf der Rückseite des Zettels war etwas ganz anderes. Ein Bücherliste, die weitestgehend die Standartwerke unseres Instituts umfasste. Bis auf einen Titel der Herausstach. „Corpus Mutandis“. Sollte dieses Würstchen tatsächlich seine unfähigen Finger auf ein solche illustres Buch bekommen haben? Nach einer Stunde verkündete ich, dass die Bearbeitungszeit nun vorbei war und sammelte die Prüfungen ein. Während die Scholaren fluchtartig die Kammer verließen, hieß ich Julian Ankbesi, auf dessen Ausarbeitung fast gar nichts mehr hinzugekommen war unter der Linie, noch kurz bei mir zu bleiben, da ich wissen wollte was es mit der Liste auf sich hatte. Das waren wohl die Bücher, die sein Onkel Derher Ankbesi, der auch sein Förderer war, für ihn besorgt hatte. An Geld schien es der Familie nicht zu mangeln, stellte sie doch sogar den Großemir von Mengbilla. Die Bücher hatte er auch allesamt für seine Studien verwendet -bis auf das Corpus Mutandis, da dessen Inhalt nicht Teil unsere Curiculums war und es deswegen wohl noch bei seinem Onkel lag. Nun gut… ich verabschiedete ihn und wünschte ihm schon einmal viel Erfolg bei seinem Zweitversuch, denn den würde er sicher benötigen. Dann gab ich die Prüfungsbögen beim Prodekan ab und machte mich auf den Heimweg, da ich den restlichen Tag keine Stunden mehr zu halten hatte.
Bis zum Mittag war ich daheim, was in diesem Fall bedeutete in unseren Zimmern bei den Ulfharts, wo Visaria schon auf mich wartete und konnte mit der Familie ein gemütliches Essen einnehmen. Wir hatten gerade die Vorspeise hinter uns, ein leichtes, gekühltes Melonensüppchen, als ein Sklave eintragt und mit um Verzeihung heischender Stimme verkündete, dass eine Botin gekommen sei, die ihre Botschaft nur an mich persönlich zu übergeben bereit sei und sich nicht abweisen ließ. Nun mochte ich es ja eigentlich nicht beim Essen gestört zu werden… andererseits waren solche Botschaften meist von einer gewissen Bedeutung und die Neugier hatte bereits an mir zu nagen begonnen, als der Sklave seine Nachricht verkündet hatte. Mit einem Blick bat ich Visaria um Erlaubnis, die sie mit einem unmerklichen Nicken erteilte, und hieß dann den Sklaven, die Botin vorzuführen.
Wir waren beide überrascht, als eine junge Rahjaakolutin unser Speisezimmer betrat. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Botin mochte kaum älter als Visaria sein, wenn überhaupt. Das Schreiben, das sie mir übergab trug ein Siegel, das ich kannte – und das sofort eine nervöse Vorfreude in mir weckte. Hatten meine zahlreichen Aufrufe an die Kirchen endlich Früchte getragen? Ich zerbrach das Wachs, rollte die Botschaft auf und begann zu lesen.
Victor Dondoya Aureumresistis Stellamane D'Pelisario von Al'Anfa,
Möge die Gnade der Götter mit Euch sein.
Ich, Hierophantin Gylvana aus Belhanka, wende mich an Euch mit einer dringenden Bitte. Gerüchte sind an uns herangetragen worden, die unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigen: Keidre dai Tarifa, das Oberhaupt der Kurtisanengilde, soll mit Belkelel paktieren. Wir müssen wissen, ob an diesen Gerüchten etwas dran ist und wie weit sich der Kult bereits verbreitet hat.
Wir bitten Euch, nach Mengbilla zu reisen und die Situation zu untersuchen. Wir haben keinen Zweifel, dass Eure Fähigkeiten und Euer Ruf Euch Zugang zu den notwendigen Kreisen verschaffen werden.
Vor Ort wird Euch Rahjanios Talabira, der hochgeweihte des Mengbilla-Tempels der Ekstase, unterstützen. Er ist über die Situation informiert und wird Euch mit allen notwendigen Informationen und Kontakten versorgen.
Wir betonen ausdrücklich, dass wir nicht wünschen, dass Ihr eingreift. Unsere Aufgabe ist es, Informationen zu sammeln und die Situation zu bewerten. Wir werden entscheiden, wie wir weiter vorgehen, wenn wir die Fakten kennen.
Eure Diskretion und Euer Geschick sind von größter Bedeutung. Wir vertrauen Euch diese Aufgabe an und bitten um Eure baldige Antwort.
Möge die Gnade der Götter mit Euch sein.
Hierophantin Gylvana aus Belhanka
Ohne zu zögern sprach ich die Akolutin an. „Sagt Eurer Herrin, sie kann sich meiner Dienste sicher sein.“ Mehr war nicht nötig und das junge Mädchen verabschiedete sich mit einer Verbeugung. Das war zwar etwa Anderes, als ich es mir gewünscht hätte, da ich mit Nachricht bezüglich namenloser Umtriebe gerechnet hatte, aber die Hierophantin war jemand, den man sich gewogen halten musste. Und für ihre Hilfe in der Vergangenheit konnte man durchaus sagen, dass ich ihr noch einen Gefallen schuldig war. Also war es keine Frage, dass ich hier meine Hilfe anbot. Nur Visaria schien damit nicht übermäßig glücklich zu sein.
Natürlich, sie hatte es kommen sehen, dass ich früher oder später erneut auf Reisen würde gehen müssen. Aber unsere Hochzeit war noch nicht so lange her, dass wir uns gegenseitig schon überdrüssig geworden wären. Und den Gedanken, dass wir diese Reise gemeinsam tun könnten, verwarfen wir alsbald wieder. Mengbilla war für mich Neuland, diese Stadt hatte ich noch nie bereist und wusste daher nicht, ob und wie gefährlich es dort sein mochte. Sicher wäre ich in der Lage Visaria und unsere Kinder ausreichend zu schützen, aber es würde meine Aufgabe vermutlich deutlich erschweren. Dazu kam, das äußerte ich allerdings nicht mit Worten, dass es meine Mission eine Kurtisanengilde zu unterwandern deutlich verkomplizieren dürfte, wenn ich dort mit Eheweib und Kindern vorstellig würde. Den willigen Kunden als Tarnung würde man mir dann kaum noch abkaufen. Wofür würde ich die Dienste der Huren benötigen, wenn ich doch die schönste Frau Deres an meiner Seite hatte? Das hätte mir doch niemand geglaubt, der auch nur ein bisschen bei Verstand war… also musste ich diese Reise leider allein antreten, versprach meiner Geliebten aber, ich würde mich beeilen und so schnell zu ihr zurückkommen, wie es mir möglich war. Und natürlich vorsichtig sein und mich nicht in Gefahr begeben. Ich sollte ja nur Informationen gewinnen, nicht selbst einschreiten. Auch wenn ich mir das natürlich zugetraut hätte.
Gleich am Nachmittag machte ich mich auf mit Vater zu sprechen. Nicht nur, dass ich ihn über meine Pläne informieren wollte. Der alte Fuchs wusste sicher etwas Hilfreiches über Mengbilla und den Weg dorthin zu erzählen, er war schon zu lange im Geschäft, als dass er dort keine Kontakte hätte. Und ich lag wie immer richtig. Vater riet mir nicht den Seeweg ums Kap Brabak zu nehmen, was durchaus möglich gewesen wäre, sondern die direkte Route über Port Corrad und dem Weg der Seidenkarawane zu folgen. Das würde in etwa drei Wochen in Anspruch nehmen Und wenn ich schon ein da wäre, sollte ich doch auch gleich einen Anstandsbesuch beim Handelshaus Gerbelstein machen und ein Geschenk für ihn überbringen, einen edel gewirkten Kaftan. Das wäre wohl eine meiner leichtesten Übungen und sollte sich nebenbei erledigen lassen. Und wenn ich schon einmal da war… hatte ich heute Vormittag nicht erst erfahren wo ein seltenes und interessantes Buch ungenutzt in den Händen eines Händlers zu finden war, der dafür keine Verwendung hatte? Womöglich würde sich diese Reise gleich in mehrerlei Hinsicht auch zu meinem Nutzen erweisen. Vater wollte sich um die Vorbereitungen kümmern und bald wusste ich, dass mein Schiff in drei Tagen abfahren würde. Als letzten Hinweis gab er mir mit, ich solle in Mengbilla direkt das Magistrat aufsuchen und mir einen Bürgerbrief ausstellen lassen – das würde mir viel Ärger ersparen, da ich ohne ein solches Dokument in der Stadt quasi Vogelfrei wäre. Daran würde ich mich gerne halten, keine Frage.
Die Zeit bis zur Abreise nutzte ich nicht nur mit Visaria, die es mir nicht unbedingt leichter machte mich zu verabschieden. Gerade da ich es möglicherweise mit Paktieren zu tun bekommen würde, laß ich im Arcanum noch einmal das Kapitel zur Domäne und den Dienern der Belkelel nach. Sicher war sicher… so mochte ich sie sowohl leichter erkennen als auch, falls den nötig, doch bekämpfen können. Oder mich mit entsprechender Expertise leichter in ihre Kreise einfügen. Ich war gespannt, was mich vor Ort erwarten mochte, da war ich lieber gut vorbereitet, als unangenehm überrascht zu werden.
Vater hatte für eine Schiffspassage gesorgt, bei der ich eine vernünftige Kabine beziehen konnte. Wie früher so oft als halbes Gepäckstück zu Reisen hatte ich jetzt auch nicht mehr nötig. Die Überfahrt nach Port Corrad verlief unspektakulär und auch der Handelszug über die Seidenstraße nach Mengbilla, dem ich mich angeschlossen hatte, hatte keine erwähnenswerten Zwischenfälle. So erreichte ich Mengbilla in der erwarteten Reisezeit durch das Rahjator am 5. Boron. Die Stadt war größer als ich erwartet hatte und schien zu florieren. Überall hatten fliegende Händler ihre Stände errichtet. Und auf den ersten Blick bemächtigte sich meiner der Eindruck, dass es in dieser Stadt mehr Sklaven als echte Bürger geben musste. Das Klima hier war, kaum anders als zuhause, heiß, dampfig und die Straßen waren eng. Das Sprachgewirr, welches die Luft erfüllte, war eine wilde Mischung aus Tulamidiya und Garethi, durchsetzt mit Worten bis hin zum zyklopäischen, die dem ganzen eine interessante Note verliehen. Der Händler den ich begleitet hatte ging, ebenso wie ich, zuerst einmal ins Magistrat um einen Bürgerbrief zu erwerben. Er war schon öfter hier, meinte er, und diesen Rat meines Vaters sollte ich wirklich dringend beherzigen.
Auf dem Weg durch die Stadt bot sich mir ein Abwechslungsreicher Anblick. Neben den auch hier allgegenwärtigen Bettlern säumten Händler und Krämer die Straße, aber auch zahlreichen wirklich hübsche Frauen. Wäre ich nicht bereits verheiratet, hier hätte sich sicherlich eine Dame finden lassen, die mir spontan gefallen hätte. Aber das hatte ich ja nun nicht mehr nötig. Der Weg führte uns über den Platz der Lüste, die Kurtisanengilde ihren Sitz hatte und am Rahjatempel auf der anderen Flusseite vorbei an der Sklaveninsel und auch dem Handelshaus Gerbelstein, das ein prachtvoller Bau aus weißem Marmor war und herrlich mit dem gegenüberliegenden Borontempel aus schwarzem Granit kontrastierte. Am Efferdtempel setzten wir über den Hafen über, was man hier mit zahllosen verkehrenden Booten für einen kleinen Obulus bewerkstelligte. Dort ging es vorbei an einer Arena, die fast genauso groß war wie in Al’Anfa und interessante Spiele bereithalten mochte und den fünf goldenen Kuppeln des Palasts des Großemirs, bis wir endlich die Kanzlei der Schreiber erreichten um unsere Bürgerbriefe zu beantragen.
Wir reihten uns in die wartende Schlange vor der Kanzlei, einem historischen Gebäude im altbosparanischen Stil, ein. In der großen Halle im Inneren versahen mehrere Dutzend Schreiber ihren Dienst. Und das war angesichts des herrschenden Andrangs auch bitter nötig. Diese Art Einnahmen für das Stadtsäckel zu schaffen fand ich ziemlich erfinderisch. Wenn in Al’Anfa jeder Besucher eine solche Aufenthaltserlaubnis würde erwerben müssen… die Stadtkassen würden vor Gold überquellen! Warum war da noch niemand auf die Idee gekommen? Ich erwarb, nach kurzer Beratung durch den Schreiber und meinen Händler, einen Bürgerbrief für eine Woche, der auch einen Dispens für eine kleine Waffe, meinen Dolch, umfasste sowie einen Generalddispens für zahlreiche gesetzliche Ausnahmen die hier wohl galten und mit denen ich mich zu befassen keine Lust hatte, sowie ein Verzeichnis derselben, was mich am Ende vier Dukaten kostete. Auf meine Frage empfahl mit der Schreiber Unterkunft im Hof der Laternen zu beziehen, da ich von dort auch recht einfach ins Kurtisanenviertel kommen würde. Seinen Gesichtsausdruck, als ich mich in diese Richtung erkundigte, konnte man nur als süffisant und wissend bezeichnen – aber sollte er und alle anderen ruhig die falschen Schlüsse ziehen. Das mochte mir am Ende nur helfen…
Zunächst führte mich mein Weg aber direkt zum Rahjatempel. Hier wurde ich schließlich erwartet und den Weg kannte ich ja bereits von meinem Marsch quer durch die Stadt. Der Tempel war ein wunderschönes, kuppelbekröntes Bauwerk aus Marmor, zu dem eine breite Freitreppe durch gepflegte Gärten hinführte. Ich fragte einen Diener der göttlichen Stute direkt nach dem Hochgeweihten und brachte mein Anliegen vor, worauf man mir en Bad anbot, bis mich der Hochgeweihte würde empfangen können. Das nahm ich gern an, immerhin würde ich so den Staub der Straße los, noch bevor ich mich um das geschäftliche kümmern konnte. Hervorragend! Ich genoss das halbe Stundenglas Muße, welches mir so vergönnt war, bis mich eine hübsche Akolutin in roten, durchscheinenden Gewändern durch zahllose mit Vorhängen verhüllte und Teppichen ausgelegte Räume zum Hochgeweihten Talabria brachte.
Der Geweihte erwartete mich bereits an einem reich gedeckten Tisch im Garten des Tempels und wies mich bei einem gemütlichen Essen in die Gegebenheiten vor Ort ein, wegen derer ich zu Hilfe gerufen wurde. Mengbilla wurde von neun Gilden beherrscht, zu denen auch die Kurtisanen gehörten und damit einen beträchtlichen Machtfaktor in der Stadt darstellten. Die Kirche hatte deren Vorsteherin nun im Verdacht, vielleicht einen Kult aufzubauen, war sich dessen aber noch nicht sicher. Was aber sicher war sei, dass in Mengbilla nur Macht zählte und hier eine Verschiebung in die falsche Richtung unbedingt zu vermeiden wäre. Er selbst sei erst kürzlich auf seinen Posten berufen worden, als die letzte Vorsteherin des Rahjatempels unerwartet gestorben sei. Neben dem Großemir und dem Gildenrat gäbe es darüber hinaus noch einen Bürgerrat mit 81 Angehörigen, der für die örtlichen Gesetze zuständig sei sowie der Glaubensrat unter dem Vorsitz der Boronkirche, dem auch er selbst angehörte. Das war ein recht verworrenes Machtkonstrukt, weit weg von dem was ich als klare Führung bezeichnen würde. Vielleicht sollten sie sich hier einmal überlegen einen Magier als obersten Führer zu Küren, der das ganze ordnete. Ich wüsste da schon jemand, der hervorragend geeignet wäre… aber vermutlich würde Visaria das nicht unbedingt gutheißen. Dann hätte ich wahrscheinlich kaum noch Zeit für sie…
Als ich eher scherzhaft Ansprach, auf welche meiner Expertisen in dem Brief den angespielt wurde, ob ich gar an einer Orgie teilnehmen sollte, traf das überraschend genau ins Schwarze. Demnächst würde ein Fest stattfinden, inklusive aller dazugehörigen Ausschweifungen, zu dem man mir eine Einladung verschaffen wollte, und bei dem ich die Vorsteherin der Kurtisanengilde kennen lernen könnte. Die Einladung läge bis morgen früh bereit, ich solle dann noch einmal herkommen und sie abholen. Im Übrigen ließe man mir bei meinen Recherchen natürlich freie Hand.
Und dann erledigte es sich sogar, dass ich mir eine Unterkunft suchen musste, weil man mir eines dr Novizenzimmer im Tempel zur Übernachtung anbot. Auch das kam überraschend. Bei Übernachtungen im Rahjatempel dachte ich für gewöhnlich an etwas anderes… aber ich nahm diese Offerte dankend an. Das würde mir nur unnötige Wege ersparen. Selbstverständlich nahm ich dann auch an der abendlichen Andacht teil und verbrachte die Zeit ansonsten mit den überaus hübschen Damen des Tempels in der lauen Abendbrise die vom Meer herüberwehte in den Gärten beim Spaziergang und angeregten Gesprächen unter aufgespannten Baldachinen. Trotzdem war ich in Gedanken oft bei Visaria. Hätte man mir noch vor einem Götterlauf gesagt, ich würde eine keusche Nacht in einem Rahjatempel verbringen, ich hätte denjenigen ausgelacht. Und doch war es nun so… die Götter lassen uns auf wunderlichen Pfaden wandeln…
Als der Morgen dämmerte wurde ich vom fröhlichen Gezwitscher der Vögel im Garten und einem sanften Klopfen an der Tür meiner Kammer geweckt. Nachdem ich mich mit etwas kühlem Wasser frisch gemacht und das graue Reisegewand angelegt hatte, geleitete mich eine der hübschen Akolutinnen zum Göttinnendienst und anschließend zum Frühstück. Täuschte es mich, oder schwang sie die zierlichen Hüften deutlich mehr als unbedingt notwendig, wie sie da so vor mir her ging? Vor nicht allzulanger Zeit hätte ich das als willkommene Einladung gedeutet, jetzt weckte es eher meine Sehnsucht nach Daheim und Visaria. Ich würde meine Kenntnisse im Transversalis noch einmal deutlich verbessern müssen, dann würde ich an solchen Tagen einfach einen kurzen Abstecher nach Hause machen können. Das nahm ich mir fest für die nächsten Monde vor.
Der Morgen war bereits schwül und warm, offenbar hatte heute Nacht der Herr Efferd seinen Segen über Mengbilla ausgegossen. Aber das wunderte mich nicht, Boron war ja ein Teil der Regenzeit, da musste man immer wieder mit Schauern und Gewittern rechnen. Entsprechend gab es zum Frühstück auch hauptsächlich leichte Kost und frisches Obst, das vielleicht sogar zum Teil aus den Hainen im Tempelgarten stammen mochte. Mir war das nur recht, denn Völlerei mochte mich am Abend auf dem Fest bereits genug erwarten, auch wenn ich auf die lokale Küche und ihre Köstlichkeiten sehr gespannt war. Ob sie hier wohl recht anders kochten als in Al’Anfa? Nachdem ich mir meinen Teller an den ausgelegten Speisen auf den Beistelltischen gefüllt hatte, nahm ich bei dem Hochgeweihten Platz, da ich noch einige Dinge mit ihm besprechen wollte.
Zunächst war da mein Auftrag, oder besser gesagt, meine Zielperson. Bisher wusste ich ja lediglich den Namen der Dame Tarifa, aber nicht, woran ich sie erkennen würde. Und wie ein dummer Schuljunge auf dem Fest herumfragen kam natürlich nicht in Frage. Aber da konnte mir Rahjanios ohne Probleme Auskunft geben. Die Dame sei zwar bereits ein wenig älter und hatte bereits um die 45 Götterläufe gesehen, sei aber dennoch sehr hübsch mit ihren grünen Augen und dem hüftlangen Haar, in das sie stets rote Bänder geflochten hatte, sozusagen so etwas wie ihr Markenzeichen. Ich solle sie aber nicht unterschätzen – als wenn ich das tun würde, bei einer potentiellen Paktiererin – da sie nicht umsonst bis zur Gildenmeisterin der Kurtisanen aufgestiegen sei. Und, das war vielleicht die wichtigste Information die er mir geben konnte, sie war darüber hinaus auch noch eine ehemalige Rahjageweihte des Tempels von Belhanka, kannte sich also nicht nur mit allen Spielarten der fleischlichen Lust aus, sondern war darüber hinaus hervorragend auch in anderen Künsten und der Konversation ausgebildet. Ja, das waren die gefährlichsten… Überläufer, die nicht nur Macht besaßen, sondern ihren Feind auch kannten. Es sah so aus, als würde die Dame eine Herausforderung für mich werden. Zum Glück mochte ich Herausforderungen! Aber wer würde schon einen Schwarzmagier verdächtigen, in Diensten der Rahjakirche zu stehen?
Nachdem das geklärt war bereitete ich den Hochgeweihten vorsichtig darauf vor, was er in den nächsten Tagen vielleicht über mich hören könnte. Ich würde ja kaum die Aufmerksamkeit der Dame erregen, wenn ich wie ein verschüchtertes Mauerblümchen auf dem Fest oder im Anschluss daran in einer Ecke stand. Er meinte zwar, ich würde ohnehin schon alles mitbringen, und dabei meinte er wohl meine überaus attraktive Erscheinung, um ihren Blick und ihre Gier auf mich zu lenken, aber nein. Da würde ich wohl im Sinne des Erfolgs meiner Aufgabe deutlich offensiver Vorgehen wollen. Und das mochte durchaus bedeuten, mich auf ihre Spielchen einzulassen oder, die Götter mögen mir verzeihen, mich auch in ihre Zirkel zu begeben wo es dann vielleicht nicht besonders rahjagefällig zuging. Aber ich sollte ja Beweise sammeln. Und mir eine mögliche Paktiererschaft bei unserem ersten Treffen auf die Nase binden würde sie wohl kaum. Also musste ich sie in Flagranti erwischen. Bei einer Beschwörung vielleicht, einer Orgie mit den Dämonen der Herrin der Schwarzfaulen Lust. Oder an ihrem nackten Leib ein Dämonenmal finden. Und das mochte dann durchaus negativ ausgelegt werden oder hässliche Gerüchte geben. Dem wollte ich direkt vorbeugen, indem ich ihn meiner unzweifelhaften Integrität versicherte, weswegen ich ja zur Hilfe gerufen worden war. Und es stimmte ja, ich hätte nie vor, mich an eine Wesenheit wie Belkelel zu binden. Das wäre nicht nur dumm, sondern auch noch Verschwendung meines Potentials!
Zuguterletzt bat ich ihn noch um einen kleinen Gefallen, den er mir auch gerne gewährte. Als reine Vorsichtsmaßnahme ließ ich mir ein Fläschchen geweihtes Rosenöl geben, nur zur Sicherheit. Was konnte ich schon Ahnen, was die nächsten Tage oder Nächte noch passieren würde? Nichts könnte mir zuverlässiger die Diener Belkelels vom Leib halten, als mit dem heiligen Öl der Herrin Rahja meinen Körper einzureiben. Rahjanios machte mir lediglich zur Auflage, dass ich dieses Öl wieder zurückgeben müsste, wenn ich es bei meinem Einsatz nicht benötigen sollte. Das sagte ich zwar zu… aber am Ende mochte man noch einmal über alles verhandeln können. Das wäre ein wunderbares Mitbringsel für Visaria, darüber würde sie sich bestimmt freuen!
Dann gab er mir meine Einladung für das Fest am Abend, welches im alten Praiostempel stattfinden würde. Eine interessante Wahl, aber, wie er mir gleich darauf erklärte, auch gar nicht so abwegig, da die Kulte des Praios und des Phex in dieser Stadt verboten waren. Ja, man Grüße sich bei Strafe nicht einmal im Namen der Zwölfe, sondern nur mit „den Neunen zum Gruß“. Da würde ich wohl ein wenig aufpassen müssen, was ich sagte. Alte Gewohnheiten waren ja bekanntlich nicht leicht abzulegen, und das war wohl schon so manchem Besucher dieser Stadt zum Verhängnis geworden. Aber gut… ich war ja auch kein beliebiger Besucher und würde meine Zunge schon im Zaum halten können. Zum Abschluss unseres Gesprächs gab er mir sogar noch ein Fläschchen Olginwurz und fragte mich, ob ich wisse wozu man das brauche. Was für eine Frage! War ich nun ausgebildeter Leibmagier? Verstand ich mich auf die Alchemie? Auf die Kräuterkunde? Auf die Bekämpfung von Vergiftungen? Natürlich wusste ich, wozu Olginwurz benötigt würde. Und es gab mir zu denken, dass er wiederum dachte, ich könnte es benötigen, wenn ich heute Abend das Fest besuchte. Aber letztendlich hatte er ja recht… Vorsicht war besser als Nachsicht. Also steckte ich das Fläschchen ein um die Tinktur später einzunehmen.
Aber dann hatten wir alles besprochen, was es in meinen Augen zu klären gab und ich verabschiedete mich, um den Tag noch ein wenig sinnvoll zu nutzen.
Zunächst machte ich mich auf zum weißen Marmorpalast der Gerbelsteins gegenüber dem Borontempel. Ich musste ja Vaters Geschenk noch mit den besten Empfehlungen abliefern. Und den Weg kannte ich ja bereits von meinem Gang zur Kanzlei, hatte also keine Sorgen mich in der Stadt irgendwie zu verlaufen. Überhaupt war Mengbilla in meinen Augen im Vergleich zu Al’Anfa oder auch Gareth, ja selbst Kuslik oder Festum schön überschaubar. Da hatte ich kaum bedenken mich nicht zurecht zu finden. Bei den Gerbelsteins war mir allerdings weniger Glück beschieden. Der Herr des Hauses war nicht anwesend, sondern in seinem Kontor den Geschäften nachgehen. Also nicht anders, als ich es auch von Vater um diese Tageszeit erwartet hätte. Aber ihn beim Tagwerk stören wollte ich auch nicht, daher ließ ich mir von seinem Majordomus einen Termin für den nächsten Tag zum Abendessen zur sechsten Stunde geben. Das war in jedem Fall die sicherste Variante die auch den üblichen Gepflogenheiten entsprach. Und es mochte ja durchaus sein, dass ich den Herrn Gerbelstein bereits heute Abend auf dem Fest treffen mochte um mich vorab schon einmal vorzustellen. Die sich bietenden Möglichkeiten mochten an diesem Abend endlos sein, aber ich sollte mich lieber nicht zu sehr verzetteln, sondern auf die naheliegendsten Aufgaben konzentrieren.
Mit der nächsten Einladung in der sprichwörtlichen Tasche wollte ich nun einem persönlichen Anliegen nachkommen und dem gegenüberliegenden Borontempel einen Besuch abstatten. Es konnte nie schaden den Herrn des Schweigens um seine Gnade und seinen Schutz für die eigenen Seele zu bitten. Der schwarze Basalt des imposanten Tempels strahlte eine würdige Ruhe und Erhabenheit aus, wie sie nur den Häusern des Rabens zu eigen war. Die Stille lastete bereits auf dem weiten Platz der vor dem Tempel lag wie ein körperlich spürbares Drücken als Insel im Trubel der geschäftigen Stadt. Als ich die Treppe zur Pforte des Tempels hinaufging kam mir ein Akoluth in dunklem Gewand entgegen und grüßte mich mit einem stummen nicken, dass ich mit einem geflüsterten Gruß erwiderte. Zu meiner Überraschung fand ich das Tempeltor jedoch verschlossen und der Diener des Raben bedeutete mir mit einem stillen Zeichen, ich möge ihm auf den Platz folgen. Erst dort erhob er leise die Stimme um mir mitzuteilen, dass das Haus des Raben heute wegen einer besonderen Messe für Besucher geschlossen sei, ich möge doch morgen Wiederkommen. Das fand ich zwar ungewöhnlich, aber ich kannte natürlich den Festkalender Mengbillas nicht. Hier mochte es auch einen Feiertag für einen lokalen Heiligen geben, von dem ich noch nie gehört hatte. Also würde ich auch diesen Besuch wohl morgen, bevor ich zu meinem Termin mit dem Herrn Gerbelstein ging, noch nachholen müssen. Und da ich mir mein Anliegen bei den Ankbesis bezüglich des Corpus Mutandis für die Zeit vor meiner Abreise aufheben wollte, nicht das ich das Buch nun erwarb und dann etwas unvorhergesehenes geschah und es schaden nahm, hatte ich den restlichen Tag nichts weiter vor bis zum Abend.
Daher ging ich zurück in den Rahjatempel um mich in Ruhe auf den Abend vorzubereiten. Was bedeutete, noch ein wenig zu Ruhen damit ich der Feier ausgeschlafen bis in die frühen Morgenstunden beiwohnen konnte, nahm ein ausgedehnte Bad in den Becken des Tempels und machte mich dann ein wenig hübsch. Natürlich legte ich auch die gute, schwarze Robe zu diesem Anlass an und trug den Stab in seiner kurzen Variante im seitlichen Gehänge. Zuletzt kippte ich noch den Olginwurz hinunter. Das Zeug mochte ja präventiv gegen alle möglichen Venenica wirken, das änderte aber nichts daran, dass es scheußlich schmeckte. Dergestalt präpariert machte ich mich zum Einbruch der Dämmerung auf in Richtung des Praiostempels. Nun begann also der ernste Teil des Tages…
Der Praiostempel war, wie für die Häuser des Sonnengottes üblich, ein prächtiger Kuppelbau. Im Eingangsbereich warteten bereits zahlreiche andere Gäste auf ihren Einlass, der durch bereitstehendes Ordnungspersonal geregelt wurde. Meinen Dolch hatte ich wohlweislich in meiner Kammer zurückgelassen, ich war ja zu einem Fest und nicht zu einer Straßenschlacht eingeladen. Und daran hatte ich gut Getan, wurden doch alle, die noch Klingen oder anderes Mordwerkzeug am Leib trugen höflich gebeten, dieses nun an der Tür abzugeben. Eine süße junge Bedienstete, der es sichtlich Freude machte meinen Leib von oben bis unten und zurück abzutasten, ob ich nicht doch versuchte ein Messer hineinzuschmuggeln, schenkte mir ein einladendes Lächeln. Rahja hilf, diese Stadt war voller Versuchungen, aber ich würde standhaft bleiben! Ich erkundigte mich freundlich, ob die Dame Tarifa bereits anwesend war, erhielt aber die Auskunft, sie würde vermutlich nicht vor der zehnten Stunde erscheinen. Was ihrem Rang nur angemessen war, denn je höher man in der Hierarchie stand, umso länger stand es einem zu, die gemeinen Gäste auf sich warten zu lassen. Gut das ich mich erkundigt hatte, denn so sparte ich mir die Peinlichkeit meinen großen Auftritt für sie verfrüht hinzulegen. Ich würde später nur den rechten Moment abpassen müssen, um auch sicher zu gehen, dass sie mich wahrnahm. Dann gewährte man mir mit dem Wunsch eines schönen Abends Einlass durch die hohen Pforten, hinein in das ehemalige Heiligtum des Sonnengottes.
Ich war bei weitem nicht der erste Gast und musste zugeben, das bereits jetzt gebotene nötigte mir Respekt ab. Links und rechts im großen Saal bogen sich Tische unter der Last exotischer Speisen und erlesener Getränke. Der Gastgeber schien nur das Beste aufgefahren zu haben, das hätten wir zu Hause auch nicht edler auftischen können. Die Wände des Rundes zierten Bilder und Fresken, die der früheren Nutzung entsprachen, jedoch von allerlei zotigen und blasphemischen Sprüchen verunstaltet wurden. Ich war hin und hergerissen, ob ich das nun verwerflich oder amüsant finden sollte, ja, war gar versucht mit einem Menetekel Flammenschrift einen eigenen Spruch zu ergänzen. „Steht die Funzel trüb am Himmel – Praios hat nen kleinen Pimmel“ oder etwas in der Art. Ich unterließ es dann aber doch… man soll die Götter, auch den Herrn Praios, nicht unnötig gegen sich aufbringen. Dazu bestand einfach keine Notwendigkeit. Zumindest noch nicht. Das mochte ich mir aufheben, um die Kurtisane später weiter zu beeindrucken und für mich einzunehmen.
Gaukler, Künstler und Feuerspucker boten ihre Vergnüglichkeiten dem Publikum dar und streiften durch den Raum, ein paar Musiker untermalten das Treiben mit ihren Melodien von einer Bühne aus. Zwischen den Gästen gingen leicht bekleidete Jungen und Mädchen mit Tabletts herum und boten einem zu Trinken, sobald das Glas leer war. Ein wenig absonderlich fand ich einen Kerl, der einen Nackten einer Leine auf allen Vieren durch den Saal führte. Und ich war mir nicht sicher, ob es sich dabei um einen Gast oder einen Teil des Unterhaltungsprogramms handelte. Neben dem roten Vorhang, durch den ich den Saal betreten hatte, führte auf der gegenüberliegenden Seit ein blauer Vorhang hinaus, seitlich ein Grüner weg. Am faszinierendsten aber war, was sich in der Kuppel abspielte. Dort schwebten zahllose, zweifellos phantasmorgisch erzeugte, Figuren wie Blumen, Einhörner und Sterne herum und boten ein beeindruckendes Schauspiel. Und dazwischen schwebte, an einer Art Schaukel oder Schals, eine ganz und gar reale und völlig nackte, junge und überaus niedliche Moha, sich in der Luft zum Takt der Musik wiegend. Ich gebe zu, da musste ich einfach länger als nur einen kurzen Augenblick hinsehen, bis ich es wieder schaffte den Blick abzuwenden. Wäre ich nicht schon vergeben… aber nein. Die Gedanken mochten frei sein, aber es schadete nichts, sie freiwillig im Zaum zu halten!
Als ich meine Aufmerksamkeit wieder den anderen Gästen zuwandte und alles ein wenig Überblickte war ich überrascht, wie vielfältig die Gäste waren. Es schien fast, als hätte man hier versucht alle möglichen Menschen zu sammeln um sie zu beeindrucken. Vom hohen Norden bis in den Süden, von allen Küsten und Gestanden, von Jung bis Alt schien sich fast alles zu finden, was Aventurien bieten und sich gerade in der Stadt befinden mochte. Sogar einen anderen Magus in schwarzer Robe und hohem Hut konnte ich ausmachen. Und da mir dieser als die passendste Option für eine gepflegte Konversation erschien, machte ich mich direkt zu ihm auf.
Der Kollege entpuppte sich als Magister für Magietheorie an der Al’Achami von Fasar. Das ließ mich direkt etwas vorsichtiger werden. Seit dem Tod Donata’s war ich mir nie sicher, ob die Fasarer das am Ende einmal herausbekommen und mir nachtragen würden. Ich stellte mich zunächst nur als Victor d’Pellisario aus Al’Anfa bei ihm vor, aber er schien mich Beeindrucken zu wollen und das Ganze auf die förmliche Art zu bevorzugen. Magister Raul ibn Reto sal Horush ay Jergan, stellte er sich mit vollem Namen vor, was ich dann natürlich ebenfalls tat. Drollig, ich war fast geneigt zu Fragen wie ein Magus aus Fasar dazu kam die Namen zweier Mittelländischer Kaiser sowie eines maraskanischen Gewächses und einer Stadt dieser Insel zu führen. Die Geschichte dahinter mochte sogar interessant sein. Aber bevor ich dazu kam ihn das zu Fragen begann er schon zu erzählen, dass er derzeit ein Schriftwerk über die Beschwörbarkeit von Göttern verfasste und wollte wissen, wie ich dazu stand. Ich fand den Gedanken, wenn auch abwegig, zumindest interessant. Wenn er da Erfolge erzielen würde wäre das für mich ein deutlicher Schritt dahin, irgendwann den Namenlosen selbst zur Strecke zu bringen. Es mochte zunächst nur eine wirre Theorie dieses Fasarers sein, aber warum nicht… ich würde mir sein Werk dann zumindest einmal durchlesen. Er war nun hier um es nach der Fertigstellung in der örtlichen Druckerei vervielfältigen zu lassen. Da hatte er recht, das war natürlich effektiver als abschreiben, wenn auch nicht so traditionell. Und ich sollte, so meinte er, mir doch einmal die Büchersammlung im Hesindetempel ansehen, diese sei eine der besten Bibliotheken hier im Süden des Kontinents. Nun… auch das mochte ich bei Gelegenheit tun. Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass Mengbilla dafür berühmt wäre. Aber gut, dafür tauschte man sich ja mit Kollegen aus, nicht wahr? So plauderten wir ein wenig, als eine Gestalt zu uns trat, die ich bereits im Eingangsbereich gesehen hatte, und sich unversehens mit einem schweren, ich hätte vermutet nordländischen, vielleicht bornischen Dialekt in unsere Konversation mischte, als wir darüber sprachen das es neben den, wenn man das arkane dazuzählte, 7 Elementen, noch ein achtes geben würde. Soweit zumindest in der Theorie mancher Magier, eine Beweisführung dahingehend stand meines Wissens allerdings noch aus. Ich klärte also unseren Neuankömmling, der sich Fjedril Reschkin nannte, darüber auf, dass es sich hierbei um das Karmale, also göttliche, handeln würde. Seine Worte ließen gelegentlich durchblitzen, dass er vielleicht etwas gebildeter sein mochte, als er eigentlich Vorgab zu sein. Er wäre nur ein einfacher Einkäufer für alchemistischen Bedarf und von seiner Herrin, einer Magistra Sylphorika aus Pavi und der Akademie zu Riva hierhergeschickt worden, um deren Bedarfe an Exotika zu besorgen. Er passte kaum in diese Gesellschaft mit seinem rasierten Schädel, dem Zöpfchen das er daran trug und seinem Bart. Aber das Rätsel um diesen Burschen zu lösen könnte eine lustige Abwechslung sein. Hinter ihm steckte sicher mehr, als er auf den ersten Blick erkennen ließ.
Und dann geschah etwas, das ich weder erwartet noch mir gewünscht hätte. Eine mir bekannte Stimme ertönte in meinem Rücken, mich lautstark ansprechend. Zu allem Überfluss, ich will es einmal zumindest noch nicht Übel nennen, hatte es den Taugenichts Tulef auf dieses Fest verschlagen. Ja ließen die hier denn jeden dahergelaufenen Lump rein? Da hatte ich den Veranstaltern dieses Festes eigentlich mehr zugetraut! Das Rätsel, wie ausgerechnet einer wie Tulef sich hier einschleichen konnte war schnell aufgeklärt, da er es freimütig erzählte. Er war im Auftrag seiner Herren vom Handelshaus Engstrand hier – wozu auch immer. Was meine Meinung über dieses Haus nicht wirklich verbesserte. Hatten die keine respektableren Emissäre als solche zwielichtigen Gestalten wie diesen Tulef? Aber vielleicht würde mir seine Anwesenheit am Ende sogar nutzen. Wenn ich die Dame Tarifa traf und ein williges Opfer für diverse Folterspielchen bräuchte, müsste man ja nicht unbedingt einen Sklaven dazu missbrauchen, sondern dieser Tulef war so der Typ Mann, dem ich für Geld so ziemlich alles zutraute – bis dahin, sich voll Freude für einige Goldstücke auspeitschen zu lassen. Ich sollte ihn also besser nicht aus den Augen lassen…
Unser Konversationskreis erweiterte sich noch weiter. In Tulefs Begleitung befand sich ein weiterer Mann aus dem Norden. Aus Weiden um genau zu sein, wenn ich das richtig verstanden hatte. Dieser Bursche, der sich zu seinem Unglück an Tulef gehängt hatte, hörte auf den Namen Hagen, was Tulef immer wieder dazu animierte, dies in Reimform ins Gespräch einzubinden. Hagen, lass dir sagen. Hagen, willst du klagen. Hagen, es geht ihm an den Kragen. Und derlei lustlose Wortspiele mehr. Aber was sollte man von jemand wie Tulef auch sonst erwarten, als kleingeistige Scherze auf Kosten Anderer zu treiben? Nun suchte dieser Hagen also jemanden in Mengbilla. Einen, vermutlich, Magus, der sich Aldrik vom grauen Pfad schimpfte und in seiner Heimat Gräber geöffnet haben soll. Ein Nekromant also, der sich vor der Verfolgung durch die Praios- und Boronkirche in den Süden abgesetzt hatte. Da war er ja nicht der erste. Seltsam war nur, dass er eine Art Spur ausgelegt hatte, so dass man ihm folgen konnte. Hagen zeigte mir ein eigenartiges Zeichen, das er zuerst an den Gräbern und danach in vielfacher Form an anderen Orten gefunden hatte, bis es ihn nun nach Mengbilla gelotst hatte. Fjedril, der mir über die Schulter gesehen hatte, hielt es für das Zeichen des Wassers. Was aber völliger Humbug war, so weit war es dann anscheinend mit seiner Bildung doch nicht her. Das war resemblierte ganz eindeutig eher dem elementaren Symbol der Luft – was aber im Zusammenhang mit Nekromantie überhaupt keinen Sinn ergab und daher erst einmal Rätselhaft blieb. Sein letzter Hinweis war, dass der Vater der Bettlerfürsten, wohl einer der lokalen Unterweltpotentaten, das Signum zuletzt hatte und er von diesem erfahren würde woher, wenn Tulef nun einen Auftrag für das zwielichtige Subjekt erledigen würde. Dieser Narr wollte sich also in die örtlichen Machtspielchen einmischen? Torheit nenne ich das! Vermutlich würde er zwischen den Parteien zerquetscht wie ein Korn zwischen den Mühlsteinen. Aber das sollte nicht mein Problem sein…
Wir waren gerade mitten in unserem Palaver als ein Ausrufer auf die Bühne trat und die Musik lauter wurde. Ein besonderer Akt des Festes schien loszugehen. Unter der Kuppel, wo vorhin noch die hübsche Moha geschwebt war drehten sich nun ein halbes Dutzend halbnackte Tänzerinnen frei in der Luft. Ein aufmerksamer Beobachter wie ich konnte bald feststellen, dass es sich wohl um eine fantasmorgische Darstellung handeln musste, da sich die Bewegungen zyklisch wiederholten und mehrere Magier mit konzentriertem Blick bei den Musikern standen. Aber, das wollte ich ihnen zugestehen, es war eine recht gelungene und überzeugende Illusion, die sie da zustande brachten. Das waren keine Anfänger. Was mich wieder daran erinnerte, dass ich mich ja selbst auf diesem Gebiet auch noch fortbilden wollte, wenn mir nicht in den letzten Monden einfach die Zeit dafür so gefehlt hätte. Aber wenn ich wieder Zuhause war… unten auf der Bühne drehten sich derweil sechs echte schleierverhüllte Tänzerinnen, die sich langsam entkleideten und gegenseitig ihrer spärlichen Garderobe beraubten. Ein verführerischer, gar betörender Anblick! Ich war regelrecht gebannt von dem Schauspiel, verlor mich in den zauberhaften Bewegungen der schlanken Leiber. Dann kamen auch noch sechs männliche, ebenfalls sehr ansehnliche, Tänzer hinzu, die eine Art höfischen Tanz aufführten, bevor das Spektakel endete und ein, vermutlich ebenfalls illusorisch erschaffener, Wohlgeruch den Raum erfüllte. Ja… hier hatte jemand nicht zu knapp in die Trick- und Schatzkiste gegriffen, um den Besuchern etwas zu bieten. Wenn das der Beginn des Abends war… dann mochte der weitere Fortgang noch spannend werden. Er als der Tanz der Schönheiten endete fiel die Trance von mir, aber auch einigen anderen Gästen, ab und das Gefühl in einem Traum gefangen gewesen zu sein verklang langsam. Eigentlich mochte ich es ja nicht, wenn man meinem Geist etwas Aufzwang. Aber an dieses Gefühl würde ich mich durchaus gewöhnen können, da gab es deutlich unangenehmere Erfahrungen.
Am Ende des Schauspiels betrat eine Frau die Bühne um sich vor dem Publikum zu verneigen, obwohl sie selbst nicht Teil der Darbietung gewesen war. Sie war um die 40 Götterläufe, aber konnte aber dennoch mit Fug und Recht als wunderschön bezeichnet werden. Alles an ihr strahlte eine würdevolle Eleganz aus, deren Präsenz die ganze Bühne vom ersten Auftritt an für sich einnahm. Das musste die Meisterin der Kurtisanengilde sein. Also mein designiertes Ziel. Das würde nicht unbedingt einfach werden, aber ich konnte mir unangenehmere Aufgaben vorstellen. Die Kunst würde nur sein dabei die Grenze, die ich mir selbst gesetzt hatte, nämlich nichts zu tun was meine süße Visaria verletzen könnte, nicht zu überschreiten. Das mochte ein regelrechter Seiltanz über einem Haifischbecken werden. Aber wäre es einfach, hätten sie ja auch nicht mich, sondern jemand anderes dafür geholt… Diese Herausforderung würde ich annehmen!
Völlig unbemerkt hatte sich eine weitere Person in unseren kleinen Gesprächszirkel geschmuggelt, während wir abgelenkt waren. Es war die Moha, die vorhin noch an Seilen von der Decke gehangen war und die nun bei Tulef stand und mit ihm plauderte. Auch aus der Nähe… das Mädchen hatte wirklich seine Reize. Und wusste diese ziemlich gekonnt einzusetzen, wie ich Tulefs Gesicht ansah. Wenn er nicht aufpasste, würde ihm gleich die Zunge aus dem Mundwinkel hängen. Sie hieß Isna, kam hier aus Mengbilla und arbeitete für eine Frau Namens Kaja, eine attraktive Halbelfe die sie uns am Buffet stehend zeigte und die Inhaberin des Roten Bocks sei. Um zu Raten welcher Art dieses Etablissement sein mochte brauchte ich nicht viel Phantasie. Dementsprechend dauerte es auch nicht lang, bis sich Isna Tulefs annahm und mit ihm „nach Nebenan“ verschwand. Die übrigen Tänzerinnen hatten sich derweil von der Bühne aus in die übrigen herumstehenden Grüppchen „integriert“ und schienen auf ähnliche Art und Weise zur Unterhaltung der Gäste zu dienen. Für den, der wollte, blieben hier wohl wirklich keine Wünsche offen. Rahja, steh mir bei…
Die Feier nahm nun wieder ihren regulären Verlauf und wir standen weiter in unserer kleinen Diskussionsrunde beisammen, verschiedenste Themen streifend. Fjedril würde das nächste halbe Jahr kaum nach Paavi zurückkehren können, die Schiffspassage sollte jetzt dann zugefroren sein, bis er wieder in den Norden kam. Allerdings ließ er immer wieder erstaunliches Wissen durchblitzen, das man einem Burschen wie ihm überhaupt nicht zutrauen wollte, und das auf den verschiedensten Gebieten. In mir wuchs mehr und mehr der Wunsch, diesen bezopften Nordländer als Assistenten mit nach Al’Anfa zu nehmen. Der Bursche würde einen hervorragenden Handlanger abgeben. Und er hatte anscheinend nicht nur mehr als der durchschnittliche Gehilfe im Kopf, sondern auch noch recht beachtliche Oberarme… die würden sicher auch nützlich sein, wenn es einmal handfester wurde. Wie hangelten uns im Gespräch von Thema zu Thema, bis wir, unweigerlich irgendwann, bei meinen Reisen, Erlebnisse und auch der Dämonologie hängen blieben. Besonders schien Fjedril mein Erlebnis mit der Kadaverbestie zu faszinieren – dass er solche Dinger kannte sprach ja schon für sich. Er zweifelte allerdings an, dass ich die Kontrolle darüber hätte übernehmen können, bzw. unterstellte mir dann, ein Dämonenknecht zu sein. Ich versicherte ihm jedoch, dass ich an Seele und Leib unbefleckt von der siebten Sphäre sei. Dies wiederum wollte er erneut nicht glauben, weswegen ich nicht nur auf meinen erst kürzlich unter dem Eidsegen der Travia geschlossenen Ehebund verwies, sondern auch den praktischen Beweis, sprich die Absens eines Dämonenmals, anzutreten bereit war, wozu wir uns in den Badebereich begaben.
Diesen erreichten wir durch den blauen Vorhang, der einen Flügel des ehemaligen Tempels abtrennte. Hierher hatte sich auch Tulef mit Isna zurückgezogen, die ihm gerade als wir eintraten über das Haar – und nicht nur dieses – Strich und die sich von unserer Anwesenheit nicht im Geringsten stören ließen. Gut, sollten sie, der arme Tulef hatte vermutlich ohnehin nur selten die Gelegenheit, einen weiblichen Körper zu erkunden. Da musste er jede sich bietende Möglichkeit nutzen und mit Isna hatte er sicher eines der besseren Exemplare gefunden. Vermutlich kam er sonst kaum über unansehnliche und übelriechende Hafenhuren hinaus. Insofern beglückwünschte ich ihn im Stillen zu seiner Eroberung. Mir selbst half eine niedliche Dienerin aus der Robe und verstaute meine Habseligkeiten in einem bereitstehenden Korb. Solcherart entblößt drehte ich mich einmal im Kreis, damit Fjedril sich davon überzeigen konnte, dass ich nirgends ein Dämonenmal versteckt hatte, bevor ich mich in eines der Badebecken gleiten ließ, wo wir von den Badedamen mit Weintrauben, Schwämmen und Massagen verwöhnt wurden. Ja… so ließ sich der Abend aushalten. Das Wasser hatte eine angenehme Temperatur und ich entspannte mich schnell unter den flinken Fingern des Mädchens das sich meines Nackens annahm.
Fjedril entschied sich dafür, mit einer anderen Dame in einen separaten Zuber zu gehen und sich dort etwas weitergehend verwöhnen zu lassen. Sie unterhielten sich zunächst, was noch irgendwie geschäftlich wirkte, bevor sie sich dann völlig hemmungslos auf ihn setzte und zu eindeutig anderen Aktivitäten überging. Ein Kostverächter war er offensichtlich ebenfalls nicht. Später erfuhrt ich, dass dieser praktisch veranlagte Schlingel das angenehme mit dem nützlichen zu verbinden wusste, denn die Dame die er sich da geangelt hatte war die Herrin Kolomaistos, die Leiterin der Menbillaner Alchemistengilde. Vor so viel Chuzpe musste ich glatt meinen nicht vorhandenen Hut ziehen… seine Geschäftsabschlüsse brachte er jedenfalls sauber unter Dach und Fach wie mir schien. Er würde sich in Al’Anfa auf jeden Fall hervorragend machen. Im hohen Norden war solches Talent doch völlig verschwendet!
Ich hatte es mir gerade so richtig gemütlich gemacht, als auch der Kollege Raul ins Bad kam und wir uns nun in entspannter Atmosphäre weiterer Fachsimpelei widmeten. Dabei erfuhr ich auch das ein oder andere Interessante über ihn. Zum einen war auch er offensichtlich kein Paktierer, zumindest trug er ebenfalls kein verräterisches Mal am Körper. Und er beherrschte offenbar den Blick in die Gedanken, denn diesen wendete er ganz offen an, als er sich nach meinen Zielen erkundigte. Ich dachte in diesem Augenblick an den von Hagen gesuchten Magus, also fragte ich ihn direkt, ob ihm der Name Aldrik vom grauen Pfad bekannt sei. Gehört hatte er von diesem Kollegen wohl schon einmal, er war sich aber nicht mehr sicher woher. Das wäre mir und meinem hervorragenden Gedächtnis nicht passiert! Aber gut, es konnte ja nicht jeder so brillant sein wie ich. Zumindest war dies eine weitere Spur, der Hagen bei Gelegenheit nachgehen könnte, sollten sich Tulefs Kontakte als Sackgasse erweisen. Raul legte zwar die für einen Fasarer Magier normale Überheblichkeit an den Tag, war aber ansonsten ein recht umgänglicher Mann, ich mochte den Kollegen, auch wenn ich seine Thesen zu den Göttern als beschwörbare Entitäten nicht unbedingt teilte. Aber für geistreiche Konversation am Abend würde ich während meines weiteren Aufenthalts in Mengbilla auch gerne die nächsten Tage noch zurückkommen.
Es war schwer zu sagen, ich vermutete irgendwo um ein Stundenglas später mochte es gewesen sein, als ich mich wieder ankleidete und in den großen Saal zurück ging. Ich war ja nicht nur zum Vergnügen hier, sondern hatte auch noch eine Aufgabe zu erfüllen. Das augenfälligste war, dass die Buffets umdekoriert worden waren. Auf den Tischen lagen nun ein junger Mann und eine junge Frau, deren Körper von allerlei Leckereien bedeckt waren und die reglos daliegend offenbar als lebende Servierplatten dienten. Die Mengbillaner gaben sich wirklich Mühe an Dekadenz auf Al’Anfa aufzuholen. Und da ich ohnehin Lust auf etwas süßes hatte, im doppelten Sinne sozusagen, begab ich mich zu dem Tisch auf dem das Mädchen lag. Dort bediente ich mich mit spitzen Fingern an den bereitgestellten Häppchen, fast ein Spiel daraus machend die Teilchen zu stibitzen ohne das sie es überhaupt spürte. Ganz im Gegensatz zu einem dicken blonden Kerl, der sich wie ein fettes Schwein über das Essen hermachte und mit gierigen Fingern den Mund vollstopfte. Furchtbar! Ich vermied eine Unterhaltung mit ihm weitestgehend, allein sein Auftreten war mir schon zuwider. Aber immerhin erfuhr ich von ihm, dass die Dame Tarifa sich wohl im Rauchersalon, also hinter dem grünen Vorhang befinden musste. Nachdem ich mir noch ein letztes karamellisiertes Früchtchen gegönnt hatte machte ich mich dorthin auf. Zuerst einmal würde ich die Lage sondieren, denn mich meinem „Opfer“ zu offensiv aufdrängen wollte ich mich auch nicht. Das wäre zu offensichtlich gewesen… eher sollte sie ein Auge auf mich werfen und selbst auf den Gedanken kommen, meine Nähe zu suchen.
Ich zog den grünen Vorhang ein Stück zur Seite um in den von Rauchschwaden durchwaberten Raum zu sehen – und hielt verdutzt inne. Dort stand derselbe blonde Kerl, den ich gerade am Buffet zurückgelassen hatte! Als ich über die Schulter nach hinten blickte stand der aber immer noch dort. Potztausend! Da hätten sie mich jetzt fast genarrt… der zweite Blonde trat aus der Räucherkammer und machte sich, lautstark nach seinem Zwillingsbruder rufend, auf durch den großen Saal. Ich sah ihm hinterher, bedauerte innerlich schon das arme Mädchen auf dem Buffet, dem nun vermutlich ein weiteres Paar gierig grapschender Griffel bevorstand und atmete dann tief durch. Nun hieß es also, zur Tat zu schreiten. Mit beiden Händen fuhr ich mir über die Wangen: Attributo Charisma. Ja, ich weiß. Das war beim letzten Mal schon fast danebengegangen, als ich solcherart ein Fest besucht hatte. Und ich wusste, ich würde mich vorsehen müssen. Aber wie sagt man so schön… der Köder muss dem Fisch schmecken, sonst beißt er nicht. Und wenn nun die Dame Tarifa meine Forelle war, so war ich zweifellos ein ausgesprochen leckeres Lockmittel. Dann schob ich den Vorhang zur Seite und machte mich auf, die Rauchwolken zu durchdringen.
Die Luft war zum schneiden dick, es war als würde man durch den Nebel der Havener Marschen wandern. Nur das es weniger nach Sumpf, dafür mehr nach Mohasca, Ilmenblatt und anderem Rauchwerk roch. Das begrüßte ich zwar einerseits, ärgerte mich aber jetzt schon darüber, dass meine Robe morgen früh wie frisch aus der Räucherkammer riechen würde. Ich schlenderte wie selbstverständlich durch den Raum, mich umblickend wen und was ich hier alles finden mochte, eine ruhige Gelassenheit ausstrahlend, die nur derjenige an den Tag legte, der selbstverständlich hierhergehörte. Denn wenn ich eines die letzten Monde gelernt hatte, dann war es, dass Frauen Unsicherheit genauso leicht witterten wie der Bluthund den Schweiß seines Opfers. Nein, da hieß es sicher auftreten und sich keine Blöße geben. Es war auch nicht allzu schwer Keidre die Tarifa ausfindig zu machen, sie hatte es ja auch gar nicht nötig sich zu verstecken. Mitten im Raum lag sie auf einem Diwan, das natürliche Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Eine Frau, die es gewohnt war im Mittelpunkt zu stehen. Und wer konnte es ihr verdenken? Selbst in ihrem leicht fortgeschrittenen Alter hatte sie vermutlich an jedem Finger 10 Verehrer, die sich darum prügelten ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Und dabei unterschlug ich wahrscheinlich noch einmal die gleiche Anzahl, die an ihren Zehen hingen. Wäre ich nicht ein braver Ehemann, ich würde ihrem Charme vermutlich ebenso erliegen. Aber gegen meine süße Visaria konnte auch dieser reife Paradiesvogel nicht ankommen. So lag sie also da auf ihren Kissen, umgeben von drei Herren, mit denen sie offensichtlich spielte wie ein Meistermusiker auf seinem Instrument. Nur das diese Tölpel das offensichtlich nicht einmal bemerkten, sondern sich in der Aufmerksamkeit der Schönheit suhlten wie die Schweine im Dreck. Idioten! Mir meiner Ausstrahlung voll bewusst schlenderte ich an der Dame vorbei und warf ihr einen seitlichen Blick zu. Ja, da war auf jeden Fall ein Aufflackern von Interesse in ihren Augen. Aber genauso wie ich versuchte sie zu locken schien sie mich ganz bewusst zu ignorieren um ihr Spielchen fortzusetzen. So war das also… sie wollte es anscheinend darauf ankommen lassen, wer zuerst die Nerven verlor und den ersten Zug machte. Das würde… interessant werden.
Ich ging noch bis zum Ende des Raumes weiter, sie ebenfalls links liegen lassend. Neben den zahlreichen Rauchern, die mit ihren Pfeifen und Zigarren die Luft mit Qualm erfüllten fand sich im hintersten Winkel ein Knäul von fünf Personen, die sich ganz anderer Aktivität widmeten und gegenseitig aufs heftigste betatschten und befummelten. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis sie auch zur Kopulation übergehen würden, da war ich mir sicher. Bei dem Anblick kamen Erinnerungen auf… aber nicht heute. Eigentlich gar nicht mehr, wenn ich es recht bedachte. Travia steh mir bei! Also machte ich mich auf den Rückweg und lächelte nun die Dame Tarifa offen an, als ich erneut an ihr vorbei und zurück in den großen Saal ging. Sie sollte ruhig merken, dass ich sie wahrgenommen hatte. Aber mehr würde ich ihr jetzt im Augenblick nicht zugestehen. Da mochte sich eine bessere Gelegenheit im weiteren Laufe der Nacht bieten, als sich als vierter Gespiele in den Reigen ihrer Verehrer einzureihen. Oh nein, ein Victor Dondoya spielte nicht die vierte Geige in einem solchen Reigen… wenn dann würde ich den Ton angeben! Da musste nur noch der Rechte Moment kommen…
Im Saal, es war mittlerweile wohl ein gutes Stundenglas nach Mitternacht, wurde es ebenfalls allerorten zügelloser und offen frivoler. Kaum ein Sessel, in dem nicht ein Kerl mit einem hübschen Mädel auf dem Schoß saß. Keine Ecke, in die sich nicht ein Pärchen zurückgezogen hatte. Und auf die Garderobe schien man auch nur noch bedingt zu achten, denn es lagen auch immer wieder einmal achtlos beiseite geworfene Kleidungsstücke herum. Die Feier schien offensichtlich fahrt aufzunehmen. Aber davon, dass ich hier den Einfluss Belkelels wahrnehmen würde, waren wir noch meilenweit entfernt. Eigentlich ging es sogar noch recht gesittet zu, das hatte ich schon wilder erlebt. Was, zumindest im Sinne meines Auftrags, fast schon enttäuschend war. Daher wand ich mich erneut dem Buffet zu und begann, diesmal direkt mit den Lippen, einzelne leckere Häppchen vom Körper des dort liegenden Mädchens zu naschen. Das war ein Spiel, das ich mir für daheim merken musste. Vom Leib meiner süßen Visaria würde das Naschwerk noch einmal viel besser schmecken, dessen war ich mir sicher.
Ich hatte mir gerade eine besonders süße Erdbeere im Zuckermantel genommen, als ich aus den Augenwinkeln etwas ungewöhnliches sah. Mehrere Bewaffnete, offenbar angehörige der Stadtgarde, postierten sich im Saal und blockierten den Ausgang. Was sollte das denn? Ich blieb erst einmal ruhig neben meinem lebenden Servierschälchen stehen. Zum einen hatte ich ja nichts zu befürchten, zum anderen wäre es mir ein leichtes innerhalb von Herzschlägen zu verschwinden. Meine Gelassenheit teilte jedoch nicht jeder. Während Tulef und Hagen wie Hühner vor dem Ochsenkarren der drohte sie zu überrollen stehen blieben, machte sich Fjedril daran die beiden wie eine Glucke die Küken Richtung eines Seitenausgangs zu bugsieren. Entweder hatte er etwas zu verbergen oder in der Vergangenheit schlechte Erfahrung mit Obrigkeiten und solchen Situationen gemacht. Aus seiner Haltung Sprach eine gewisse Vorsicht und Umsicht, die mich erneut erstaunte und bestärkte, ihn in meine Dienste nehmen zu wollen. Geistesgegenwärtig, wenn auch vielleicht etwas übertrieben in der Reaktion, und dennoch überlegt handelnd. Das gefiel mir. Dann waren die drei auch schon aus meiner Sicht verschwunden, sie hatten sich von dem Mädchen Isna wegführen lassen, die als Bedienstete hier sicher auch die Hintereingänge kannte.
Ich widmete meine Aufmerksamkeit nun nicht mehr dem Essen, sondern der Szenerie am Eingang. Dort diskutierten gerade die beiden dicken blonden Buben mit den Wachen und von diesen auch hinausgelassen. Anscheinend hatte ihr Wort entsprechend Gewicht, dass die Garde sich nicht an ihnen vergehen wollte. Das sollte ich mir merken. Aber ohnehin… es machte einfach keinen Sinn. Hier war im Namen des Großemirs zusammengekommen, was Rang und Namen hatte. Warum sollte man eine offizielle Veranstaltung mit einer Razzia behelligen? Oder die geschätzten Gäste gerade heute mit den kleinlichen Gesetzen der Stadt belästigen? Wäre ich der Herrscher der Stadt, ich würde jedem Wachhauptmann der meine Feier derart störte direkt von der Mauer baumeln lassen… nein, so dumm konnte niemand sein. Also was ging da vor? Und dann fiel es mir auf… die Wachen richteten ihre Aufmerksamkeit gar nicht in den Saal, sprich sperrten uns ein. Sondern sahen von der Tür aus nach außen! So, als würden sie eher den Schutz des Festes verstärken. Lauerte dort etwa eine Bedrohung? Hatte sich der Mob zusammengeschlossen und stand vor den Toren? Wenn aber nun gar keine Gefahr von den Wachen drohte… dann konnte ich meine Erkundigungen auch einfach erst einmal fortsetzen.
Ein Zimmer hatte ich noch nicht erkundet, dass hinter dem roten Vorhang, wohin ich mich nun begab. Bisher hatte ich nirgend etwas gefunden, das auf dämonische Aktivitäten hindeutete. Kein Penta- oder Heptagramm, kein Bann- oder Beschwörungskreis. Keine Opfer, keine Kerzen, nichts. Und auch dort sollte sich das nicht ändern. Ich fand mich im Spielsalon wieder, nachdem ich den Vorhang durchschritten hatte. Inrah, Boltan, Wettspiele… alles schien hier geboten worden zu sein. Und ich meine hier tatsächlich die Vergangenheitsform, denn es waren einige Diener schon dabei, die Spiele zum Teil abzubauen. Nur noch drei der acht Tische waren besetzt, die meisten Spieler hatten sich wohl schon anderen, körperbetonteren Aktivitäten gewidmet. Alles in allem der Raum, der für mich am wenigsten von Interesse war. Also ging ich wieder in den Saal.
Dort traf ich auf Fjedril, Tulef, Hagen und Isna, die es anscheinend nicht geschafft hatten sich irgendwo heimlich hinten hinauszustehlen. Dafür erzählte Fjedril nun von einem Mord, der angeblich stattgefunden hatte und als wir uns in Richtung des Ausgangs begaben sahen wir durch die Tür, wie ein lebloser Körper von den Wachen angehoben und abtransportiert wurde. Das war… ungehörig! Wenn man hier unter dem Schutz des Großemirs stand, wer war so dämlich einen seiner Gäste zu töten? Das konnte doch niemand sein, der noch ganz bei Trost war! Ich überredete die Wache mich hinauszulassen, das wollte ich mir dann doch einmal aus der Nähe besehen. Allerdings erhielt ich von dem Gardisten keine Auskunft, das mit der Schweigepflicht schienen sie hier recht ernst zu nehmen oder sehr an ihren Zungen zu hängen. Ich könnte mir aber sicher später oder Morgen an die Hauptfrau der Wache, eine Daria Siquota, wenden, wenn ich Fragen hätte. Nun, das würde ich dann wohl tun. Zunächst aber wollte ich mir den Ort des Geschehens näher besehen, und sei es nur um meine aufkommende Neugier zu befriedigen.
Wir wurden allerdings erst zum Tatort vorgelassen, nachdem die Wachen mit der Leiche des Opfers abgezogen waren. Schade. Ich hätte mir den Toten gern direkt besehen, aber das mochten wir, falls erforderlich, auch morgen noch nachholen können. Sie würde ihn vermutlich direkt zu den Boronis bringen um ihn für die Bestattung vorbereiten zu lassen. Zumindest wäre es das, was den Sitten und Gepflogenheiten entspräche. So blieb uns also nur der Blutfleck auf der Treppe, der nicht gerade klein war. Es kam auch bereits ein Diener herbei, um die Sauerei wegzuwischen, den ich aber noch warten hieß, was mir mehrere verdutzte Blicke, sowohl vom Diener als auch meinen Begleitern einbrachte. Aber bei einem wollte ich erst einmal sicher gehen. Ich strich mit dem Finger durch die Lache – ja, eindeutig Blut – und leckte ihn dann ab. Ja, auch hier sicher… das müsste Menschenblut sein. Die entgeisterten Blicke der Anderen sprachen Bände, als ich sie in dozierendem Ton über meine Erkenntnis aufklärte. Ich wollte ja nur sicher gehen, dass es sich hier nicht um eine Scharade handelte und jemand zum Beispiel mit Schweineblut ein Schauspiel veranstaltete… Und der Geschmack menschlichen Blutes war nun einmal recht einmalig. Jeder, der sich schon einmal in den Finger geschnitten und diesen abgelutscht hatte, konnte das bestätigen. Ich ließ mir von dem Diener, der dumm neben uns stand, seinen Putzlumpen geben, riss ein Stück davon ab, wischte damit etwas Blut auf und verstaute ihn sorgsam in meiner Tasche, bevor ich dem armen Tropf endlich erlaubte seiner Arbeit nachzugehen.
Erneut war es Fjedril, der mich mit seiner außerordentlichen Beobachtungsgabe überraschte. Er meinte nämlich, dass die Wachen wohl andere gewesen wären als die gewöhnlichen Gardisten, etwas Besseres, wie er meinte an ihren Farben Wappen erkannt zu haben. Später meinte Isna, als wir das Mädel wieder trafen, dass es sich um die Leibwache des Großemirs gehandelt hätte nach Fjedrils Beschreibung. Was natürlich Sinn ergab, wenn hier jemand dem Großemir quasi auf die Türschwelle schiss, beziehungsweise eine Leiche dort hinterließ. Da hatte der Herrscher der Stadt wohl ein persönliches Interesse an der Angelegenheit – oder wollte sicher gehen, dass es sich nicht zu weit herumsprach und die Sache vertuschen. Je nachdem, wie er gestrickt war, ich kannte den Mann ja noch nicht.
Was uns aber noch auf der Treppe auffiel war eine Schleifspur, welche die Stufen entlangführte, so als wäre der Körper dort hingezogen worden um ihn abzulegen. Das war zumindest seltsam, daher folgten wir der roten Schmiere am Boden, wozu man wahrlich kein begnadeter Fährtenleser sein musste. Da hätte genauso gut jemand mit roter Farbe einen Wegweiser auf den Boden zeichnen können. Wir erreichten schnell eine Seitengasse neben dem ehemaligen Tempel, wo sich eine zweite, nicht minder große Blutlache fand. Entweder war dieser Kerl auf den Stufen vollends ausgeblutet, oder es mochte sogar noch ein zweites Opfer hier an dieser Stelle gegeben haben das hier erstochen worden war. Da die Gasse recht düster war, ich ohnehin fast nichts erkannte und Fjedril nach Licht verlangte um sich die Spuren zu besehen, erfüllte ich seinen Wunsch und entzündete meine Stabfackel. Schon war es wunderbar hell, wo vorher Finsternis geherrscht hatte. Blutige Stiefelspuren liefen neben der Blutspur her. So, als wäre jemand in die Lache getreten und dann nahebei gegangen. Das sprach eher für die Theorie, dass es nur ein Opfer gab, das auf die Stufen geschleift wurde. In der Gasse waren auch Blutspritzer zu sehen, von denen Fjedril, der sich anscheinend auch mit Klingenarbeit auskannte, meinte, so würde es aussehen, wenn man jemand von hinten die Kehle aufschlitzte. Oha! Gut zu wissen…
Hagen fand in der Nähe des Haupteingangs eine Nische, in der man sich zumindest eine Zeit lang, sicher gut hätte verbergen können, wenn man jemandem Auflauern wollte, der die Feier verließ. Aber sicher nicht den ganzen Abend oder längere Zeit. Was die Frage aufwarf, war der Tote ein zufälliges Opfer, weil er der erste war der gerade unglücklicherweise den Tempel verlassen hatte, oder war es ein gezielter Anschlag. Und falls letzteres, woher wusste der Attentäter, wann sein Opfer die Feier verlassen wollte? War er selbst Innen gewesen oder hatte er einen Komplizen? Alles Dinge, die gerade reine Spekulation bleiben musste. Aber mehr gab es nun tatsächlich nicht mehr zu finden, weswegen wir wieder zurück auf die Feier gingen, auch wenn mir die festliche Stimmung gerade ein wenig abhandengekommen war.
Dort fanden wir die beiden dicken Blonden Fesselballone, die laut Tulefs Auskunft wohl Brüder aus dem Hause Gerbelstein sein mussten, im Baderaum vor. Gerbelstein? Dann würde ich sie wohl auch am späteren Abend noch einmal treffen, wenn ich dort zum Abendessen geladen war. Und in diesem Fall… war es vielleicht gar nicht verkehrt vorab schon einmal die Kontakte zu knüpfen. Also ließ ich mir von den Dienerinnen noch einmal aus der Robe helfen um mich zu ihnen in das Badebecken zu begeben. Tulef erwies sich diesmal sogar als hilfreich, weil einer der beiden, ich konnte sie nicht wirklich auseinanderhalten, der aber vom anderen Amit genannt wurde, wohl dem Wein und der Völlerei übermäßig zugesprochen hatte und nun auf einem der Diwane Ruhe benötigte. Sein Bruder, der sich als Abelmir vorstellte, war noch etwas besser beisammen, auch wenn er heftig über Dumpfschädel klagte, den er vom Alkohol und Rauschkraut haben musste. Hier bot sich nun eine günstige Gelegenheit für mich, direkt einen guten Eindruck bei der Familie Gerbelstein zu hinterlassen. Ich erbot mich, ihn von seinem Leid zu befreien und wirkte, wie schon so oft in der Vergangenheit, einen Klarum Purum um die üblen Stoffe aus seinem Blut zu vertreiben. Eine meiner leichtesten Übungen… darin hatte ich mittlerweile unerfreulich viel Erfahrung. Aber was tat man nicht alles, um bei den richtigen Leuten Eindruck zu hinterlassen? Abelmir jedenfalls war von der Wirkung meines Zaubers regelrecht begeistert und orderte direkt eine Runde „von dem guten Zeug“ für uns alle, ein blauer Punsch, der es offensichtlich in sich hatte, um genau da weiterzumachen wo er gerade vorher aufgehört hatte. Nun ja, wenn er meinte und es nicht anders wollte… noch einmal würde ich ihm eher nicht helfen. Da wir aber wussten, dass die beiden vorhin ebenfalls und noch vor uns an den Wachen vorbei nach außen geschlüpft waren, fragte ich, ob er den wüsste, wer der bedauerliche Tropf war, den man wie eine ausblutende Ziege auf der Treppe hatte liegen lassen. Und da wurde es interessant… denn Abelmir meinte, das wäre „irgend so ein Raul gewesen, der nun wohl weg sei“. Mir fiel nur ein Raul ein den ich hier kannte und der mit uns auf dem Fest gewesen war. Konnte es sein, dass jemand meinen Kollegen zu Boron befördert hatte? Das wäre ungeheuerlich! Der Einzige, der hier das Recht hätte einen Fasarer Magier ins Jenseits zu bringen war ja wohl immer noch ich! Und gegen diesen Fasarer hatte ich ja einmal gar nichts einzuwenden gehabt. Also würde mich wirklich interessieren, wer so unverfroren war, sich hier eine solche Tat anzumaßen. Der Angelegenheit würde ich wohl, sollte es meine Zeit erlauben, den ein oder anderen Moment meiner Aufmerksamkeit widmen. Zumindest wenn es meine anderen Verpflichtungen zuließen.
Im weiteren Fortgang der Nacht kamen immer mehr hübsche Mädchen und auch Burschen zu uns ins Bad, es wurde immer voller. Offenbar suchten sie Beschäftigung, nachdem bereits einige Gäste gegangen waren und in anderen Räumen die Arbeit eingestellt wurde. Daher wurden sie gegenüber den noch verbliebenen, und somit auch uns, immer aufgeschlossener gegenüber, man konnte durchaus sagen, dass sie uns, wenn auch nicht aufdringlich, so man nicht darauf einging, auf die Pelle rückten. Aber, und das wollte ich gern zugeben, es gab schlimmere Schicksale.
Fjedril hatte dafür jedoch nichts übrig. Er stand unentspannt am Eingang des Bades, beobachtete misstrauisch den Saal und die Tür als würde er irgendetwas wie einen Hinterhalt befürchten. Er war schon ein arg misstrauischer Bursche. Regelrecht paranoid, wollte ich meinen, anstatt sich mit der Situation zu arrangieren und ein wenig Vergnügen daraus zu ziehen. Irgendwann würde ich ihn fragen müssen wie es dazu kam und was er erlebt hatte, ihn so vorsichtig zu machen. Da steckte bestimmt eine interessante Geschichte dahinter.
Tulef stellte dagegen im Badebecken bei Abelmir neugierige Fragen, ob Raul Verbindungen zum Großemir hätte und noch anderes. Er versuchte den offensichtlich wieder auf dem besten Weg zur Volltrunkenheit befindlichen Gerbelstein Informationen aus der Nase zu ziehen, hatte dabei jedoch nur bedingt Erfolg, was ich so am Rande mitbekam. Raul war in Mengbilla wohl ein bekannter und angesehener Magier, der immer wieder von Fasar herüberkam aber keinen dauerhaften Wohnsitz in der Stadt hatte. Aber irgendwem war er wohl soweit auf den Umhang getreten, dass dieser sein Ableben gewünscht hatte. Und, da war ich mir recht sicher, ein billiges Vergnügen war es auf Grund des damit verbundenen Risikos sicher nicht, einen Meuchler auf einen angesehenen Magus anzusetzen. Also würde der Drahtzieher niemand sein dem es an Geld, Einfluss oder beidem mangelte. Was den Kreis schon einmal einschränkte. Aber natürlich blieb immer noch die Möglichkeit, dass der Ursprung der Tat gar nicht in der Stadt zu suchen war. Genausogut mochte der Attentäter Raul aus Fasar hierher gefolgt sein oder von sonstwo kommen. Da waren erst einmal weitere Untersuchungen von Nöten, bevor ich Mutmaßungen anstellen konnte.
Andererseits hatte Tulef durchaus Erfolg dabei, sich bei dem jungen Gerbelstein anzuwanzen. Er nahm einige Züge aus einer großen Tüte Rauschkraut und wurde für den Tag zur sechsten stunden zum Abendessen bei den Gerbelsteins eingeladen, ich hatte ihn also noch länger oder auch dabei an der Backe, was mir einen unfrohen Kommentar entlockte. Und den beiden Schwätzern verriet, dass ich bei dem alten Gerbelstein schon einen Termin hatte. Aber das war ja kein Staatsgeheimnis. Ich hätte nur einfach keinen Tulef dabei benötigt, wenn sich vernünftige Männer unterhalten wollten. Um meine Nerven zu beruhigen nahm ebenfalls einen Zug von der nun Kreisenden Tüte. Kein schlechter Stoff, das gab ich gerne zu. Aber noch einmal würde ich den Gerbelstein, der innerhalb von Minuten anscheinend wer wir waren und unsere Namen immer wieder vergaß, nicht von seinem Dumpschädel befreien.
Das Gespräch mit und zwischen den beiden verlor auch recht schnell an Reiz für mich. Tulef schien sehr bemüht es darauf an zu legen sich bei den Gerbelsteins eine braune Nase zu holen. Dieses traurige Schauspiel musste ich mir nicht länger als unbedingt nötig antun. Ich ging daher bald zurück in den Saal und dann weiter ins Raucherzimmer, vorbei an dem sich dort am Boden windenden Menschenknäueln. Täuschten mich meine Sinne, oder waren da zwischen den Menschenleibern auch Felle und Pelze zu erkennen? Ich sah lieber gar nicht erst zu genau hin… manche Sachen wollte man gar nicht wissen.
Viel interessanter für mich war, dass die Dame Tarifa derzeit allein in einer der Nischen saß, das Treiben beobachtete und dabei genüsslich einen Weinkelch in der Hand schwenkte. Diese Gelegenheit wollte ich nutzen, sprach sie an und stellte mich vor. Das ich sie nicht kannte und nach ihrem Namen fragte nahm sie mir allerdings nicht ab… also gingen wir diesen Part eher spielerisch und der Form halber durch, bevor ich mich zu ihr auf den Diwan setzte. Diesen Ausdruck in ihren Augen kannte ich… der eines Raubtiers, das Begann mit seiner Beute zu spielen. Ihr Interesse schien ich schon einmal geweckt zu haben. Gut so! Sie rutschte Stück für Stück näher, strich mir erst über Brust und Schenkel, bevor sie zielgerichtet in meiner Körpermitte zupackte. Auch wenn ich es eigentlich nicht wollte, bot sich ihr da unfreiwillig ein recht praktischer Handgriff, den sie gekonnt durch den Stoff meiner Robe umfasste. Was sollte ich sagen… am Ende war ich nun einmal auch nur ein Mann, gegen manche Dinge konnte man sich schlecht wehren. Da war selbst der beherrschteste Mann machtlos was gewisse Körperfunktionen anging. Aber darauf eingehen musste ich ja nicht… vor ein oder zwei Jahren… da hätte ich sie gepackt und nach Hinten auf den Diwan gedrückt. Aber die Zeiten waren nun vorbei. Trotzdem würde ich ihr Spiel mitspielen müssen…
Sie nahm meine Hand, musterte den Ring an meinem Finger. Die unausweichliche Frage, wer denn die Holde sei, der ich gehörte und was ich hier tat kam nicht überraschend. „Manchmal muss ein Mann sich von daheim lösen, um etwas Abwechslung zu finden,“ war meine Antwort.
Etwas ganz anderes fiel mir jedoch auf, als sie mir so nahekam. Ihr Atem roch deutlich nach schwarzen Wein. Dieses Getränk, das nicht nur den heftigsten Rausch versprach, sondern auch ein untrügliches Zeichen für eine Verbindung zur Herrin der schwarzfaulen Lust war. Das Gegenstück zum Tharf der Rahjakirche. Das schwarze Verhängnis, das schon so manchen unbedarften Zecher in den Abgrund gerissen hatte. Soweit wusste ich es, zumindest in der Theorie. Aber war es das wirklich? Oder nur ein sehr dunkler Rotwein? Das musste ich natürlich ausprobieren um sicher zu sein. Außerdem war ich überaus neugierig wie dieses überall verbotene Getränk schmecken mochte. Mit einem Lächeln ließ ich mir von ihr den Kelch reichen, mir wohl bewusst, dass sie mich dabei scharf beobachtete, nahm einen Schluck daraus und leckte mir genießerisch die Lippen. Ein Wein, eindeutig, aber was für einer! Selbst meine beschränkten Sinne nahmen das absonderliche Aroma war, das man durch den Rebensaft schmeckte, diese Note von Eisen und Blut, dem das Getränk seine unheilige Macht verdankte. Mochte es ihr ein erstes Zeichen sein, dass ich die Gabe der Belkelel so bedenkenlos trank, aber um sie zu locken würde ich noch eines draufsetzen müssen. Und auf ihre Frage, was ich denn begehrte oder wonach ich suchte hatte ich dann auch die passende Antwort. „Meine Liebe, eine Dame wie ihr wird wohl kaum jemand sein, der jemandem wie mir die dunklen Gelüste meiner schwarzen Seele,“ dabei strich ich mir über die finstere Robe, “erfüllen kann…“ Das schien sie eher, wie ich erhofft hatte, als Herausforderung zu sehen, fragte sie doch direkt zurück, was es denn nun war das ich begehrte. Es war nur eine kurze Konzentration auf den Auris Nasus Oculus nötig, damit in dem Innenfutter meiner Robe ein flammendes Belkelel-Symbol erschien, dass ich ihrem Blick, mit einem kurzen Aufschlag des Saums, darbot. Überrascht rückte sie von mir ab und sah mich, möglicherweise verunsichert, an.
Genau diesen Moment, in dem ich sie offenbar aus dem Konzept gebracht hatte, nutzte ich, stand auf und verabschiedete mich von ihr. Sollte sie fühlen wie es war, wenn sich ihr vermutetes Spielzeug auf und davon machte und sie unbefriedigt zurücklies. Umso mehr würde sie mich zurückwollen, wenn ich ihr das nächste Mal die Gelegenheit dazu geben sollte… Ich war mir sicher, dieses Spiel zwischen uns war noch nicht vorbei. Sie war es gewohnt die Katze, eher gar die Tigerin zu sein, und ich hatte sie soeben zur Maus gemacht. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass sie das auf sich sitzen lassen würde. Und die Rollen in diesem Spiel mochten noch mehr als einmal wechseln… ich musste nur darauf achten nicht gefressen zu werden, wenn es an mir war das Mäuschen zu geben. Kurz bevor ich durch den Vorhang ging sah ich noch einmal über die Schulter um sie mit abwesendem Blick grübelnd da sitzen zu sehen. Sehr gut… diese Kätzchen würde sich sein Mäuschen nicht noch einmal entgehen lassen wollen. Ich grinste in mich hinein.
Fjedril stand immer noch am Eingang des Bades Wache als ich zurückkam, hatte aber anscheinend keine Lust mehr noch länger zu warten. Wir tauschten kurz aus wo wir bei Bedarf, und dann hatte ich sicher, einander finden mochten. Seine Unterkunft was das Goldene Füllhorn ihn in der Nähe des Basars. Ich kündigte ihm direkt an, ich würde auf ihn zurückkommen, wenn ich mich morgen nach dem ermordeten Kollegen erkundigen wollte. Es konnte ja nicht sein, dass irgendwer einen Magier tötete. Und ich würde die Gilde benachrichtigen müssen, damit man unter Umständen ein Exempel statuierte, falls das kein persönliches Problem von Raul gewesen sein sollte, sondern sich gegen unseren Stand allgemein richtete. Das durfte einfach nicht einreißen, dass die Leute den Respekt oder die Furcht vor der Bruderschaft der Wissenden verloren. Da würde man ein Zeichen setzen müssen, das es so ja gar nicht ging. Dafür war ich sogar bereit, mit diesen arroganten Fasarern zusammen zu arbeiten!
Als nächstes winkte mich Tulef zu sich Aber der Grund war, wie so oft bei ihm, nur eine Nichtigkeit, die er in seiner Beschränktheit als wichtiger erachtete, als sie war. Typisch. Ein Kerl den er beobachtete hatte zornig in einen der Körbe gespuckt und war dann an uns vorbei hinaus gegangen. Als wenn mich das interessieren würde, solange es nicht meine eigenen Habseligkeiten betraf! Wieder einmal meinte er, aus einer Mücke einen Brabaker Waldelefanten machen zu müssen…
Ein gut gekleideter Mann betrat das Bad, die Gerbelstein-Brüder wurden anscheinend von einem Boten ihres Vaters abgeholt. Und auch für uns war das nun das Zeichen, dass wir uns ebenfalls auf den Heimweg machen sollten. Der sturzbetrunkene Hagen wurde uns von einem fremden Mann gebracht, der anscheinend nicht wusste was er mit ihm anfangen sollte. Zur Sicherheit, ich kannte immerhin Hagens Namen, erhob ich Anspruch auf ihn, bevor er sich am nächsten Morgen auf einer Galeere wiederfinden mochte. Das genügte dem Fremden aber, um mir Hagen zu überlassen.
Dann die nächste, wenn auch nicht völlig überraschende, Wendung. Tulef wusste nicht mal wo er ihre Unterkunft, das Gasthaus Basari, finden würde. Sollte es mich wundern, dass der Kerl in einer fremden Stadt völlig hilflos war? Wohl kaum… zum Glück hatte er schon intensive Bekanntschft mit der hübschen Isna gemacht, die ihm Unterkunft und noch mehr Abwechslung bei sich im Roten Bock anbot. Wir ließen den Abend bei vier Gläsern Wein und einer Wasserpfeife auf weichen Kissen ausklingen. Tulef gab Isna dann einen Dukaten und buchte sich damit in den Roten Bock ein. Was den schönen Nebeneffekt hatte, dass der Weg von Isna, Tulef und Hagen wie zufällig mit dem meinen fast identisch war und ich nicht allein durch die Dunkelheit gehen musst, lag der rote Bock doch glücklicherweise direkt am Rahjahügel. Ein gemeinsamer kleiner Nachtspaziergang durch die ganze Stadt würde vielleicht auch helfen Hagen wieder soweit auszunüchtern, dass man ihn nicht den ganzen Weg tragen musste.
Aber aus dem gemütlichen Spaziergang sollte nichts werden. Auf der Brücke zur Insel der Träume, wo es laut Isna das beste Rauschkraut der Stadt gäbe, fühlte ich mich Beobachtet. Vor uns ein torkelte ein angeranztes betrunkenes Trüppchen die Straße hinunter auf uns zu. Das roch regelrecht nach Ärger. Isna bestätigte meinen Eindruck, kurz bevor von allen Seiten Schatten auf uns zu rannten. Der Ort war wohl gut gewählt für einen solchen Hinterhalt, denn Isna, die sich in der Stadt ja auskannte, wusste auch keinen Weg auf dem wir hätten Ausweichen können. Abgesehen davon, dass mir der betrunkene Hagen wie ein Bleigewicht am Arm hing und kaum in der Lage gewesen wäre zu rennen. Freilich, zur Not hätte ich mit einem schnellen Transversalis verschwinden können. Aber Hagen und Isna hier den Banditen überlassen wollte ich auch nicht. Warum ich Tulef hier nicht mit aufzählte? Das mag sich jeder selbst denken…
Dennoch, einen Dämon, wie von ihm gefordert, wollte ich jetzt nicht unbedingt mitten in der Stadt beschwören und ein Blutbad unter den Schattengestalten anrichten lassen. Auch wenn so ein Hesthot aus dem Handgelenk kein Problem gewesen wäre… die Fragen am nächsten Morgen wären zu unangenehm für mich geworden. Ich wollte jetzt nicht unbedingt ausprobieren, ob mein Generaldispens auch das Beschwören von Dämonen innerhalb der Stadtgrenzen umfasste. So genau hatte ich die Liste nun auch nicht studiert…
Aber ich hatte da noch etwas anderes, das mir vielleicht helfen mochte. Die kleine Bootsmannspfeife von dem Flaschenschiff, die ich schon Mondelang sinnlos mit mir herumtrug. Ich zog sie aus dem Beutel und ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Sofort erschienen die drei durchscheinenden Geisterderwische und begannen ihre lustigen Lieder zu schmettern. Etwa die Hälfte der Schatten drehte sich erschrocken um und verschwand in den umliegenden Gassen. Nur noch sieben oder acht liefen weiter auf uns zu. Isna rannte mit Tulef voran, in die entstandene Lücke hinein. Ich stützte Hagen und folgte den beiden. Typisch Tulef, dass er seinen Gefährten Hagen im Stich ließ um seine eigene Haut zu retten. Ganz im Gegensatz zu mir! Isna rief derweil laut um Hilfe, aber natürlich kam keine. Leider endete unsere Flucht schnell vor einer Hauswand, wir waren wie Ratten in die Ecke gedrängt. Isna, Tulef und Hagen, der mittlerweile zumindest etwas ernüchtert schien, zogen ihre Dolche, ich entzündete die Fackel an meinem Stab, damit es wenigstens etwas hell war. Drei der armseligen Gestalten hatten sich Isna als anscheinend leichtetes Ziel erkoren und begrabbelten sie. Anscheinend waren es eher Diebe als Totschläger. Einer vergriff sich an ihrem Geldbeutel und flüchtete. Das wollte sich weder die junge Dame gefallen lassen noch wir dulden. Wir folgten dem Schurken, holten ihn bald ein. Das heißt, Isna holte ihn zunächst ein, das Mädel konnte rennen wie der Difar persönlich! Sie rammte ihm das Messer in den Rücken und brachte ihn so zum Stolpern. Dann war auch Tulef an ihm dran und ließ seine Klinge sprechen. Um sein Leben zu retten warf er den Geldbeutel weg, so das Isna von ihm abließ um ihr Eigentum wieder aufzunehmen. Wir sicherten sie dabei, aber an ihrem enttäuschten Gesicht konnte ich erkennen, dass da nicht mehr alles drin sein musste was sie vorher gehabt hatte. Im Lichtschein meiner Fackel sah ich den Kunterbunten Haufen aus Bettlern, Kindern und versehrten davonstieben.
Den restlichen Weg bis zum Roten Bock legten wir unbehelligt zurück und ich ging die wenigen Schritt bis zum Tempel weiter um dann gemütlich bis in den morgen zu schlafen.
Allerdings war es mir nicht vergönnt auszuschlafen, ich wurde ziemlich früh von der hübschen Akoluthin geweckt. Die Wachen würden mich suchen und es gäbe ein paar Fragen zu einem verstorbenen Magier. Raul, natürlich. Es war fast logisch, nachdem wir uns gestern Abend vor aller Augen unterhalten hatten, dass sie mich als seinen Kollegen um Auskunft bitten wollten ob ich etwas zur Aufklärung beitragen könnte. Alles andere wäre ja schon nachlässig und fahrlässig von den zuständigen Ermittlern gewesen. Ich kleidete mich also eilig an um die Wachen zu begleiten, was mich bedauerlicherweise um das Frühstück brachte. Aber das schadete mir auch nicht… ich hatte mir auf dem Fest ohnehin dermaßen den Bauch vollgeschlagen, dass ich tatsächlich keinerlei Hunger verspürte.
Man geleitete mich quer durch die Stadt bis zur Festungsinsel, wo sich auch das Wachgebäude befand. Direkt neben dem Magistrat wo ich den Bürgerbrief erworben hatte. Seltsamerweise brachten mich die Gardisten direkt in das Untergeschoss wo sich die Verließe befanden. Hier war es dunkel und feucht, gelegentliche ertönte ein verzweifelter Schrei aus einer der vergitterten Kammern. Für eine reine protokollarische Befragung erschien mir das etwas seltsam, andererseits musste ich wohl kaum etwas fürchten, da man mir meine Habe und den Stab belassen hatte. Hätte ich festgesetzt werden sollen wäre mich davon zu befreien sicher die erste Maßnahme gewesen. Dennoch wurde ich in eine Zelle gebracht, in der sich bereits Fjedril befand und später auch noch Hagen und Tulef hereingeführt wurden
Wir hatten nun ein gutes Stundenglas Zeit zu spekulieren, was uns erwarten würde, aber außer zwei Wächtern vor dem Ausgang des Raumes schien man es nicht notwendig zu finden größere Sicherheitsmaßnahmen unseretwegen zu ergreifen. Gut… das wäre in meinem Fall auch völlig sinnlos gewesen, ich hätte mich ja jederzeit von hier fortzaubern können, da ich nicht in Eisen gebunden war. Was ich ja keineswegs vorhatte, ich war viel zu neugierig, wollte unbedingt wissen, worauf dieser Zirkus hinauslaufen würde. Als wir endlich von neuen Wachen abgeholt wurden, die auch anders aussahen als diejenigen, die mich durch die Stadt geführt hatten, wurde es langsam interessant. Gestern hieß es, diese Wachen wären die persönliche Garde des Großemirs. Und mein verdacht bestätigte sich gleich darauf als man die Waffen von uns forderte, da wir nun beim Herrn Ankbesi, dem Herrscher der Stadt, eine Audienz hätten. Ich übergab dem Wachmann also meinen Langdolch, hatte ich doch keinen Zwist mit dem Großemir und wenn ich ihm etwas Böses wollte, würde es sicher nicht mit der Klinge sein…
Wieder wurden wir auf einem ziemlich langen Weg geführt, fort von den Verliesen und zumeist aufwärts, bis die Fackeln weniger es aber dafür heller wurde. Fjedril, der erneut eine erstaunliche Bildung an den Tag legte, raunte mir in gebrochenem Bosparano zu: „Die Audienz ist im Palast.“ Was ja nahe lag, wenn man uns wirklich zum Großemir führen würde. Ich nickte um trotzdem wohlwollen zu, während eine Wache ihm Gebot zu schweigen.
Am Ausgang der Verliese erwartete und ein gut gekleideter, gebückter älterer Herr mit schwarzen Haaren, und übernahm uns von den Wachen. Auch ihm sollten wir folgen. Eine Wendeltreppe hinauf, durch ein eisenbeschlagenes Tor und Vorhänge brachte er uns in eine große Halle. Dort saß ein erhabener Mann mit langem Bart, Turban und Wasserpfeife auf Kissen und schien uns bereits zu erwarten. Ohne dass ich ihn schon einmal gesehen hatte, aber dieser Mann strahlte die natürliche Autorität eines Herrschers aus, ohne Zweifel der Großemir. Uns wurden Kissen gewiesen, wir sollten ebenfalls Platz zu nehmen, was ich nach einer förmlichen Verbeugung nach tulamidischer Sitte auch tat. Auch hier wurden die üblichen Machtspielchen getrieben… der Emir saß auf einem Podest, so dass wir zu ihm aufsehen mussten, wenn wir mit ihm sprachen. Aber damit konnte ich leben… seine Stadt, seine Regeln. Und lieber hier eine Audienz, als von einem Weibel der Wache vernommen zu werden, das waren ja schon ganz andere Voraussetzungen!
Der Diener stellte uns nun wortreich seinen Herrn Großemir Doluk Ankbesi mit allerlei Titeln vor, der uns derweil von oben herab musterte, ja geradezu taxierte. Wenn man zu einem Fürst gerufen wurde, geschah das üblicherweise nicht ohne Grund, das Spiel war also bereits eröffnet und ich konnte nur hoffen, dass die Burschen neben mir keinen zu schlechten Eindruck auf den Großemir machten. Es wäre ärgerlich wegen einem Tölpel wie Tulef eine gut Gelegenheit zu verpassen, dem örtlichen Potentaten einen Dienst zu erweisen und in guter Erinnerung zu bleiben. Die ganze Zeit wirkte der Großemir entspannt, schwieg aber während sein Diener sprach und ließ auch danach noch einige Zeit der Stille vergehen. Ich lehnte mich entspannt zurück und schwieg ebenfalls. Er würde sein Anliegen, oder wie bei solchen Leuten meist eher üblich seine Wünsche und Befehle, zu gegebener Zeit äußern, ihn zu drängen war nicht angebracht. Bedauerlich war nur, dass uns in der Zwischenzeit nichts angeboten wurde. Dann hub der Herr Ankbesi an zu sprechen. Seine Art zu reden war sehr gewählt und überlegt, die Ansprache von wohlgesetzten Pausen unterbrochen.
„Mengbilla ist in einer sehr schwierigen Lage. Die Freiheit wird durch zahlreiche innere und äußere Feinde bedroht. Und deshalb ist die Aufklärung des Mords an dem Magier wichtig.“ Ich nickte bestätigend. Auch wenn mir seine Feinde wenig bedeuteten, aber die Aufklärung am Mord meines Kollegen war absolut auch in meinem Interesse. „Ich habe dem Magier eine Audienz gewähren wollen, er wollte mich über eine weitreichende Verschwörung in Kenntnis setzen. Ich sagte wollen, was ich nun nicht mehr kann. Ich weiß leider nicht um was es geht. Ich kann daher nicht der Wache oder der Garde trauen. Versteht ihr das?“ Ich nickte erneut. Er befürchtete also Verräter in den eigenen Reihen, vielleicht Spione fremder Mächte. Was fast zwangslogisch zu uns führte, spann man den Gedanken weiter. „Man kann sich deshalb vorstellen das Ortsfremde über jeden Zweifel erhaben sind, wenn jemand den Fall aufklären sollte.“ Ich nickte weiter. Wir sollten also seine neutrale Partei bilden, ohne dass jemand auf den Gedanken kam, dass wir mit ihm in Verbindung standen. Und mit einem Seitenblick auf Tulef, Hagen und Fjedril würde das sicher niemand annehmen, dass sich der Herrscher der Metropole mit solch einfachem Volk abgab. „Nennen wir es nicht beauftragen, sondern unabhängige Ermittler. Nicht beauftragt. Unpolitisch. 60 Dukaten als Belohnung sollten genügen, wenn ihr mir in einer Woche erzählt, wer der Mörder ist.“ Ich erhob mich, für mich war damit bereits alles gesagt, was ich wissen musste. Aber wie zu erwarten waren nicht alle so umsichtig wie ich. Tulef wagte es gar den Großemir anzusprechen um ihn wegen weiterem Geld zur Förderung der Ermittlungen anzuwanzen. Fjedril, der offenbar etwas mehr Verstand hatte als Tulef, stieß diesem den Ellbogen in die Seite. Dennoch ließ der Emir Tulef weitersprechen. Fast schien mir, als ginge ein amüsiertes aufblitzen über seine Gesichtszüge. Wenn er das als Spiel betrachtete… würde Tulef es mit Sicherheit verlieren. Und so kam es auch, nachdem sich der unselige Tropf in schwulstigen Verklausulierungen ergangen hatte, die darauf hinausliefen, dass er gerne mehr Geld hätte, aber keine konkrete Summe nannte. Ich schaltete mich dann doch ein um dieses unwürdige Trauerspiel zu beenden, was zu einem sehr kurzen Austausch mit dem Großemir führte und wir am Ende zu den bereits Offerierten 60 noch weitere 20 Dekate erhalten würden.
Einen Haken hatte die Sache allerdings, und dabei schien der Herr Ankbesi weder besonders amüsiert noch zu Scherzen aufgelegt. Wir sollten ihm einen Schuldigen binnen einer Woche liefern, ansonsten würde einer von uns als Sündenbock herhalten müssen. Um zu erkennen, dass diese Aussage sein völliger Ernst war brauchte ich auch keinen Hellsichtszauber. Und Tulef? Diese Trottel? Konnte es sich natürlich nicht verkneifen direkt darauf hinzuweisen, dass ich als bekannter Dämonenbeschwörer ja den perfekten Schuldigen abgeben würde… Dabei konnte ich innerlich nur lachen! Dieser Dummbeutel merkte nicht einmal, wie er gerade eben die Schlinge um seinen eigenen Hals gelegt hatte… es war nur eine Frage der Zeit, wie fest ich sie zuziehen würde. Mich offen als Bauernopfer anzubieten… wir dumm war der Kerl eigentlich? Anstatt mich als verbündeten gewinnen zu wollen, wenn ich am Ende doch der wäre der Entschied wer hier am entbehrlichsten war… aber die Entscheidung hatte er mir ja gerade dankenswerterweise schon abgenommen. Fjedril wäre mir ohnehin zu wertvoll gewesen als potentieller Gehilfe und gegen Hagen hatte ich bisher nichts. Die Wahl war also nicht schwierig…
Als uns der Großemir nun mit einem huldvollen Winken entließ folgten wir seinem Diener Nasir nach draußen, um von diesem genaueres zu erfahren.
Dem Sekretarius, der lustigerweise auf den vollen Namen Nasir ibn Tulef hörte, folgten wir eine Wendeltreppe hinab zurück woher wir gekommen waren um unsere Habe, insbesondere die Waffen, zurück zu erhalten und von ihm die 20 Dekate ausgehändigt zu bekommen, die unsere Ermittlungen unterstützen sollten. Zudem eröffnete er uns, dass wir auf Kosten des Großemirs im Hotel „Havarie von Hylailos“ in der Nähe des Hesindetempels untergebracht werden würden. Das kam insbesondere mir entgegen, hatte ich doch ohnehin geplant mein Quartier im Rahjatempel zu verlassen. Für meine weiteren Erkundigungen in Sachen Belkelel wäre das am Ende vielleicht hinderlich geworden, wenn man mich mit den Rahjapriestern in Verbindung gebracht hätte. Eigentlich hätte ich mir im Goldenen Füllhorn bei diesem Herrn Fjedril ein Zimmer genommen, das hätte den weiteren Kontakt vereinfacht. Aber so erreichte es natürlich den gleichen Zweck, da wollte ich mich nicht beschweren. Insbesondere hieß uns Nasir nicht nur auf die allgemeinen Gesetze der Stadt zu achten, sondern auch die Bestimmungen in den verschiedenen Vierteln, die jeweils unter der Herrschaft einer Gilde standen und sich teils deutlich unterscheiden konnten, im Blick zu haben. So war es wohl auch zu einem bestimmten Tag um den Borontempel herum verpönt helle Kleidung zu tragen. Was es nicht alles gab… Fjedril hatte an dieser Stelle erneut einen guten Gedanken. Er bat Nasir darum, sich doch regelmäßig bei der Wache nach den täglichen Verhaftungen zu erkundigen, da wir durchaus unbewusst – ich würde sagen manchmal vielleicht auch bewusst – mit den Gesetzen in Konflikt kommen mochten. Allein unsere Fragen und das wir Fremde waren mochten schon dazu führen, dass jemand sich bemüßigt sah uns anzuschwärzen. Da mochte dann die Intervention von Seiten eines Protektors für uns durchaus hilfreich sein, wenn wir es selbst nicht schafften, dem Ärger zu entgehen. Aber für unsere Reputation wäre es sicher besser, wenn wir unsere Probleme selber lösten. Die Leiche Rauls würden wir entweder im Borontempel oder bei der Hauptfrau der Wache, Staria Siquota finden. Den Großemir interessiere die Sache ohnehin nur, weil er gern die Hintergründe der Verschwörung gegen ihn, von denen mein Kollege ihm hätte erzählen wollen, interessierten und die wohl auch einer der wahrscheinlichsten Gründe für Rauls ableben sein könnten. Wenn jemand verhindern wollte, dass er beim Großemir petzte und ihn deswegen Mundtot machte, das war schon ein profundes Motiv. Ich begann allerdings zu befürchten, dass wir uns hier womöglich ein wenig zu tief in die örtlichen Machtspielchen und Intrigen der Mächtigen hineinziehen ließen. Das kannte ich von daheim, wenn man da nicht gehörige Vorsicht walten ließ, war das nicht gerade Gesundheitsförderlich. Aber gegen Attentate hatte ich ja jemand wie Fjedril als Schutz sowie Tulef als Bauernopfer. Und gegen Giftanschläge hatte man mir ja schon im Rahjatempel den Olginwurz gegeben, das mochte sich die nächsten sechs Tage noch als nützlich erweisen, so dass ich mir um mich selbst zumindest nur wenig Sorgen machen musste, wenn ich die gebührende Vorsicht walten ließ.
Als wir den Palast verließen, draußen war es bereits warm und dampfig nach einen kürzlichen Regenschauer, wartete die süße Isna leider nicht mehr auf uns. Wir waren aber auch recht lange verschwunden gewesen, damit hatte man jetzt nicht unbedingt rechnen müssen, so sehr konnte sie nun auch wieder nicht an Tulef hängen. Und wo wir sie finden würden war ja auch nicht schwer zu erraten. Also führte unser erster Weg zu unserer neuen Unterkunft. Ich hatte eigentlich gar nichts besonderes erwartet, aber die „Havarie“ musste so etwas wie das beste Haus am Platz sein, da hatte sich der Emir nicht lumpen lassen. Wachen standen vor der Tür, die uns freundlich aufgehalten wurde als wir ankamen. Im marmorverkleideten, mit Säulen ausgestatteten und angenehm kühlen Foyer stand an einem Mohagonietresen eine hübsche Dame die uns mit einem Lächeln empfing und schon erwartet hatte, wie ich feststellen konnte als ich meinen Namen nannte. Sofort wurden vier Sklaven herbeigerufen die sich unseres Gepäcks annehmen und uns auf die Zimmer führen sollten. Ich bestellte mir direkt ein Bad für die fünfte Stunde, da ich mich gern frisch machen wollte, bevor ich später zu den Gerbelsteins gehen würde. Auf dem überaus luxuriösen und gut ausgestatteten Zimmer kleidete ich mich erst einmal in das graue Reisegewand, bevor ich dann in den Speisesaal ging um ein spätes Mittagsmahl vom noch aufgebauten und für uns extra nachgelegten Buffet zu nehmen. Uns wurden das Essen und die Getränke regelrecht aufgedrängt und ich verweigerte mich den Angeboten nicht. Man merkte schon, dass die Rechnung für uns wohl keine Rolle spielte. Zuletzt hatte ich diese Art Luxus in Begleitung meiner lieben Melissa Zeforika genießen dürfen, und es war recht angenehm, diese Art Aufmerksamkeit wieder einmal genießen zu dürfen. Gut, ich könnte mir das ja auch jederzeit selbst leisten, das würde keine Rolle spielen… aber das gute Gold so auf den Kopf zu hauen lag mir einfach nicht…
Unser erster Weg führte dann auch, da nur einige Stunden bis zu meinem Termin bei den Gerbelsteins blieben, zum Borontempel, wo ich mir den Leichnam Rauls ansehen wollte, auch wenn ich eine Befragung des Toten in der Halle des Raben wohl tunlichst unterlassen würde. Aber ob und wie er genau zu Tode gekommen war mochte uns ja auch schon einige Aufschlüsse bieten. Der basaltene Borontempel mit seinen neun Ecken und den 81 zu ihm hinführenden Treppenstufen war wirklich ein monumentales Bauwerk, wie ihn nur der Al’Anfaner Ritus des Totengottes zustande brachte. Allein diese epische Symbolik die er verkörperte. Die Neun als Vollendung des Lebens und Übergang ins Totenreich, die neun Pforten von Schlaf und Traum und die strenge Geometrie, welche die absolute Ordnung und Unausweichlichkeit des Todes verkörperte waren keine subtilen, sondern offen brachiale Hinweise auf den Herrschaftsanspruch Borons, der in dieser Stadt herrschte. Das gefiel mir überaus gut! Neben der großen Pforte, durch die eine berobte Gestalt gerate verschwand und die sich hinter ihr direkt wieder schloss, waren zwei kleinere Türen zu finden. Der Eingang wurde von zwei Rabenstatuen, einem majestätitischen Golgari und einer wie ein Kadaver wirkenden Bishdariel, flankiert. Auch diese beeindruckend und für den einfachen Gläubigen sicherlich auf ihre eigene Art einschüchternd, wenn man den Tod fürchtete. Ich ging durch die Tür auf Golgaris Seite in den ebenfalls neuneckigen, oder fachsprachlich Nonagon genannten, Innenhof. Vor uns sah ich ein nachtschwarzes Sternentor aus Ebenholz, das Licht hier drinnen wirkte gedämpft, als würde es durch die dunkle Architektur regelrecht verschluckt werden. Zwei Akolutinnen, deren Namen Sina und Rina lauteten, kamen zu uns, um nach unseren Wünschen zu Fragen. Zuerst sollten wir jedoch unsere Sorgen vor den Herrn Boron bringen und beten. Dazu führten sie uns eine Treppe hinab in die kühlen und dunklen Gewölbe unter dem Tempel. Eine der beiden nahm mich am Arm um mich zu führen, was gut war, da ich in der Finsternis eh nichts mehr sehen konnte und deswegen auch direkt die Augen schloss. Heilige Stille umfing mich und brachte mir Ruhe. In der Bethalle spendete ein einziges kleines Licht so etwas wie Orientierung, als ich mich knieend vor der großen, vier Schritt hohen Rabenstatue auf einem der Kissen niederlies. Diese war wirklich eine meisterliche Arbeit mit ihren Obsidianfedern und den schwarzen, edelsteinfunkelnden Augen. Ich versenkte mich in einem stillen Gebet an den Herrn von Tot und Schlaf bei dem ich meinen Mohagoniepflock hervorholte und ihm stumm präsentierte und Boron darum bat seinen Segen darauf zu erneuern. Man konnte ja nie wissen, wann man dem nächsten Vampir über den Weg laufen würde… was mich auf den Gedanken brachte, dass ich meinen Rosenholzpflock vielleicht im Rahjatempel noch segnen lassen sollte. Ich rechnete zwar nicht mit Rahja-Vampiren, aber das mochte gegen einen Belkelel-Dämon genausogut helfen, falls die Notwendigkeit einmal bestand… ich machte mir eine geistige Notiz dazu.
Nach einem halben Stundenglas ließ ich mich wieder an die Oberfläche führen. Zu Raul wurden wir aber, zu meinem größten Bedauern, trotz aller bitten und Überredungsversuche, nicht vorgelassen. Der Läge zwar in der Aufbahrungskammer, diese sei aber durch den Hochgeweihten Kerim Akbashi gesperrt, selbst für die anderen Geweihten, so dass auch wir dort keinen Zugang erhalten würden. Die Totenruhe sei nun einmal zu achten. Da würden uns auch Sina und Rina nicht weiterhelfen können. Nicht einmal der Verweis darauf, dass Raul hier ja keine Angehörigen hatte und ich bereit war mich um einen würdigen Abschied für den Kollegen zu kümmern brachte uns vorwärts. Da war einfach nichts zu machen. Was ich überaus seltsam und unüblich fand. Einen Leichnam dermaßen unter Verschluss zu halten war kein gewöhnliches Vorgehen der Kirche, schon gleich gar nicht bei einem gewöhnlichen Mord. Irgendwer hatte hier seine Hand im Spiel. Aber auf den Großemir konnten wir uns ja schlecht berufen, um uns Zugang zu erzwingen, die Ermittlungen sollten ja verdeckt laufen. Und zu viel Aufmerksamkeit wollte ich dann nun auch nicht auf uns lenken, indem ich penetrant auf mein Recht beharrte. Ich hatte ja im Grunde überhaupt keine Lust darauf… aber zur Not würde ich, wenn gar nichts anderes übrig blieb nicht doch in den Tempel einbrechen müssen? Ob die Anderen aber dazu bereit wären? Gut, Fjedril schien es mit den Göttern nur bedingt zu haben, der hatte vermutlich damit noch am wenigsten Probleme. Hagen kannte ich nicht gut genug, aber der mochte mit den richtigen Worten zu allem zu motivieren sein. Und Tulef war ohnehin moralbefreit, den konnte man zu jeder Schandtat anstacheln, wenn nur das Gold stimmte. Also hätte ich vermutlich die notwendige Unterstützung, wenn sich kein anderer Weg fand. Aber wirklich nur als letzter Ausweg… ich wollte es mir eigentlich nicht mit dem Herrn Boron verscherzen!
Da wir ohnehin schon auf dem halben Weg waren und eine ortskundige Führerin gebrauchen konnten gingen wir vom Borontempel aus weiter zum Roten Bock um nach Isna zu sehen. Dort stand ein großer Kerl mit Glatze Wache und blickte böse in die Runde, aber als wir gezielt nach Isna fragten wurde uns die junge Dame anstandslos herbeigerufen. Wie zu erwarten würde sie uns aber nicht aus reiner Freundlichkeit helfen. Die Damen des horizontalen Gewerbes waren ja nicht für ihre Philanthropie sondern für ihre Geschäftstüchtigkeit bekannt. Aber ich hatte ja, Tulef hatte mir den Goldbeutel überantwortet, weil er erwartete, dass die Wahrscheinlichkeit das ich bestohlen werden könnte als deutlich geringer als bei sich selbst einstufte, das Gold des Großemirs um unsere Auslagen zu decken. Ihr Tagessatz war mit einem Dekaten recht stolz, andererseits würde eine hübsche Frau wie Isna das durchaus auch auf ihre übliche Weise verdienen können, also sparte ich mir jegliches Handeln und warf ihr direkt das erste Goldstück zu. Und mein Gold war es ja nicht, also konnte es mir egal sein… sollte sie die Entlohnung ruhig haben. Sogar einen Anteil an unserer in Aussicht gestellten Belohnung wurde ihr angeboten, ohne sie weiter in Details einzuweihen. Das mochte so sein… ob die Belohnung durch vier oder fünf geteilt würde… für mich war das ohnehin nur Kleingeld, am Ende war mir das egal. War mir aber nicht egal war, war Isnas Verpflichtungen und Loyalitäten. Daher fragte ich sie direkt danach für wen sie letztendlich arbeitete. Die Herrin ihres Hauses hieß Kaia und arbeitete wohl nicht für Keidre dei Tarifa. Im Gegenteil warnte mich Isna sogar vor der Dame Tarifa, die eine gefährliche Person sei, skrupellos bei der Verfolgung ihrer Ziele und erst kürzlich aufgestiegen. Ihre Vorbehalte Keidre gegenüber kamen mir gut zu pass, das machte sie in meinen Augen noch einmal vertrauenswürdiger und würde mir in die Karten spielen, sollte ich in dieser Sache ihre Unterstützung benötigen.
Beim Roten Bock trennten sich nun aber unsere Wege. Die Zeit war für mich gekommen das Hotel aufzusuchen um mich für den Besuch bei den Gerbelsteins frisch zu machen. Und Tulef, der ja ebenfalls dort erscheinen sollte, würde mich begleiten. Fjedril würde dagegen mit Hagen und Isna eine Taverne gegenüber des ehemaligen Praiostempels aufsuchen um dort nach Zeugen des nächtlichen Geschehens zu fragen. Auf die Ergebnisse am späteren Abend war ich durchaus gespannt.
Im Hotel ließ ich meine gute Robe säubern und nahm ein kurzes Bad. Dabei hatte ich eine nicht einmal völlig sinnlose Konversation mit Tulef, der sich anscheinend dafür interessierte, warum mein Vater mich mit dem Geld so kurzhielt. Als ob… nun, früher hatte das ja gestimmt, das konnte ich nicht leugnen. Aber ein pompöser Lebensstil entsprach nun nicht meinem Naturell. Andererseits wollte ich dem dahergelaufenen Burschen auch nicht auf die Nase binden, das neben ihm einer der Vermögenderen Männer der südlichen Hemisphäre saß. Ich deutete meine finanzielle Situation lediglich an… indem ich ihm sagte das ich derzeit nur eine kleinere Handkasse mit mir führte, „nur“ etwas über 300 Dukaten. Denn wenn 300 Goldene die Handkasse waren… den Rest mochte er sich denken. Die Havarie war wirklich ein nobles Haus, für den Weg durch die Stadt gab man uns sogar zwei imposante Sklaven als Wächter und Aufpasser mit. Wir erschienen dann auch pünktlich beim Palazzo der Gerbelsteins, wo man uns schon erwartete. Wie so oft durfteTulef her erst einmal seine Waffe abgeben, mir beließ man den Stab natürlich, ebvor iwr in einen Salon geführt wurden. Am oberen Ende der Treppe erwartete uns Alrik Gerbelstein, kam uns allerdings nicht entgegen. Wenig verwunderlich, wenn man sich seinen Zustand besah. Ein älterer Herr, der einen kränklichen Eindruck machte, ein Glas in der Hand. Er führte uns in einen großen Saal voller Sklaven in dem Tische reichlich eingedeckt waren, obwohl wir zwei die einzigen Gäste zu sein schienen. Aber er hatte wohl keine Lust quer durch den Raum zu rufen und schien auch ansonsten recht umgänglich, denn er setzte sich direkt zu uns. Den offiziell vereinbarten Termin hatte er ja mit mir, und als nun Tulef erzählte wie er zu der Einladung kam und wo er die Söhne des alten Herrn kennengelernt hatte, war dieser zunächst einmal offensichtlich skeptisch und wenig amüsiert. Wäre ich an seiner Stelle ebenfalls gewesen, wenn zu einem respektablen Termin den man mit mir vereinbart hatte irgendwelche Sauf- und möglicherweise Fickfreunde der eigenen Sprösslinge auftauchten. Da würde ich bei Nandurins Erziehung ein waches Auge drauf haben müssen! Die beiden Zwillinge kamen dann auch bald dazu und wir stellten uns noch einmal vor. Amirs und Abelmirs Zustand am gestrigen Abend schienen ihr Erinnerungsvermögen ziemlich zu trüben. Ich konnte das Eis mit Alrik Gerbelstein allerdings schnell brechen, als ich ihm das Geschenk meines Vaters mit den besten Grüßen und einem Dank für seine Repräsentation durch die örtlichen Vertreter auf meiner Hochzeit überbrachte. Wir tauschten einige Freundlichkeiten aus, ganz wie es die Etikette erforderte und ich durfte ein paar Fragen zu meiner Familie und den Ulfharts beantworten, auch zu unseren Verbindungen ins Horasreich und nach Bethana, bevor er sich deutlich kritischer Tulef zuwandte. Sein dankschreiben an meinen Vater sollte ich dann bitte noch vor meiner Abreise abholen, was ich selbstverständlich tun würde.
Der angebrochene Abend endete jedoch ziemlich abrupt, als der alte Herr von einem heftigen Hustenanfall durchgeschüttelt wurde und in sein weißes Leinentuch Blut spuckte. Ein Leibmedicus kam herein, den er aber mit einer unwirschen Geste gleich wieder fortscheuchte. Sein Atem ging rasselnd und keuchend, das hörte sich nicht gut an und er entschuldigte sich, dass er sich kurz zurückziehen und etwas ausruhen müsste. Das wirkte auf mich fast, als könnte das Haus Gerbelstein demnächst unter neuer Führung laufen müssen. So übernahmen Amir und Abelmir als Gastgeber die Fortführung des Abends, so wie sie wohl auch schon viele der Familiengeschäfte leiteten. Amir war mit zwanzig Minuten Vorsprung der Ältere von beiden und damit nicht nur leider der Fernhändlergilde, sondern auch der potentielle Nachfolger seines Vaters – was bei seinem Bruder Abelmir als ich danach fragte, ein kurzes, gut verstecktes Zucken hervorrief. Interessant! Abelmir hatte allerdings als Hafenmeister der Stadt eine kaum weniger wichtige und einträgliche Position. Diese beiden als Verbindungen zu erhalten mochte sich noch als Wertvoll für die Zukunft erweisen. Wir einigten uns dann aber bald darauf, das gemeinsame Essen auf Grund des Gesundheitszustands ihres Vaters auf einen anderen Abend zu vertagen. Sie würden uns noch einmal eine Einladung zukommen lassen, sobald es ihm besser ginge. Damit würde ich auch gut leben können. Und da es erst nach der siebten Stunde war würden wir so noch etwas Zeit für unsere eigentlichen Aufgaben haben.
Zurück im Hotel erwartete mich eine Überraschung, als wir Fjedril, Hagen und Isna wiedertrafen. Irgendwie hatte es dieser Tausendsassa Fjedril geschafft an die Gästeliste der gestrigen Feier zu kommen und ich nahm diese interessiert ins Auge, obwohl ich nicht erwartete, dass mir die meisten Namen etwas sagen würden. Einige Namen sprangen mir aber doch entgegen. Daria Gerbelstein? Hatten die beiden Brüder noch eine Schwester? Und wie stand diese in der Familienhierarchie? Das würden wir zumindest hinterfragen müssen… ich hatte keine Frau gesehen, die auch nur annähernd eine äußerliche Ähnlichkeit mit den beiden blonden Fleischklöpsen gehabt hätte. Und für Hagen… Aldric vom Grauen Pfad? War das nicht der Mann, dem er folgte? War der Kerl am Ende vielleicht unerkannt neben uns gestanden? Was mich veranlasste Hagen zu fragen, ob er sein Ziel den kannte und wusste wie es aussah. Wie sich herausstellte, war dieser Grenzjäger recht unbedarft… er wusste nicht einmal wie er sein Ziel identifizieren sollte, abgesehen von den Luftzeichen die dieser hinterließ. Da fragt man sich schon… über den halben Kontinent ziehen, aber nicht wissen, wie man den erkennen sollte den man jagte… was dachte sich der Bursche eigentlich? Vermutlich ähnlich wie Tulef… einfach gar nichts. Ich konnte nur den Kopf schütteln ob so viel Planlosigkeit.
Dafür hatte sie in der Taverne Priesterkaiser eine Schankmagd als Zeugin aufgetan die steif und fest behauptete, ein Gerbelstein wäre der Mörder – ein dicker blonder Kerl in guten Kleidern. Und dabei offenbar log aber auf dieser Lüge beharrte, auch auf Nachfragen. Sehr seltsam. Am Fenster der Taverne wäre da eine auffällige Truppe lauter Gäste gesessen, die aber nur wenig getrunken hätten. Auch das seltsam, Fjedril bezeichnete dies als Ablenkungsmanöver. Mir kam in den Sinn, dass man hier weitere, vielleicht bezahlte Zeugen, platziert hatte. Aber am Ende waren das alles wilde und wenig zielführende Spekulationen. Und über den Mörder war bisher auch nichts bekannt. Früher hatte es wohl auch einmal eine Meuchlergilde in Mengbilla gegeben, diese sei aber aufgelöst worden und ihre Aufgaben nun „wo anders“ untergekommen. Da fragte ich mich natürlich, an wen man sich heutzutage mit einem möglichen Auftragsmord wenden musste…
Das nächste Ereignis kam überraschend in dem Sinne, dass es früher geschah als ich es erwartet hatte und mir die Initiative aus der Hand nahm. Ich hatte mir selbst für den Abend noch vorgenommen mein kleines Spielchen mit der Dame Tarifa fortzuführen, sie zumindest noch anzustacheln oder weiter aus der Reserve zu locken um sie unvorsichtig werden zu lassen. Aber wie das mit Katzen so war… Geduld war nicht deren Stärke. Insbesondere wenn man ihnen mit einem interessanten Spielzeug vor der Nase herumwedelte. Und wenn die bestehende Vermutung bezüglich ihrer Paktiererei zutreffend war, und meine Zweifel daran schwanden recht schnell, dürfte diese Frau nicht nur eine Sklavin ihrer dämonischen Herrin sondern auch ihrer eigenen Triebe sein, die sie kaum würde beherrschen können…
Wir waren also gerade noch beim abendlichen Essen, als ein ziemlich hübscher junger Mann mit kurzen schwarzen Haaren und zackigem Schritt zielstrebig an unseren Tisch herantrat, sich räusperte und wartete. Was in einem Haus der gehobenen Kategorie, wie der Havarie in der wir logierten, schon allein für sich genommen etwas bedeuten wollte, immerhin war die Tür bewacht und Bittsteller und Pöbel würde üblicherweise kaum eingelassen werden - womit wir wieder bei Tulef wären – so dass ich annehmen musste, dieser Bursche stand, da er selbst nicht wie eine Herrschaft gekleidet war, in Diensten einer entsprechend einflussreichen Persönlichkeit um Zutritt zu erhalten. Und ich wurde nicht enttäuscht. Zudem trat er zu sicher auf und trug kein entsprechendes Zeichen im Gesicht oder sichtbar am Körper, er war also eher ein Diener denn ein Sklave – auch wenn man einen Mann mit den entsprechenden Mitteln selbstverständlich nicht zum Sklaven machen musste um ihn zu versklaven… gerade Dienerinnen der Belkelel sollten da ja über mittel Verfügen sich Gefolge auf ihre eigene Art und Weise hörig zu machen… und dieser Gedanke gemahnte mich wiederum zur Vorsicht.
Mit sanfter, höflicher Stimme hob er zu sprechen an. „Darf ich die Herrschaften kurz unterbrechen?“ Ich musste Grinsen, das er noch nicht einmal wartete bis er angesprochen wurde. Nein, ein Sklave hätte so etwas sicher nicht gewagt. Er wandte sich mir zu. „Ich habe eine Nachricht, ja eine Einladung für den Herren Victor Dondoya d’Pellisario-Ulfhart von Al’Anfa. Sollte es Eure Zeit ermöglichen, würde jetzt direkt eine Sänfte vor dem Haus auf Euch warten – ihr werdet erwartet.“ Ich spürte es regelrecht, wie eine leichte Veränderung durch den Raum ging. So viele spitze, neugierige Ohren… nicht nur die Diener an unserem Tisch, sondern in ganzen Raum schienen überrascht zu sein und aufmerksamer zu werden als die Sänfte erwähnt wurde. So, als sei dies hier etwas Besonderes. Ich konnte mir schon denken, von wem diese Einladung kam und fragte daher erst gar nicht nach. Ohne es mir anmerken zu lassen musste ich innerlich feixen – da hatte ich heute Nacht wohl einen ordentlichen Eindruck hinterlassen. „Gut, da ich für den heutigen Abend ohnehin keine weiteren Pläne hatte… ich fühle mich geehrt und folge einer solch freundlichen Einladung natürlich gerne.“ Der Diener wirkte zufrieden. „Ich werde im Foyer auf Euch warten, Herr. Möchtet ihr Euch noch frisch machen bevor wir aufbrechen?“ Was auch immer mich erwartete, das Gebot der Anstand, auch wenn ich erst vor wenigen Stunden ein Bad genommen hatte. Außerdem wollte ich Isna noch ohne die Anwesenheit des Dieners etwas fragen, deswegen bestätigte ich dies und wartete, bis er sich entfernt hatte.
„Isna, kennt ihr den Burschen zufällig?“ fragte ich in ihre Richtung als wir wieder unter uns waren. Sie schien kurz zu überlegen, konnte mir aber Auskunft geben, die meine Annahmen nur bestärkten. Sein Name wäre Asmir, ein Angehöriger der Kurtisanengilde und Helfer der Schulleiterin. Ich erhob mich vom Tisch. „In diesem Fall… ihr wisst damit ja, wo ihr mich zur Not finden würdet. Ich absentiere mich für den Rest des Abends. Nutzt die Zeit während meiner Abwesenheit.“ Damit verabschiedete ich mich auf mein Zimmer, wo ich mich noch einmal einer kurzen Wäsche unterzog, das Haar richtete und das leichte Gepäck anlegte. Nur Stab und die kleine Tasche mit den nötigsten Utensilien, man konnte ja nie wissen was einen erwartete oder was man davon brauchen könnte. Insbesondere das Geweihte Rosenöl könnte mir, je nach Fortgang des Abends, im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch retten, falls sich die Dinge schneller entwickeln sollten als ich es erwartete… dann ging ich hinunter zum Empfang, wo Asmir mich bereits erwartete.
Direkt vor dem Eingang stand wie angekündigt eine größere Sänfte, mindestens für zwei Personen geeignet, deren schwere Vorhänge zugezogen waren. Den Blicken der Passanten nach war dies hier, im Gegensatz zu daheim, in Mengbilla anscheinend wirklich kein übliches, sondern eher ein seltenes Transportmittel. Was wiederum bedeutete, die wenigen Exemplare waren vermutlich ganz bestimmten Personen zuordenbar und jeder der mich nun eventuell beobachtete wusste sofort, in wessen Gesellschaft ich mich heute begab. Gut so! Je offener ich mich ungeniert im Dunstkreis der Dame d‘Tarifa zeigte, umso überzeugender und unverdächtiger würde mein Auftreten ihr gegenüber sein. Man half mir in die Sänfte, in deren Inneren, das erkannte ich trotz der schummrigen Dunkelheit, bereits jemand saß und auf mich wartete. Es war, das überraschte mich dann doch ein wenig, die Dame d’Tarifa selbst, gekleidet in durchscheinende rote Seide die wenig der Fantasie überlies. Ihr üppiger Busen sprang mich regelrecht an, kaum das er aus ihrem Oberteil herauspurzelte. Das Haar hatte sie zu einem festen Zopf gebunden und sich offenbar mit kundiger Hand herausgeputzt um jünger zu wirken. Auch wenn sie deutlich älter war als ich selbst, und da musste ich an meine Liebeleien mit Junicera denken, es war noch gar nicht lange her, da hätte mich ihr Anblick in heftige Wallung versetzt. Aber heute? Auch ihre zugegebenermaßen vorhandene Schönheit verblasste vor der Erinnerung an meine Rahjagleiche Visaria. Was war ich nicht bereit im Namen der Götter zu ertragen… nur einer Sache war ich mir sicher: Dieser Abend würde weder einfach noch gefahrlos werden, wenn ich mich nicht vorsah.
Mit einem wackeln wurde die Sänfte angehoben und wir setzten uns in Bewegung, ehe die Dame Tarifa das Wort an mich richtete und mir die Hand zum Kuss hinstreckte, welche ich natürlich nahm und an die Lippen führte. Allein dabei konnte ich schon den süßen, parfümierten Duft erschnuppern den sie aufgetragen hatte, ein verführerischer, verschwenderischer Geruch der allein schon geeignet wäre die Sinne eines schwächeren Mannes zu verwirren. Keine Frage, diese Frau hatte die Kunst der Verführung nicht nur gelernt – sondern perfektioniert. Die Begrüßung fiel recht kurz aus, formell hatten wir uns ja heute Nacht bereits bekannt gemacht. Und für alles weitere würden wir uns wohl ganz vertraulich beim Vornamen nennen. Und sie verlor keine Zeit, das Spiel zu eröffnen, ließ ein rotes Seidenband durch ihre Finger gleiten. „Traut ihr mir?“ Ich lächelte sie an. „Wenn dem nicht so wäre… ich wäre wohl kaum zu einer Fremden in die Sänfte gestiegen, nicht wahr?“ Die Antwort schien ihr zu gefallen, soviel konnte ich noch sehen, bevor sie sich zu mir vorbeugte und mit dem Band die Augen verdeckte. Dabei kam sie mir deutlich näher als dies unbedingt nötig gewesen wäre, beugte sich über mich um den Knoten hinter meinem Kopf zu binden und drückte mir dabei ihren Busen gegen das Gesicht. Ich musste mich ernsthaft zusammenreißen um nicht einmal mit der Zunge darüber zu lecken oder zärtlich hineinzubeißen. Die Versuchung dies zu tun konnte ich nicht von der Hand weisen… als sie sich zurück zog strich ihre Hand über meine Wange und schloss mir den Mund als ich anmerkte, dies sei doch nicht nötig, ich als Magus könnte ohnehin durch den dünnen Stoff sehen, wenn ich dies wollte. Ein deutliches Zeichen, das ich meinen Atem nicht mit unnötigen Worten verschwenden sollte.
Dann ließ sie den Tanz auf der Rasierklinge beginnen. Von diesem Moment an, das war mir sehr bewusst, würde ich jedes Wort sorgfältig wägen müssen. Was wusste sie bereits? Mit Sicherheit hatte sie ihre Quellen und Erkundigungen über mich eingeholt. Aber wie weit ging ihr Wissen über mich? Wie würde ich ihr Vertrauen gewinnen können? Zu dreist würde ich nicht Lügen dürfen, aber zu offen konnte ich ihr gegenüber auch nicht sein – alles war ich in dieser Stadt zu tun hatte war am Ende ein Geheimnis. Ein wichtiger Rat aus den Lehrstunden bei Lucio Kugres zum Maffia-Vellismus ging mir dabei durch den Kopf: Die überzeugendsten Lügen basierten in ihrem Kern auf der Wahrheit. Das würde ich für den heuten Abend zur Maxime meines Handelns machen. Ihre Erwartungen erfüllen, jeder glaubte am ehesten das was er bereits selbst zu wissen glaubte, und jede Aussage auf etwas Gründen, das auf einer Wahrheit basierte. Und dann einmal sehen, wie weit ich kommen würde…
Sie eröffnete den Reigen mit einer Frage, die mich dennoch überraschte. Ihre Quellen waren besser als ich erwartet hätte. „Du warst beim Großemir, mein Lieber? Was wollte er von Dir?“ Schon während sie unser Gespräch begann wanderten ihre Hände an der Innenseite meiner Beine entlang wie gierige kleine Tierchen die nur schwer zu beherrschen waren. Die erste Gelegenheit meine Strategie zu erproben. „Ja, das war ich.“ Es würde keinen Sinn machen das offensichtliche zu leugnen, wenn sie sich dessen schon so sicher war. „Der Emir hatte Fragen an mich in Bezug auf meinen Kollegen Raul ibn Reto. Ich hatte das kurze Vergnügen mich gestern Abend mit ihm noch vor seinem Ableben zu unterhalten. Das hat wohl das Interesse des Emirs geweckt und so viele andere Magier unserer Gilde scheint es in der Stadt nicht zu geben.“ Unter ihren fordernden Händen und an ihrer Stimme konnte ich spüren und hören, dass sie die Antwort noch nicht zufrieden stellte. „Findest du es nicht ungewöhnlich, dass sich der Emir selbst dafür interessiert und das nicht von seinen Dienern erledigen lässt?“ bohrte sie nach. Ich zuckte die Schultern. „Manche Sachen erledigt man am liebsten selbst, würdest du deinen Dienern vorbehaltlos trauen und sie etwas tun lassen, das deine eigene Aufmerksamkeit erregt hat? Wie jemand, der auf deiner sprichwörtlichen Türschwelle ermordet wurde? Manches mag man vielleicht niemand anvertrauen um am Ende nur die Hälfte zu erfahren.“ Bei der Bemerkung die sie dann fallen ließ spitzte ich die Ohren, das war etwas, dem ich noch nachgehen würde müssen, auch wenn sie das selbst auf meine Nachfrage nicht näher ausführte. „Euer Kollege hat sich in den letzten Tagen nicht unbedingt Freunde gemacht. Er ist in dem ein oder anderen Kyrioi auf die Füße getreten.“ Den Ausdruck kannte ich zwar nicht, aber allein aus dem Kontext konnte ich mir schon denken, was er bedeuten sollte und nickte bestätigend. „Das war dann wohl… dumm. Die Mächtigsten. Das sollte man einfach nicht tun.“ Und ich würde es als Warnung betrachten, dass man in dieser Stadt schneller ein Problem bekam, wenn man sich mit den falschen Leuten anlegte, als es einem Lieb sein konnte. Umso besser, wenn ich vor aller Anderen Augen in Keidre eine Protektorin hätte, mit der es sich niemand würde verscherzen wollen. Das mochte verhindern, das mir ein ähnliches Schicksal drohte, wenn ich mich bei den falschen Personen doch zu weit aus dem Fenster lehnen sollte. Hier konnte man anscheinend gar nicht vorsichtig genug sein. Dummerweise war das, was ich gerade tat genau das Gegenteil davon… aber sei es drum.
Aber ihre Befragung war noch nicht vorbei. „Und die Anderen? Eure Begleiter?“ Woher auch immer sie das nun wusste, wir waren ja erst im Kerker zusammengeführt worden. Vielleicht weil wir den Palast zusammen verlassen hatten, nun im gleichen Hotel residierten und gemeinsam speisten. Trotzdem. Für meinen Geschmack zog Keidre entschieden zu viele und richtige Schlüsse aus Dingen oder hatte zu gute Quellen an den passenden Stellen sitzen. Ich würde vermutlich keinen Schritt in Mengbilla tun können, über den sie nicht früher oder später Bescheid wusste. Das schränkte meine Handlungsfähigkeit beträchtlich ein – oder zwang mich zu besonderer Vorsicht. Auch hier… lieber mit der Wahrheit beginnen. „Bis auf einen davon kenne ich diese Leute nicht und habe sie, wie dich, gestern das erste Mal getroffen. Und mit dem einen, Tulef ibn Zahir, hatte ich leider bereits zweimal das Missvergnügen gemeinsam Reisen zu müssen.“ Ich wägte meine Worte sorgfältig ab. „Sie waren nach dem Mord neugierig und haben sich am Ort des Ablebens von Raul ibn Reto umgesehen… das hat wohl das Interesse und die Aufmerksamkeit des Großemir erregt. Er wollte von ihnen wissen, ob sie etwas gefunden hatten. Aber dem war nicht so. Was sollen ein Handelsgehilfe, ein Soldat aus dem Mittelreich und ein barbarischer Nordländer schon erkennen, was der Stadtwache entgehen würde?“ Ihre Finger an der Innenseite meiner Schenkel waren mir auf eine geradezu unheimliche Art bewusst. Was meinen Augen nun an Wahrnehmung durch die Binde fehlte machte meine Haut durch erhöhte Sensitivität mehr als wett.
Dann wechselte sie abrupt das Thema, als wollte sie mich damit überrumpeln. „Warum Belkelel, Victor?“ Dabei meinte ich eine unbestimmte Gier in ihrer Stimme zu hören, ein lauernder Ton, ein locken, als würde ein Fischer seine Angel einholen an der ein besonders fetter Fisch zappelte. Ich spürte, dass dies der erste Test war, mit dem ich wirklich ihr Vertrauen erringen mochte. „Meine liebe Keidre… es steht noch nicht fest, aber ich prüfe die möglichen Angebote. Noch hat sich keines meiner Seele würdig erwiesen. Im Bornland habe ich mit Thargunitot selbst verhandelt. Auf einer Reise nach Maraskan habe ich eine Offerte von Amazeroth selbst ausgeschlagen. Bei einer Fahrt in die Dschungel des Südens mit Tasfarelels Dienern gefeilscht. Um das zu tun muss man die richtigen Stätten oder Vermittler finden. Und jetzt prüfe ich, was Belkelel mir zu bieten hat. Nur einen kann ich mit Sicherheit ausschließen – den Namenlosen. Ich bin der Aureum Resistis. Das bedeutet mein Name. Ich habe mittlerweile fast ein halbes Dutzend Mal seine Diener getötet und seine Zirkel zerschlagen, weil sie mir, verzeih die Ausdrucksweise, auf den Sack gegangen sind.“ Und genau das tat wortwörtlich auch Keidres Hand in diesem Augenblick, sich mittlerweile unter der Robe fordernd in meinen Schritt legend. Es bedurfter aller Willenskraft die ich aufbringen konnte, den kleinen Victor unten zu halten und nicht zum stolzen Turm anschwellen zu lassen. Anscheinend hatte sie genug gehört, denn ihr Zeigefinger legte sich auf meine Lippen um mich zum Schweigen zu bringen. Aber ich war noch nicht fertig, küsste einmal ihre Fingerspitze, bevor ich fortfuhr. „Der Kollege ibn Reto hatte gestern dazu interessante Thesen geäußert, die in den Kirchen wohl eher als todeswürdige Ketzerei interpretiert würden. Das man die Götter wie auch die Dämonen nach Dere Beschwören könnte. Und das würde mein letztes Ziel, den Namenlosen selbst zu töten, doch deutlich vereinfachen, wenn ich dafür nicht bis zur Sternenleere reisen müsste.“ Ich meinte ein ungläubiges, unterdrücktes Lachen von ihr zu hören. „Genau dafür benötige ich mächtige Verbündete. Er wollte sein Wissen veröffentlichen, als Buch herausgeben, hat es also sicher schon irgendwo niedergeschrieben. Also wundere dich nicht, wenn ich durch die Stadt ziehe und neugierige Fragen stelle. Ich muss dieses Werk haben! Du scheinst viel über die Dinge zu wissen, die in der Stadt vorgehen… du weißt nicht zufällig, wo er zuletzt residiert hat?“ Genau diesen Ort zu untersuchen hatte ich nun sogar mehr als einen Grund… leider konnte sie mir aber diese Frage nicht beantworten. Auch wenn sie dies sicher bald in Erfahrung würde bringen können.
Und wieder wechselte sie das Thema wie ein sprunghaftes Kätzchen, das seine Aufmerksamkeit schnell von einem zum anderen schwenkte, wenn es nichts mehr Spannendes fand. Wie lange ich wohl für sie spannend bleiben würde? Und viel wichtiger, was tat sie mit dem Spielzeug, dessen sie überdrüssig war? „Versteht Eure Frau eigentlich,“ und dabei strichen ihre Finger über den Ring an meiner Hand, „was du da tust, Victor?“ Jetzt war es an mir aufzulachen. „Nein… meine Frau ist weder Magierin noch anderweitig akademisch gebildet. Es gibt Geheimnisse, die muss ein Magier einfach für sich behalten, meint ihr nicht, meine Liebe?“ Und diese Antwort schien ihr zu gefallen. Dann hielt die Sänfte kurz ruckend an, ich meinte Eisen auf Eisen knarren zu hören, so als würde ein Tor geöffnet, wir setzten uns noch einmal in Bewegung nur um kurz darauf endgültig zum Stillstand zu kommen und abgesetzt zu werden. Anscheinend hatten wir unser Ziel erreicht.
Keidre führte mich, immer noch mit verbundenen Augen, einige Stufen hinauf und durch mehrere Türen hindurch in ein Gebäude. Als wir zum stehen kamen spürte ich, wie sie sich hinter mich stellte, mit flinken Fingern den Knoten meiner Augenbinde löste und mir ihre Brüste dabei in den Rücken drückte. Es dauerte kurz, bis sich meine Sicht soweit klärte, dass ich meine Umgebung wahrnehmen konnte. Zuerst sah ich das verschwommene, flackernde Licht von Kerzen und Laternen. Dann den prächtigen Marmorboden, einen verschwenderischen Kronleuchter und prächtige Diwane. Der ganze Raum um mich herum strahlte den reinsten Luxus aus den man sich vorstellen konnte, keine Spur weniger kostspielig als in den besten Villen auf dem Silberberg. An Gold schien es Keidre wirklich nicht zu mangeln. Und Sklaven. Überall standen Sklaven herum, und davon nur die schönsten Exemplare die man sich vorstellen konnte. Keidre schnurrte regelrecht, als sie mich nun fragte ob ich Hunger oder Durst hätte, dabei hatte ich den Eindruck das ihre Augen mich regelrecht verschlangen, so als wäre ich ihre Vorspeise. „Ihr habt mich ja direkt vom Abendmahl weggeholt, also bin ich nicht gerade am Verhungern. Aber gegen einen Schluck Wein hätte ich nichts einzuwenden,“ war meine lächelnde Antwort. Sofort brachte uns ein Sklave zwei Kristallkelche in denen eine nachtschwarze Flüssigkeit schwappte, mit der sie mir zuprostete, einen nippenden Schluck davon nahm und sich mit der Zunge genießerisch über die Lippen fuhr. Ich tat es ihr gleich, warf ihr einen fragenden Blick zu und drückte meine Verwunderung aus. „Wie kommt es, dass ich diesen edlen Tropfen bei euch so frei finde?“ Sie lachte, ein glockenhelles Läuten, als sie mir Antwortete. „Mitnichten, dieses Geschenk findet man auch hier nicht einfach so. Du weißt, woraus dieser Wein gemacht wird?“ Ich nickte bestätigend. Selbstverständlich wusste ich das. Und um seine Gefahren. „Natürlich, am Ende ist dieser Rebensaft aus Blut, die reine Lebenskraft von Menschen.“ Wieder lachte sie, schien langsam aufzutauen und vertrauen zu mir zu fassen. Ich war auf dem richtigen Weg…
Sie reichte mir den Ellbogen und als der höfliche Mann der wich war hakte ich mich bei ihr unter um mich führen zu lassen. Alles Licht in ihrem Anwesen wirkte gedimmt. Schwere Vorhänge aus Brokat versperrten die Fenster, deren nähte golden glitzerten. Allein einer davon war vermutlich mehr wert als Tulef je in seinem Leben verdienen mochte. Ich hatte ja gesehen, was er gestern mit Isna angestellt hatte. Wäre dieser Kerl an meiner Stelle gewesen, ihm wären vermutlich mittlerweile nicht nur die Augen aus dem Kopf gefallen, sondern es hätte ihm auch noch jetzt schon die Eier zerrissen… bei dem Gedanken daran wie weit ich ihm voraus war musste ich wieder Grinsen.
Es ging tiefer in die Villa hinein, abwärts, so als würden wir in die Gewölbe des prächtigen Baus dieser verdorbenen Wildkatze wandern. Ein blaugrauer Vorhang teilte sich vor uns, dahinter lag ein riesiger Saal in dessen Mitte eine Unzahl an Käfigen stand in denen sich nackte Menschen befanden. Eine regelrechte Menagerie an lebendigem Spielzeug, das sich Keidre hier hielt. Ausnahmslos alle waren hübsch anzusehen und wäre die Zierde jedes Bordells gewesen. Manche schienen ängstlich, andere wirkten apathisch oder schliefen sogar als wir eintraten. Drapiert war das ganze Ensemble um einen Sessel, in den ohne Schwierigkeiten mehrere Menschen passen würden wofür er zweifellos auch gedacht war, zu dem mich Keidre führte und in dem wir nun Platz nahmen. Davor stand ein kleiner Tisch mit Früchten, Austern und anderen Naschereien, die zweifellos dafür da waren, damit wir uns gegenseitig damit füttern konnten. Es lag eine knisternde Spannung in der Luft, eine gierige Erwartung, so als würden wir uns dem eigentlichen Ziel des Abends nähern. Nun begann also der Teil, in dem ich meine überzeugendste Darbietung würde liefern müssen. In Gedanken bat ich die Götter vorsorglich schon einmal um Vergebung um alles was noch geschehen mochte. Aber ich hatte ein höheres Ziel zu erfüllen. Und wenn es dazu nötig war Grenzen zu überschreiten… dann war ich bis zu einem gewissen Maße auch dazu bereit dies zu tun. Warum sonst hätte man sonst mich um Hilfe gebeten, und niemand anderen?
Keidre ließ eine apathische Frau aus einem der Käfige geholt. Ich sah abfällig auf das hübsche Ding herab. Und empfand in meinem Innersten zugleich Mitleid mit dem Mädchen. „Warum diese da? Die ist ja kaum bei Bewusstsein, Wo bleibt denn da die Freude?“ fragte ich in Keidres Richtung, und spürte zugleich, dass sie diese Antwort willkommen hieß. Natürlich. Es würde auch ihr keine Lust bereiten jemand ihren Willen aufzuzwingen, der keinen eigenen Willen mehr hatte. Und genau das erwartete sie von mir ebenso. Lauernd sah sie mich an, gierig, erwartungsvoll. „Nein? Dann sag mr doch, Victor, was willst du?“ Ich musste zugegebenermaßen leicht Schlucken. Ich hatte mich gedanklich im Vorfeld auf einiges eingestellt, aber das Ganze ging nun deutlich schneller als ich es erwartet hätte oder dafür bereit gewesen wäre. Mir blieb nichts anderes übrig als zu improvisieren. Und wieder… auch wenn es nicht meiner Natur entsprach, im Kern musste mein Wunsch der Wahrheit entsprechen, um Glaubwürdig zu sein. „Ein Kerl. Am liebsten wäre mir ja dieser liederliche Tulef ibn Zahir. Und eine Dornenranke vom schwarzen Wein um seinen Willen zu brechen, bis er mir vor Dankbarkeit für den Schmerz die Stiefel küsst.“ Ihr zuerst zweifelnder Gesichtsausdruck wich einer offenen Begeisterung, ihre Stimme hatte einen heißeren, erregten Unterton als sie mir Antwortete. „Dann will ich ihn dir zum Geschenk machen, aber was bekomme ich dafür?“ Dabei entblößte sie sich vor mir, ließ ihre dünne Seidenrobe zu Boden gleiten. Es war nicht zu leugnen. Ihr Körper wie ein regelrechtes Kunstwerk. Schlank und an den richtigen stellen gerundet, definiert wie eine Statue Rahjas selbst. Wie geschaffen um Freude zu bereiten und Männer und Frauen gleichermaßen zu verführen. Kaum zu glauben, dass dieser Leib schon mehr als vierzig Götterläufe gesehen haben sollte, viel eher mochte er einer Frau gehören die halb so alt war. War das eines ihrer Geschenke ihrer dunklen Herrin? Ein ewig junger, unwiderstehlicher Körper? Nur an ihren Augen, den leichte Fältchen in den Winkeln könnte man vielleicht ihr Alter erahnen, wenn man genau darauf achtete und nach Zeichen für ihr wahres Alter suchte. Aber wer sah bei solch einem prächtigen Anblick schon auf die Augen – außer mir vielleicht?
Langsam ging sie hinter mich, legte mir die Hände auf die Schulter und begann damit, mich sanft zu massieren. „Was könnte eine Frau wie ich wollen, Victor?“ hauchte sie mir in den Nacken, in dem sich mir alle Härchen aufstellten. Ganz war es mir doch nicht möglich, jegliche körperliche Reaktion zu unterdrücken. Und das offensichtliche, was ich ihr hier und jetzt hätte geben können, nämlich mich, war ich nicht bereit ihr zu offerieren. Ihre Diener brachte die Sklaven aus den Käfigen fort schafften sie aus dem Raum. Kurz fragte ich mich warum. Wollte sie ungestört mit mir sein? Dabei mussten diese Sklaven doch kaum mehr als Möbelstücke für sie sein. Nach kurzem Überlegen hatte ich eine Antwort für sie. „Was eine Frau wie du nicht gebrauchen kannst, Keidre, sind Feinde. Insbesondere die, aus deren Reihen du selbst hervorgegangen bist.“ Ihr Hände erstarrten kurz an meinen Schulterblättern, ihre Finger bohrten sich etwas fester in mein Fleisch. „So… da hat sich also jemand über mich erkundigt, ja?“ Ihr Atem ging schwer hinter mir. Auch wenn sie es nicht sehen konnte, lächelte ich. Da hatte ich wohl einen Punkt getroffen. „Natürlich, meine Liebe. Und ich bin mir sicher, du hast es kaum anders gehalten, oder?“ Ihre Finger nahmen die Wanderung über meinen Rücken wieder auf, kneteten lockend meinen Nacken, als sie mit ihrer Antwort schnurrend meine Annahme bestätigte. „Wie geht es Deiner Tochter, Ulmjescha heißt die Süße, nicht wahr?“ Ich nickte nur still um zu sehen, wie weit sie gehen würde. Meine Muskeln verspannten sich unwillkürlich. Die letzte, die meine Familie bedroht hatte, hatte ich bis ans andere Ende Deres gejagt. Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. „Du musst dir keine Sorgen machen Victor…“ Ich drehte den Kopf um ihr in die Augen zu sehen. „Ich mache mir keine Sorgen, Keidre. Würde ich das tun… wäre ich schon weg oder du tot.“ Wieder lachte sie. „Ja, das denkst du, nicht wahr?“ Dabei schnippte sie mit den Fingern. „Einfach so…“ Dann massierte sie mich ganz entspannt weiter, der kurze Moment der lauernden Gefahr war vorüber gegangen, als hätte er nicht existiert.
Auch von mir wich die Anspannung, die sich meiner kurz bemächtigt hatte. Ich drehte mich wieder zu ihr um. „Weißt du, Keidre, ich bin ein neugieriger Mensch. Manchen, wie mir, ist es auf Grund der Macht ihrer Geburt gegeben die Diener der Niederhöllen zu beherrschen. Andere, wie Dir, ist es nicht von Geburt gegeben, sondern auf anderem Wege. Und bisher habe ich noch nie eines der Geschöpfe Belkelels gerufen. Was hältst du von einer kleinen Kooperation? Wir könnten uns zusammentun und es gemeinsam tun?“ Sie fixierte mich mit ihrem Blick, ich konnte die wachsende Erregung förmlich in ihren Augen sehen. „So, Victor, und an was hättest du dabei gedacht?“ Ich sann kurz nach. Mir mangelte ja durchaus an praktischer Erfahrung was das anging, auch wenn ich mir die Theorie angelesen hatte. „Ein Burkhesch. Wir könnten damit deine nächste Feier ein wenig… aufwerten, was meinst du?“ Ihre Hände griffen jetzt fester zu, fordernder. „Zu einfach… ich denke da an etwas anderes… was hälst du davon gemeinsam einen Jin’ahldlu’shi zu erschaffen?“ Damit überraschte sie mich wirklich. Abgesehen davon, dass dies etwas war, was deutlich außerhalb meiner Fähigkeiten liegen dürfte, würde ich mich am Ende nicht wirklich darauf einlassen können – würde es doch bedeuten die Seele eines Menschen zu opfern, indem man ihn zum Daimoniden machte. Aber ich ließ mir nichts anmerken – und in gewisser weiße war ich zugegebenermaßen auch neugierig darauf. Das war etwas, was ich an keiner Akademie außer vielleicht in den Schwarzen Landen jemand erleben würde. Den Zwiespalt der in meinem Inneren tobte, überspielte ich mit einem Lächeln. „Wenn das Dein Wunsch ist meine Liebe… dann lass uns das tun.“ Es fühlte sich an, als würde eine Falle um mich zuschnappen, als ich die Worte sprach. Hoffentlich konnte ich mich daraus noch rechtzeitig befreien…
Sie schmunzelte mich an und klopfte mir auf die Schulter. „Das wird also nicht unsere letzte Begegnung gewesen sein, Victor. Wollen wir weitermachen?“ An Ketten werden neue Menschen für die Käfige gebracht, diesmal sehr unterschiedliche Männer. Zwei davon waren farbig, einer weiß, einer wirkte apathisch als wäre er betäubt, zwei ängstlich, einer weinte, einer Schrie als sie hereingezerrt wurden. Ihre stimmte gurrte regelrecht vor Gier, als sie mir ihre Frage entgegenhauchte. „Würde es mir gefallen das Zeichen Belkelels einem dieser Kerle in die Stirn zu ritzen?“ Nein, würde es nicht. Aber ich würde dieses Spiel jetzt nicht abbrechen können… bald hatte ich sie soweit. Jetzt konnte ich ihr Vertrauen endgültig erringen. Feixend grinste ich sie an. „Oh ja… lass uns ihn zeichnen. Den dort,“ dabei deutete ich auf den apathischen, „lass fortschaffen. Der würde uns kein Vergnügen bereiten“. Ihre Hand, die mittlerweile auf meinem Oberschenkel lang, zitterte vor Erregung. Ich deutete auf den Weinenden. „Mit dem wäre es viel zu schnell vorbei, sein Widerstand zu rasch gebrochen…“ auch er wurde weggeschafft. „Der dort,“ ich zeigte auf den schreienden Mann, „wird uns am meisten Spaß bringen. Er hat wenigstens noch ein bisschen Kampfgeist in sich…“
Als ich die Wahl getroffen hatte zog sie einen Dolch mit einer filigranen silbernen Rose am Griff hinter dem Rücken hervor, wo auch immer sie die sieben Finger lange Klinge bisher versteckt haben mochte. Als ich die silberne Rose sah blitzte vor meinem inneren Auge der gestrige Begleiter von Hagen, Alda Djehadi, auf, aber das warum konnte ich mir nicht erklären. Eine spontane Eingebung, der ich später irgendwann auf den Grund würde gehen müssen, als mich Keidres Stimme schon wieder in die Gegenwart rief „Willst Du das Zeichen anbringen?“ Ihr Blick bohrte sich dabei regelrecht in meine Augen, als ich zustimmend nickte. Echte Begeisterung hätte ich nur schwer in meine Stimme gebracht, hätte ich es jetzt mit Worten bestätigt.
Zwei kräftige Sklaven zerrten den Kerl zu uns heran, drückten ihn auf den Boden. „Sollen wir ihn Knebeln?“ Keidres Stimmte zitterte vor mühsam unterdrückter Erregung. Jetzt würde ich das Spiel auf die Spitze treiben müssen. „Nein, meine Liebe, was denkst du? Es wäre kein Lobpreis der dunklen Herrin, wenn seine Schreie nicht zum Himmel schallen würden!“. Dann setzte sich die Spitze des Dolches auf seiner Stirn an und begann mein Werk. Allerdings bekam ich das unheilige Zeichen auf der zappelnden, kleinen Leinwand nicht besonders gut hin. Das war doch etwas anderes als Bilder in ein Buch oder auf ein Pergament zu malen, worin ich ja durchaus ein wenig Übung hatte. Als Keidre sah das mir das Werk nur mäßig gelang nahm sie meine Hand, begann sie sicher zu führen. Gemeinsam wiederholten wir das Zeichen auf der Brust unseres Opfers, dessen schreie immer lauter und schriller wurden. Es war wie ein Tanz, den unserer Hände zusammen aufführten. Mit jedem Schnitt den wir führten zitterte und bebte Keidre heftiger und als wir fertig waren zuckte sie regelrecht, als würde sie sich vor Lust winden. Sie hatte es wirklich genossen, das ließ sich nicht verhehlen.
Ihre Diener schleppten den nun ohnmächtigen Burschen fort und am Ende saßen wir allein im Raum auf dem übergroßen Sessel, ich konnte Keidre die boshafte Verzückung regelrecht ansehen. Dann begann sie mich zu entkleiden, schälte mich förmlich aus meiner Robe wie eine Frucht, die sie sich zum Nachtisch pellte. Was jetzt passieren würde lag greifbar in der Luft. Ich wusste, jetzt spielte ich wirklich mit dem Feuer, der Lust und der Gier Belkeles selbst. Der grad hier und jetzt zu unterliegen war geradezu schmerzhaft schmal. Und ich mochte jetzt alles aufs Spiel setzen – Visaria, mein Leben oder sogar meine Seele. Mein Herz pochte aufgeregt und dennoch ruhig zugleich. Ich wusste was ich tat, worauf ich mich eingelassen hatte. Und dennoch spürte ich es, als würde ein ferner Beistand mich hüten. In meinem Herz schimmerte ein sanftes leuchten beim Gedanken an Visaria, während vor mir auf dem Sessel boshafter dämonischer Frevel saß und mich gierig anstierte.
Ich konnte es regelrecht spüren. Keidre tat etwas, ihre Pupillen wurden eng. Bei einem Magus das untrügliche Zeichen für Konzentration, die Vorbereitung eines Zaubers. War es bei Paktierern genauso? Ich würde in dieser Sache kein Risiko auf mich nehmen. Zu viel stand für mich auf dem Spiel.
Eine leise geflüstertes „Arcano Psychostabilis“ kam über meine Lippen, das Keidre in ihrem regelrecht verzückten Zustand überhaupt nicht wahrnahm, bevor ich mich noch schnell auf die Lektionen des eisernen Willens konzentrierte um meine mentalen Barrieren zu stärken so gut ich konnte. In ihrem Blick lag etwas wie eine unstillbare Gier, sie fixierte mich mit den Augen wie eine Schlange das Kaninchen, bevor sie zustieß. Und der Augenblick ging vorbei… sie wirkte sehr erschöpft - und enttäuscht. Sie wollte es sich nicht anmerken lassen, verbarg es aber nur schlecht. Keidre d’Tarifa war regelrecht fassungslos und aufgebracht. Was auch immer sie getan haben mochte, ich hatte sie an ihre Grenzen gebracht – und darüber hinaus. Ich sah es in ihren Augen. Jetzt war ich für sie wirklich ein interessantes Spielzeug – eines, das nicht so leicht kaputt ging wie die Schwächlinge, mit denen sie sich sonst zufriedengeben musste. Sie sah mich neckisch und gleichzeitig freudig erregt an. „Du, Victor, gefällst mir.“ Wann war es das letzte Mal gewesen, das sie mit jemand anderem auf Augenhöhe hatte spielen können. Aber natürlich sagte sie das nicht mit Worten. Diese Blöße würde ihr Stolz niemals zulassen. Allein an der Sprache ihres Körpers und ihrer Augen konnte ich lesen, was in ihr Vorgehen mochte – und das wir diesen Machtkampf noch nicht zu Ende gefochten hatten.
Ich musste an dieser Stelle zugeben, ich hatte Angst gehabt, als ich spürte wie Belkelels dämonische Macht nach mir gegriffen hatte. Es war, als hätten sich die Krallen der Niederhöllen selbst um meine Seele gelegt und mit eiseskaltem Griff zugedrückt. Zum vierten Mal hatte ich nun die Macht der Niederhöllen direkt auf mir Lasten spüren, mich ihrem Griff entzogen. Wie oft würde es noch gutgehen, bis ich einmal der Schwächere war, den Kürzeren zog? Anscheinend war es mein Schicksal, auf dieser Rasierklinge zu balancieren und immer wieder aufs Neue meine Seele in die Waagschale zu werfen…
Dabei hatte ich es gespürt. Ich mochte in diesem Raum mit Keidre allein sein, aber ich war nicht einsam. Wessen Nähe und Wäre hatte ich in diesem Augenblick der höchsten Gefahr gespürt? War es meine geliebte Visaria? Rahja selbst, die eine schützende Hand über mich gehalten hatte? Aber es gab nur eins was am Ende zählte. Ich war nicht an die Niederhöllen gefallen und hatte auch nicht dem dämonischen Verlangen nachgegeben, das versucht hatte sich meiner Seele zu bemächtigen. Keidre, der „Feind“ sah mich bewundernd an, nachdem sie sich wieder gefasst hatte. Ihre Stimme war wieder ein sanftes, lockendes, versprechendes Schnurren. „Also gut, Victor. Ich werde dir diesen Tulef ibn Zahir liefern. Und im Gegenzug will ich von dir Orchais, einen meiner ärgsten Konkurrenten. Nein. Keine Fragen, den Rest findest du selbst heraus.“ Sie lächelte mich honigsüß an. Und das verlangen, diese Lippen zu Küssen brachte mich schier um den Verstand, auch wenn die dämonische Verlockung längst abgeklungen war. „Dennoch, wenn es am schönsten ist sollte man gehen, nicht war?“ Mit einem huldvollen Winken entließ sie mich, ihr perfekter nackter Leib auf dem Sessel ausgestreckt wie ein Versprechen.
Die zweite Runde unseres Spiels hatte ich damit wohl überstanden. Kein Zweifel, diesmal war ich die Maus gewesen. Nun war nur die Frage, wie es mir gelingen würde beim nächsten Mal wieder die Katze zu sein…
Asmir brachte mich zurück zur Sänfte, diesmal ohne Binde vor den Augen und ließ mich zurück zum Hotel tragen. Es war deutlich nach Mitternacht und stockdunkel, aber auf dem Weg wagte sich niemand in die Nähe der Sänfte. Trotzdem hatte ich das starke Gefühl beobachtet zu werden, ich war nicht allein. Und das würde sich vermutlich auch so bald nicht ändern. Ich musste davon ausgehen, das Keidre ihre Augen und Ohren überall in meiner Nähe haben würde.
Als ich mich ins Bett legte, dauerte es noch lange, bis ich den Schlaf in Borons Armen fand. Zu viele Gedanken kreisten durch meinen Kopf, zu viel Erregung hatte sich in meinem Körper aufgestaut, zu viel Anspannung musste erst einmal von mir abfallen. Die Paktiererin hatte ich identifiziert, daran bestand kein Zweifel mehr. Aber handelte sie allein? Gab es auch ein Netz, das sie wie eine Spinne gesponnen hatte? Wer mochte noch dazu gehören und war eingeweiht? So viele Fragen, die noch zu beantworten waren. Und wer war dieser Orchais? Während sich so darüber nachdachte, kam mir die Gästeliste der Feier wieder in den Sinn. Dort sollte ich zuerst nachsehen. Wenn er ein Konkurrent Keidres war, würde er eine wichtige Person in dieser Stadt sein. Und damit vermutlich auch auf der Veranstaltung zugegen gewesen sein. Morgen, beim Frühstück, würde ich mich darum kümmern. Und hoffentlich erfahren, welche Fortschritte die Anderen in meiner Abwesenheit zu Wege gebracht hatten.
Als ich zur achten Stunde erwachte war es schon wieder warm und schwül, trotz der frühen Stunde, und ich streifte das drückend auf mir lastende Bettzeug ab, obwohl es doch nur leichtes Leinen war. Nachdem ich mich kurz frisch gemacht hatte begab ich mir zum Frühstück, wo bereits alle anderen inklusive Isna saßen. Nur Fjedril war abwesend, da ihn ob der für ihn ungewohnten Küche dieses Landstrichs anscheinend der Flinke Difar außer gefecht gesetzt hatte. Aber das mochte sich rasch wieder geben. Meine gute Azina wäre jetzt hilfreich gewesen, damit sie nach ihm hätte schauen können. Ich fragte mich, wieder einmal, was derzeit wohl aus ihr geworden war und wo sie sich herumtrieb. Ich meint mich zu erinnern, dass in solch einem Fall das kauen eines Stücks Kohle förderlich sein sollte. Das würde ich Fjedril in jedem Fall noch empfehlen, bevor wir das Hotel verließen. Ansonsten waren die Anderen, während mein Abend ja durchaus produktiv gewesen war, nur mäßig erfolgreich dabei, unsere Investigation voran zu treiben. Aber sie waren zumindest auch nicht völlig erfolglos.
Aus einer Quelle, es mussten wohl die Bettler gewesen sein, hatten sie erfahren, dass Amir Gerbelstein noch spät nachts allein mit einem Boot in den Hafen hinausgefahren war und in der nähe einer Brücke einen Beutel im Fluss versenkt hatte. Ein äußerst seltsames Gehbahren, das mir so gar nicht zu dem dicken Händlersohn passen wollte. Mich wunderte ja schon, dass er überhaupt in der Lage sein sollte ohne fremde Hilfe ein Boot zu bedienen! Sofort entspann sich die Diskussion, wer denn am besten von uns geeignet wäre, das Objekt unseres Interesses zu bergen. Ich wies dies vehement von mir, denn zum einen war Schwimmen nach wie vor nicht meine Stärke und zum anderen wäre die Nutzung eines Dämons zu solch einem Zweck wohl reichlich übertrieben gewesen. Auch wenn es mit einem Ulchuchu vermutlich geklappt hätte. Meine favorisierte, und damit auch die anzuwendende Lösung wäre nun also, Tulef für wenige Heller einen Dispens für das Schwimmen im Hafen zu besorgen. Um etwaige Krokodile würde man sich ja wohl innerhalb der Stadtgrenzen keine sorgen zu machen brauchen! Auch wenn der Feigling natürlich wieder herum memmte, als bestünde da irgendeine Gefahr. Was für ein Weichei!
Hagen befragte ich dann auch direkt, wie ich es mir vorgenommen hatte, nach seinem Bekannten Alda Djehadi. In diesem Zuge kamen wir auch darauf, dass die Gästeliste nach dem Einfluss und der Wichtigkeit der Personen sortiert war. Und da er ganz oben stand und auch die Wache vor ihm salutiert hatte, wie mir gesagt wurde, sprach das für seine Bedeutung in der Stadt. Er war wohl so etwas wie der Anführer der örtlichen Söldnergilde, und damit nicht nur was seine Stellung anging als gefährlich zu bezeichnen, sondern vermutlich auch sein individuelles Können im Kampfe. Jemand, den man nicht unterschätzen durfte, gerade falls er eine tiefere Verbindung zu Keidre die Tarifa haben sollte. Hier war Vorsicht geboten. Aber zu einer silbernen Rose konnten mir weder Hagen noch Isna irgendwelche Verbindungen herstellen. Was mich, und das möchte ich hier am Rande anmerken, allerdings missfiel, war, dass mein Name auf der Liste dermaßen weit unten stand, dass er noch nicht einmal zu den obersten 20 gehörte. Hier fühlte ich mich schon fast ein wenig persönlich gekränkt!
Bei Isna fragte ich auch nach diesem Orchais von Mengbilla nach, den Keidre so prominent zu meinem Opfer deklariert hatte. Bei ihm handelte es sich um den Besitzer des Bordells Orchidee, das zum Einflussbereich der Kurtisanengilde gehörte, allerdings war er wohl mit der Gildenführung, also der Dame Tarifa, nicht einverstanden und lag mit ihr im Clinch, bildete so etwas wie die Opposition innerhalb der Gilde, und damit war auch erklärt, warum Keidre ihn gern loswerden wollte. Nun gut, das sprach jetzt alles weder besonders dafür noch dagegen, ihn im Bedarfsfall meinen Zwecken zu opfern. Aber zur Not mochte ich mit ihm einen passenden Kandidaten als Mörder Rauls für den Großemir haben – und damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Die erforderlichen Beweise und Zeugen würden sich, zur Not mit Keidres Hilfe, der diese Idee sicher gefallen würde, schon organisieren lassen, da war ich mir sicher. Interessant war in diesem Zusammenhang, dass ich eine weitere Loyalität klären konnte, die mir persönlich wichtig war. Isna’s Herrin und die Besitzerin des Roten Bocks, die Dama Kaja, war eben gerade nicht Teil der Kurtisanengilde und bestand auf ihrer Unabhängigkeit, seid Keidre diese in einem Aufstand an sich gerissen hatte. Das nahm mir eine gewissen Sorge die ich bisher noch gehabt hatte, wie sehr ich mich vor Isna in Acht nehmen müsste. In ihr würde ich vielleicht bei Bedarf und der entsprechenden Bezahlung eine verlässliche Verbündete finden, der gegenüber ich nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen musste.
Isna war es auch, die ich nach dem Verbleib der örtlichen Meuchlergilde fragte. Hier konnte sie mir aber nur sagen, dass diese wohl aufgelöst wurde, aber ihre Mitglieder sicher nicht ganz verschwunden waren. Wenn man heutzutage so etwas wie einen Mord in Auftrag geben wollte, dann wandte man sich jetzt an die Bettlergilde. Das hörte sich für mich an, als hätte hier eine Vereinnahmung stattgefunden – aber ob wirklich die Bettler die Meuchler geschluckt hatten, oder diese sich nun nur unter dem Mantel der Bettlergilde neu versteckten… wer mochte das schon sagen?
Zuguterletzt setzte ich noch das Thema der Unterkunft Rauls ibn Rethos, die zu durchsuchen wäre, auf die Tagesordnung. Da er ein angesehener Mann von Stand war, würde er kaum in der letzten Kaschemme abgestiegen sein. Ich fragte daher – das wäre sonst wirklich sehr peinlich geworden – zuerst in unserem Hotel nach, ob er hier nicht ein Zimmer gehabt hätte. Dem war aber nicht so. Daher kam wohl als zweite Möglichkeit nur noch das Hotel „Palast des Großemir“ in Frage, in dem er logiert haben mochte. Dort würde ich im Laufe des Tagen einmal vorstellig werden. Und sollte sich dies auch als Sackgasse erweisen, würden wir sicher über die Kontakte von Isna und ihrer Herrin an die entsprechende Auskunft kommen, es mochte lediglich ein wenig Zeit beanspruchen.
Tulef und Hagen hatten das dringende Bedürfnis den Händler Ankbesi aufzusuchen, der sie auch auf das Fest gebracht und ihnen die erforderliche Kleidung geliehen hatte. Letztere würden sie zurückgeben müssen, sie fürchteten anscheinend sonst von dem Krämer noch weiter zur Kasse gebeten zu werden. Und da ich den Mann wegen des Buches in seinem Besitz und der Beschaffung eines wohlriechenden Körperöls ohnehin aufsuchen wollte, würden ich mich da einfach anschließen. Auf dem Weg aber, das war noch wichtiger, würden wir uns aber den Bettlern widmen, zu denen Tulef wohl schon eine innige Verbindung hatte (wen wunderts!), da der von Amir Gerbelstein im Fluss versenkte Beutel wohl die größte Gefahr barg, ungesehen zu verschwinden, je nachdem wer alles davon wusste. Hier wollte ich lieber kein Risiko eingehen. Ich zahlte Isna noch den ihr zustehenden Tageslohn von einem Dekaten aus, was Tulef, den alten Knickerbock zu einem missgünstigen Kommentar veranlasste, bevor wir nun endgültig aufbrachen.
Der Kontakt, den Tulef für uns hatte, war ein armloser Bettler Namens Ulbo, der seinem Gewerbe in einer Unterführung sitzend nachkam. Gegen einige kleinere Münzen erfuhren wir, dass Amir den Beutel angeblich in der nähe zur Brücke an der Insel der Träume versenkt habe, er zeigte uns dann die Stelle sogar, wo er vermutlich von den seichteren Uferbereichen in den tieferen Teil, der Fahrrinne für die Boote, abgerutscht war. Da Tulef sich nach wie vor wie ein Feigling gebärdete und das Tauchen nicht übernehmen wollte, versprach ich Ulbo einen Dekaten für denjenigen, der mir den Beutel bringen könnte. Sollte das Gold des Großemirs doch das Problem lösen… und kaum hatte ich das gesagt, huschte schon ein siegessicheres Grinsen über die Züge des Bettlers. Ein Pfiff… und und schon trabte ein Bursche heran. Man hätte es sich ja denken können, dass die Bettler sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen würden. Der Teil, das sich niemand bisher getraut hätte das Objekt zu sichern war einfach gelogen und natürlich hatten sie es sich schon geholt. Ich gab Ulbo den versprochenen Dekat, und schon wurde mir das verschlossene Paket gebracht. Das war ja einfach… so konnte es gerne weitergehen. Allerdings hatte ich nicht vor, das Objekt auf offener Straße zu untersuchen, weswegen wir uns noch einmal zurück ins Hotel Havarie begaben und uns dort auf Tulefs Zimmer versammelten. Da mochte ja auch ein stinkender, verwesender Kopf drin sein, das würde ich lieber in seinem Zimmer erkunden als in meinem…
Es war aber nichts dergleichen Widerliches. Lediglich ein Dolch, also vermutlich die Mordwaffe, an dem noch eingetrocknete Rest von Blut klebten. Verschiedene Möglichkeiten der magischen Untersuchung wurden nun diskutiert, die auch sicher alle funktioniert hätten. Von der Beschwörung eines Geistes, so dieser denn noch in der dritten Sphäre weilen würde, bis zur Reise ins Totenreich um den Verstorbenen zu befragen. Sogar, ob ich nicht anhand des Geschmacks des Blutes die Übereinstimmung mit dem Toten hätte prüfen können – was ich verneinte – wurde kurz angesprochen. Interessanterweise war es Isna, die am Ende den springenden Gedanken hatte. Das Mädel hatte einen Wachen Geist, das musste ich zugeben. Sie gefiel mir mit jedem Tag mehr. Denn sie fragte, ob denn das Blut eines Magiers auch magisch sei, und ob man das noch erkennen könne. Schlaues Kind! Ja, für einen entsprechend kompetenten Magier, also mich, würde das durchaus möglich sein, auch wenn nun schon eineinhalb Tage vergangen waren. Ich wusste natürlich, dass die arkane Ausstrahlung mit der Zeit recht schnell verblasste. Auch der Leichnam oder der Stab des Kollegen verlor ja nach seinem Tot das arkane Potential recht rasch, welches man mittels Odem Arcanum aufspüren konnte. Aber wenn man den Zauber nur gut genug beherrschte… ich machte mich direkt ans Werk und legte den Dolch auf den Tisch von Tulefs Zimmer. Der Zauber gelang mir, wie erwartet, hervorragend. Immerhin war es einer der grundlegendsten Canti und dazu noch einer der Hellsichtszauberei, welche die Basis meiner Ausbildung bildete. Und dennoch, es war keine auch noch so schwache arkane Aura wahrzunehmen. Das, und da war ich mir nun absolut sicher, war nicht das Blut oder die Waffe, mit der ein Magier erstochen worden ist. Also hatten uns die Bettler entweder getäuscht, oder es war zumindest kein Zauberer damit erdolcht worden. Das passte alles nicht zusammen, ähnlich wie das vermeintliche Auftreten Amir Gerbelsteins… zeichnete sich da wohl eine ausgefeilte Scharade ab? Dann blieb aber immer noch die Frage, warum und von wem? Äußerst interessant, aber wieder nur ein kleines Puzzleteil, das ich noch nicht so recht ins große Bild einfügen konnte.
Die „Mordwaffe“ deponierte ich dann in meinem Zimmer in der Truhe, bevor wir gingen. Tulef, der wieder einmal Angst davor hatte was passieren mochte, wenn man sie in seinem Zimmer fand, bestand sogar darauf, dass sie bei mir sicherer war. Was natürlich nur ein Vorwand war, um bei Bedarf mir die Schuld in die Schuhe schieben zu können. Aber ich durchschaute das traurige Spiel dieses Lumpen natürlich sofort und war mir auch nicht zu schade, ihm das offen ins Gesicht zu sagen. ICH hatte davor keine Angst. Überhaupt fürchtete ich die Konsequenzen aus dieser Ermittlung hinten heraus für uns, also mich, deutlich weniger, als das, was sich mit der Dame die Tarifa noch ergeben mochte. Die machte mir viel mehr Sorgen. Weswegen ich auch Hagen dann unter vier Augen, Isna und Tulef hatte ich schon vorab ins Foyer geschickt um dort auf uns zu warten, bat, ein waches Auge auf Tulef zu haben. Ich hätte aus verlässlicher Quelle erfahren, dass er es sich jetzt schon mit einer wichtigen Person in der Stadt verscherzt hätte, und jemand auf seine Sicherheit achtgeben musste. Es wäre auch nicht angeraten, ihn des Nächstens alleine durch die Stadt streifen zu lassen. So mochte er wenigstens ein bisschen Schutz erhalten. Das er ins Visier der Dame Tarifa durch meine Worte gekommen war, ließ ich aber lieber ungesagt.
Jetzt gingen wir aber wirklich zum Herren Ankbesi. Es ging nun schon mehr auf Mittag zu und das Wetter war eher diesig, schwül und eklig, weswegen auch nur wenig Betrieb auf den Straßen herrschte. Der Händler stand vor seinem Laden und feilschte gerade mit einer Kundin über einen Teppich, als wir eintrafen. Wieder bestaunte ich die rasche Auffassungsgabe und die Kreativität Isnas. Sie mischte sich ungefragt in die Verhandlungen ein, gab sich als weitere Interessentin an dem Teppich aus und schaffte es sogar, den Preis damit ein Stück in die Höhe zu treiben, was ihr sicherlich das Wohlwollen des Händlers einbrachte. Ein schlaues kleines Luder, ich mochte ihre Denkweise. Als wir den Mann dann endlich für uns hatten, folgten wir ihm in sein Geschäft, wo Tulef und Hagen sich erst einmal mühselig wegen der geliehenen Kleider und der überzogenen Leihfrist mit ihm einigten. Ich ließ sie erst einmal gewähren, bevor ich meine Anliegen vorbrachte, allein schon, um dabei ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man mit dem Herrn Ankbesi am besten umgehen mochte. Er war Händler durch und durch, das sah ich sofort. Am Ende ein Diener des Herrn Phex, der seinen eigenen Vorteil schätzte, es nicht mochte vermeintlich ausgenutzt zu werden und seine Freude an einem guten Handel und, viel wichtiger, klingendem Gold hatte. Damit konnte ich arbeiten…
Ich beschloss, mich mit meinen anliegen von unten nach oben, quasi vom einfachsten zum schwierigsten, vorzuarbeiten. Zunächst erwarb ich von ihm ein Fläschchen Lavendelöl für vier Silberlinge. Das war eine simple Transaktion und ich würde mich beim nächsten Treffen mit der Dame Tarifa entsprechend wohlriechend präsentieren können. Das Geld nahm ich aus dem Beutel des Großemirs. Nennen wir es im weitesten Sinne Spesenausgaben, die ich damit beglich. Sodann überbrachte ich ihm die Kunde von seinem Missratenen Sprössling und dem versuchten Unterschleif zur Prüfung. Ihn schien das allerdings wenig zu überraschen, sondern eher zu erzürnen. Wir tauschten uns bei einem Tee über seinen Sohn aus und wie denn nun weiter mit ihm zu verfahren war, insbesondere das ich eine Nachprüfung in Aussicht stellte. Lustigerweise erlaubte mir der Händler sogar offen, seinen Spross bei Bedarf und im Wiederholungsfalle seiner Verfehlungen, ihn gern auch körperlich zu züchtigen, am besten mit der Dreischwänzigen. Das hatte ich zwar nicht wirklich vor, aber allein dem missratenen Burschen zu erzählen, dass ich dazu die Erlaubnis seines Vaters hatte, mochte ihn ein wenig zusätzlich motivieren. Man stelle sich die Schande vor, ich würde ihn vor der ganzen Klasse mit freundlichen Grüßen von seinem alten Herren die Knute geben… wie peinlich! Zuletzt kam ich dann, nachdem wir also eine recht freundliche Verbindung zueinander gefunden hatten, er würde mir sogar auf dem Zettel des Unterschleifs eine Nachricht an seinen Sohn mit zurück geben, auf das Corpus Mutantis zu sprechen, das ja mein eigentliches Ziel war. Er hatte es wohl nicht hier bei sich, sondern bei einem Vetter der mit Büchern handelte, und musste erst einmal sehen ob es noch da war. Aber er würde für mich nachsehen und mir Bescheid geben, wenn ich die Nachricht an seinen Sohn abholen kommen würde. Das war weniger als ich mir erhofft hatte, aber immerhin…
Dann mischte sich Tulef in unsere Unterredung ein, er wollte ebenfalls noch ein Geschäft mit dem Händler machen. Diesmal ging es ihm aber um den Austausch bzw. den Erwerb von Informationen. Es ging darum, wer denn den Gerbelsteins wohlgesonnen oder missgünstig sei und ein Interesse daran haben könnte, sie in schlechtem Licht dastehen zu lassen. Wir einigten uns darauf, dass wir die Fragen stellten, er uns die Antworten gab die er hatte, und Isna den Preis dafür festlegen mochte. Wenn ihm der Preis gefiehl, würden wir das „Spiel“ fortsetzen, und ansonsten beenden. Eine interessante Herangehensweise. Wer sich auf sowas einließ wie der Herr Ankbesi war vielleicht mehr als nur ein wenig dem Phex zugetan, er mochte auch ein Spieler sein, der gern einmal sein Gold zum Wetten in die Arena trug.
Die erste Frage hatten wir zu Daria Gerbelstein. Sie war eine Cousine der Familie, mit der sie aber in gutem Einvernehmen stand, und leitete die Kriegerschule „Rabenschnabel“ und die schwarze Garde, fiel aber als Boron-Akolutin nicht unbedingt ins Gewicht, wenn es darum ging für uns besonders Verdächtig zu sein. Für diese Auskunft erhielt der Händler 3 Telar von uns, was ihn zufrieden zu stellen schien.
Zu Alder Djehadi oder einer silbernen Rose wusste er leider nichts zu sagen, genauso wenig, wie der Mann zu den Gerbelsteins stehen mochte.
Der nächste Name sagte mir nichts, er stand eben auf der Liste. Jondir Gerichos wurde der „Purpurkönig“ genannt, weil der Handel damit sein Metier war und er war als größter Konkurrent der Gerbelsteins zumindest verdächtig für uns, was Ankbesi weitere 4 Telar brachte.
Interessant war, als Isna, das hatte ich nicht erwartet, nach ihrer eigenen Herrin, der Dame Kaja Cembalis fragte. Das sie die Besitzerin des Roten Bocks war und nicht in einer Gilde war, war nichts neues, aber das sie sich gerne einer Gilde anschließen wollte überraschte mich. Von ihr kamen wir auf eine weitere, diesmal tatsächlich verdächtige Person, die eine ihrer verflossenen Liebschaften war. Farrad al Harras, ein Hai, also Anführer, der Stadt, der ebenfalls Gildenlos war und als Sammler magischer Artefakte galt. Zudem war er selber wohl ein mächtiger Magier, was ihn zumindest in den Kreis der Verdächtigen einschloss. Vielleicht hatte er sich mit Raul ibn Retos ja eines unliebsamen Konkurrenten entledigt, da es Gerüchte gab, dieser habe ihm ein wertvolles Artefakt weggeschnappt.
Das Gespräch wanderte dann allerdings eher Richtung Stadtpolitik ab. Was die Gerbelsteins, wie ja alle Händler die nicht grade mit Waffen und Rüstungen handelten, nicht brauchen konnten, war ein Krieg und eine Störung ihrer Geschäfte. Über Krieg und Frieden entschied am Ende der Stadtrat, also die Haie, und in diesem gab es auch Strömungen, die bereit waren die Ziele Mengbillas zu erzwingen und mit Gewalt durchzusetzen. Da mochte es diesen Kräften durchaus gelegen kommen, wenn die Gerbelsteins geschwächt waren.
Auf den Einwand, der Großemir hätte doch am Ende auch noch ein Wörtchen mitzureden bei diesen Entscheidungen lachte der Händler freundlich auf und verwies darauf, dass der Großemir ja Nemekathäer sei, als würde das schon alles erklären.
Zu Aldrik vom Grauen Pfad wiederum konnte der Herr Ankbesi nichts sagen, aber wir könnten ja denjenigen befragen, der die Liste erstellt hatte. Irgendwie musste er ja als Gast geladen worden sein. Ich fand, diesem Hinweis sollte Hagen tatsächlich nachgehen, auch wenn das mit unserer Recherche nichts zu tun hatte. Aber er sollte seinem Ziel ja auch näherkommen. Am besten, solange ich noch in seiner Nähe war um ihm bei Bedarf zu helfen, bevor er blind in sein Verderben lief.
Er verwies uns dann noch an Fedor Aldogan, den Besitzer des Druckhauses aller Wissenschaften, und damit jemand, den ich sicher ohnehin noch wegen des Skripts auf Raul aufgesucht hätte. Viel überraschender für mich war dann, das Isna diesen Mann zu kennen schien. Und als sie mir eröffnete, dass sie ihn neulich mit einem seltsamen Buch angetroffen hatte, war es um mich geschehen. Der Titel des Buches lautete „Die 13 Lobpreisungen des Namenlosen“, und sofort begann mein Blut zu kochen und mein Herz zu rasen. Hatte ich denn, egal wohin ich ging, niemals Ruhe vor diesen widerlichen Gestalten? Diesen Rattendienern! Alles Andere war gerade unwichtig geworden. Ich forderte vehement ein, dass wir SOFORT in das Druckhaus gehen mussten. Wenn ich hier auf das nächste Nest dieser Subjekte traf… nun, ich würde zumindest nicht zögern die ganze Bande auf der Stelle auszuräuchern. Schade um das Druckhaus, aber da würde ich nicht lange herumtun und des auch direkt mit seinem verdorbenen Besitzer darin abfackeln. Ich sollte vielleicht nur vorher noch einen Blick in meinen Generaldispens werfen, ob „Brandstiftung“ oder „Feuer legen“ von diesem umfasst war. Aber bei Hesinde, Phex und Boron… den Kerl würde ich mir auf der Stelle schnappen!
Ich gebe zu, ich war emotional ein wenig aufgewühlt. Wären meine Gefährten von früher dabei gewesen, Azina, Faramud, Pamina… sie hätten es verstanden. Das mochte auch erklären, warum ich fast schon kopflos losstürmte um den Schurken zu stellen. Nur um alsbald festzustellen, dass ich überhaupt nicht sicher wusste, wo das Druckhaus zu finden war. Da sich mir nur Hagen angeschlossen hatte, Tulef und Isna aber zurückgeblieben waren, wollte ich die Straße hinunter schon umdrehen, um unsere Führerin zu holen. Wir waren aber noch nicht weit gekommen, da stellten sich uns schon wieder eine Horde Bettelkinder in den Weg, was insbesondere Hagen anscheinend größeres Unbehagen bereitete. Also kümmerte ich mich darum die kleinen Dreckspatzen mit Kleingeld abzuspeisen, während Hagen Isna holten sollte. Ich würde sie ja auch als Zeugin bei der Konfrontation mit dem Drucker brauchen, schließlich war sie es, die ihn ertappt hatte. Allerdings kam Hagen kurz darauf unverrichteter Dinge zurück. Isna und Tulef waren bereits in Begleitung zweier hübscher junger Damen verschwunden als er beim Händler Ankbesi angekommen war, hatte von diesem aber zumindest eine Wegbeschreibung zum Druckhaus erhalten, das recht einfach gegenüber des Hesindetempels zu finden sei. Also machten wir uns doch nur zu zweit auf den weiteren Weg durch die mittlerweile ziemlich unangenehme Hitze, die über der ganzen Stadt lag.
Das Druckhaus war, als wir dort ankamen, ein wenig imposantes Gebäude. Heller Sandstein mit kleinen Fenstern vermittelten einen eher mittelländischen Eindruck. Die Tür war geschlossen, sicher auch um die Hitze aus dem Haus heraus zu halten.
Der in mir tobende Sturm hatte sich auf dem Weg durch Mengbilla mittlerweile ein wenig beruhigt und ließ endlich auch wieder klare Gedanken zu. Ich sollte vielleicht nicht direkt hineinplatzen und damit anfangen alles in Schutt und Asche zu legen. Ich hatte zwar einen Generaldispens, aber dieser umfasste vermutlich keine Fälle von schwerer Brandstiftung, Mord oder anderer Kapitalverbrechen. Außerdem mochte ich dem Drucker, der ja eigentlich ein Mann Hesindes sein sollte, vielleicht sogar unrecht tun. Vielleicht war er ja nur der Neugier erlegen, hatte das Buch eher zufällig erhalten und seine Neugier nicht bezwingen können. Wenn er nun dem Namenlosen noch gar nicht verfallen war mochte es sogar sein, dass er meine Hilfe benötigte sich von dessen Einflüsterungen zu befreien, Einflüssen finsterer Gesellen zu befreien oder seine Seele zu retten. Ich beschloss daher, doch erst einmal zu reden. Andere Mittel, ich hatte ja immerhin Hagen dabei und würde ihn auch benutzen, konnte ich bei Bedarf immer noch einsetzen, wenn die Lage sich anders darstellen sollte.
Genau daher klopfte ich nun auch an die Tür, so wie es sich gehörte. Ein Diener tat uns auf, sah uns fragend an und tat uns Kund, dass wir ziemlich spät für die laufende Diskussion kommen würden, bat uns dann aber herein. Wir wurden in einen halbdunklen, angenehm kühlen Raum geführt in dem mehrere Tische mit Stühlen aufgestellt waren. Statt der Temperatur war hier die laufende Aussprache der Anwesenden Diskussionen recht heiß und hitzig. Wie es schien hatten sich hier die Wissenden und Gelehrten Mengbillas hier versammelt um in hesindegefälligem Disput den Austausch zu pflegen. Einer las gerade so etwas wie ein politisches Pamphlet vor in dem es darum ging als 10. Große Gilde anerkannt zu werden und einen Platz im Rat der Stadt einzunehmen. Ein vermutlich eher aussichtsloses Unterfangen, da sie ja dann den derzeit mächtigen in die Geschäfte pfuschen würden, aber das war nicht mein Problem. Dann wand sich das Gespräch anderen Dingen zu. Wobei mir auffiel, das hier recht freimütig über alles Mögliche parliert wurde. Ja, selbst die verschwundene Meuchlergilde und Kritik am Großemir kamen ganz offen zur Aussprache. Das erstaunte mich. Daheim hätten wir uns negative Äußerungen über den Patriarchen nur im allerengsten Vertrautenkreis erlaubt. Sowas mochte in den falschen Ohren auch tödlich enden. Hier schien damit jedoch niemand ein größeres Problem zu haben. Ich hatte einen Platz weiter hinten an einem Stehtisch eingekommen und lauschte zunächst gespannt den Gesprächen, die sich auch immer wieder in Einzeldispute an den verschiedenen Tischen zerstreuten.
Während einer dieser Phasen gesellte sich ein gut gekleideter älterer Herr, er mochte um die 60 Götterläufe gewesen sein, zu uns und stellte sich als Yasmir Gordan vor. Wir als Neuankömmlinge und Fremde hatten wohl seine Neugier erweckt. Nach einer kurzen gegenseitigen Vorstellung wusste ich, dass er einer der örtlichen Alchemisten war und wir führten ein erbauliches Gespräch über die Herausforderung bei der Beschaffung von exotischen Zutaten. Eines seiner Steckenpferde schien auch die Hege und der Anbau der benötigten Zutaten zu sein, die je nachdem worum es sich handelte ganz eigene Herausforderungen mit sich brachten. Mengbilla war schon eine erstaunliche Stadt. Ganz offen plauderten wir nun über solch hochgradig potente und verbotene Gifte wie Purpurplitz, dass wir bei ich, wohl ohne weiteres für den Freundschaftspreis von 300 Dukaten würden erwerben können. Allein die Nennung der Summe ließ Hagen schon blass werden. Noch blasser wurde er, als das Thema dann darauf kam wie man denn die Tauglichkeit der Mittel und Gifte testen würde – was unweigerlich zu Sklaven (viel zu teuer) und Straßenkindern (viel billiger!) herauslief und wohl nicht unbedingt den Moralvorstellungen des Nordländers entsprach. Ich für meinen Teil, das gestehe ich gern, bevorzuge ja Mäuse als Versuchstiere. Allein schon, weil dann die Menge des zum Testen benötigten Mittels deutlich niedriger und damit billiger ist. Aber der Herr Gordan hatte natürlich recht, wenn man auf Nummer sicher gehen wollte blieb einem oft nichts anderes übrig als auf einen Menschen als Versuchsobjekt zurück zu greifen.
Mein eigentliches Anliegen verfolgten wir dann aber doch weiter, als die Diskussion im Hintergrund langsam abebbte. Ich teilte Yasmir, wir waren mittlerweile zu einem eher kollegialen Umgang übergegangen, mit, dass ich auf der Suche nach dem Herrn des Druckhauses sei. Er deutete quer durch den Raum und Beschied mir, dass Fedor Aldogan dann mein Ansprechpartner sei und ich bat einen Diener, ihn herzuholen. Man mag sich meine Überraschung vorstellen, als ich diesen Fedor Aldogan im Gespräch mit einer mir nicht unbekannten Gestalt sah. Er hatte gerade den Kopf mit dem Sekretarius des Großemirs, Nasir ibn Tulef, zusammengesteckt. Was mir sofort Sorgen bereitete, denn sich mit den Mächtigen einer Stadt anzulegen war an sich schon eine heikle Sache. Noch viel mehr, wenn sie gut miteinander vernetzt waren und Protegierung von oben erfahren mochten. Aber ich war jetzt schon einmal hier, und am Ende ging es ums Prinzip. Bei einem Anhänger des Namenlosen würde ich keinen Rückzieher machen. Da war ich bereit jede Gefahr einzugehen, um dieses Pack auszumerzen!
Fedor Aldogan war eine völlig unauffällige und unbedrohliche Erscheinung. Er mochte Ende 30 sein, trug einen gewöhnlichen aber nicht schlechten Kaftan hatte längere schwarze Haare und ein freundliches Gesicht. Aber genau das war es ja, was diese Ratten auch auszeichnete. Sie waren unauffällig… Als er sich zu uns gesellte stellte er sich als Verwalter des Druckhauses vor. Was mich überraschte, ich hatte angenommen er sei der Besitzer. Aber da war ich wohl einem Irrtum unterlegen. Ich beschloss, vor meinem eigentlichen Anliegen, noch schnell unseren Auftrag abzuhandeln. Nicht das ich hier aus versehen eine Quelle an Informationen aus persönlichen Gründen vorzeitig zum versiegen brachte. Nach Raul ibn Reto, meinem lieben Kollegen befragt, gab er zur Auskunft, dass dieser ihm tatsächlich noch ein Skript schuldig gewesen sei, dass er hier hätte vervielfältigt haben wollte. Er hätte dessen Inhalt hier vor dem honorigen Kollegium der Gelehrten, dabei deutete er ausschweifend in die Runde, in groben Zügen sogar schon vorgestellt. Einige, aus der Sicht mancher der Anwesenden recht krude, Thesen zur Beschwörung von Göttern – wobei er ein wenig seltsam lachte. Das Skript habe er aber trotz häufiger versprechen noch nicht vorbeigebracht, da er noch Details am Glosar zu ergänzen gegeben hätte. Aber diese Art Versprechen von Autoren, von denen er zum Teil über Jahre vertröstet würde, kannte er zu genüge, wie Herr Aldogan uns beschied. Der Auftrag für das Buch, wobei die Auflage noch unklar war, wäre auf einen Oktavo von gut 240 Seiten hinausgelaufen, also ein durchaus interessanter Auftrag. Die einzig sichere Auskunft erhielt ich zur Unterkunft von Raul ibn Reto, der wohl tatsächlich im Hotel „Palast des Großemirs“ untergekommen war. Hier musste ich kurz Hagens Verwirrung auflösen, der, da wir in der Unterhaltung den Zusatz „Hotel“ beiseitegelassen hatten, annahm, dass der Magier tatsächlich beim Großemir untergekommen war, was zur Erheiterung meiner Wenigkeit und des Herrn Aldogan beitrug.
Als ich das Gefühl hatte, alles zu diesem Thema aus dem Drucker herausbekommen zu haben, ließ ich nun die Kugel mit Hylailer Feuer platzen. Ich fragte ihn vorher sogar noch, ob er für den nächsten Punkt unseres Gesprächs vielleicht mit mir in einen Nebenraum gehen wollte, da ich durchaus bereit war nur für den Falle einer Falschanschuldigung Rücksicht auf seine Reputation zu nehmen. Aber er sah hier vor seinen offen diskutierenden Kollegen keine Notwendigkeit, irgendetwas zu verheimlichen. Nun ja, er konnte auch schlecht ahnen, was ich von ihm wollte. Hätte er es, ich war mir sicher, die Antwort wäre anders ausgefallen… So also beschuldigte ich ihn mitten im Raum, von einer verlässlichen Quelle bei der Lektüre der 13 Lobpreisungen des Namenlosen ertappt worden und ein Anhänger des Rattenkindes zu sein. Hätte ich unvermittelt einen Gong geschlagen, der Effekt wäre kaum anders gewesen. Die Gespräche um uns herum verstummten. Dutzende Blicke und Ohren wandten sich in unsere Richtung. Eine geschockte, neugierige, abwartende Spannung lag mit einem Mal im Raum. Ich sah es Fedor Aldogan regelrecht an, auch wenn er sich entrüstet wand wie ein Aal. Seine Körperhaltung, seine Mimik, der nervöse Ton in der Stimme, die schwitzige Stirn… er fühlte sich ganz offensichtlich ertappt. Nein, dieser Kerl war nicht unschuldig. Hier hatte ich einen Diener des Güldenen vor mir, da war ich mir sicher. Er warf einen hilfesuchenden Blick quer durch den Raum zu Nasir ibn Tulef. Hatten wir da am Ende eine weitere Natter direkt an der Brust des Großemirs sitzen? Wie ein Bluthund der sich festgebissen hatte ließ ich nun nicht mehr locker, drängte Fedor Aldogan ihn mit weiteren Worten und Anschuldigungen in die Ecke – forderte ihn auf seinen Schatten, Hände und Zehen zu zeigen. Das war anscheinend zu viel für seine Nerven. Unvermittelt floh er von unserem Tisch in Richtung des von einem Vorhang verhangenen Ausgangs. Ich hetzte Hagen hinter ihm her, ihn einzufangen, der es aber leider nicht schaffte ihn gegriffen zu bekommen. Bevor er zur Tür hinaus verschwand schrie ich ihm noch zornig hinterher. „Flucht wird euch nichts nützen, Bursche!“ Dann nahmen wir die Verfolgung auf, hinaus auf die Straßen und den Campo Bishdariel.
Das musste ich dem Bücherwurm lassen, er war wirklich flink wie eine Ratte. Ich fiel immer weiter zurück, während wir in der Mittagshitze unziemlich durch Mengbilla rannten. Zum Glück war Hagen, der seine Lederrüstung bereits gestern gegen einen deutlich leichteren Kaftan getauscht hatte, schneller als ich. Am Rande eines heruntergekommenen Viertels, das ich bei uns daheim in Al’Anfa mit dem Schlund verglichen hätte, brachte er ihn schließlich mit dem Speer, den er ihm zwischen die Beine stieß, zu Fall. Ich war völlig außer Atem, als ich die beiden endlich einholte und sah, wie sich in diesem Elendsviertel den Hügel hinunter bereits abgerissene Gestalten sammeln zu schienen. Aldogan wimmerte um Gnade, aber ich wollte erst einmal etwas Abstand zwischen uns und die Meute abgerissener Bewohner Mengbillas bringen, weswegen ich ihn auf eine in der Mittagshitze verlassene nahe Brücke bugsierte. Kein Wunder das sich dort niemand aufhielt. Bar jeden Schattens brannte Praios, wie passend in dieser Situation, unbarmherzig auf uns herunter, als wolle er jede Ketzerei persönlich tilgen. Das sich im Fluss reflektierende Licht tat regelrecht weh, wenn man auf das Wasser blickte. Endlich hatte ich die Muße, mit meinen Verdächtigen genauer anzusehen. Ohren, Nase und Schatten waren noch alle da, seine Finger anscheinend auch. Als ich ihn hieß seine Schuhe abzulegen zierte er sich allerdings. Er habe als Kind einen Unfall gehabt und ihm fehle seitdem ein Zeh, aber das könne man ihm ja nicht zum Vorwurf machen. Ha! Das war ja wohl die billigste aller Ausreden! Als ich ihn nun noch einmal vor die Wahl stellte, seine Schuhe abzulegen oder mir ohne weitere Mätzchen zum Tempel der Hesinde zu folgen versuchte der Dummkopf doch tatsächlich von der Brücke in den Fluss zu springen! Aber nicht mit uns. Hagen, der so etwas anscheinend erwartet hatte, packte ihn am Kragen bevor er über die Brüstung war. Und als er sich weiter wehrte schlug er ihm die Faust kräftig mitten ins Gesicht. Sehr gut, etwas anderes hatte diese Ratte auch nicht mehr verdient! Dann packte Hagen unseren Gefangenen und wir führten ihn zurück Richtung Hesindetempel.
Als wir das Druckhaus passierten wurden wir von den noch verbliebenen Teilnehmern der Diskussionsrunde argwöhnisch beäugt, die sich aber rasch zerstreuten als ich meinte, dass es hier nichts mehr zu sehen gäbe und wir der Götter Gerechtigkeit suchen würden. Insgeheim fragte ich mich aber, wer von diesen honorigen Herren wohl noch alles in die Netze des Güldenen verstrickt sein mochte. Aber eins nach dem Anderen… wenn man einmal anfing an einem Knoten zu ziehen, lösten sie die übrigen oft von selbst… Vor dem Tempel trafen wir auf eine Akolutin, die dort gerade die aufgestellten Pflanzen goss und mich skeptisch musterte. Ich nannte ihr mein Anliegen und bat sie, den Hochgeweihten zu holen. Im Tempelinneren war es, im Vergleich zur Straße, angenehm kühl. Neben der, nicht überraschend, prominent platzierten Statue der Hesinde, fand sich auch eine der seltenen Darstellung des Skorpionleibigen Kryptors, des Schirmherrn der Alchemisten und insbesondere Giftmischer. Aber für Mengbilla war das, nun… irgendwie passend.
Der Hochgeweihte kam direkt in Begleitung eines der Tempelwächter, war ein älterer Herr in goldumrandeter, grüner Robe und stellte sich uns als Agusto K'Hesthofer vor. Der Drucker wurde nun auch offiziell in Gewahrsam genommen und in einen Nebenraum geführt, wo wir die Befragung ungestört fortsetzen konnten. Wie zu erwarten war er weiter verstockt und versuchte sich herauszureden. Kein Wunder, wenn man bedachte was ihn im Falle eines Schuldbeweises erwartete.
Eine ganze Zeit lang kamen wir mit unseren Fragen nicht weiter bei dem Verstockten. Aber es gab ja, zumindest laut Isna, ich bedauerte nun wieder sehr das sie nicht ebenfalls hier war, mindestens einen Handfesten Beweis für seine Schuld. Das Buch, die Lobpreisungen, musste er ja noch irgendwo versteckt haben. Als ich dies dem Hochgeweihten gegenüber anmerkte, ob er uns freundlicherweise seine Akolutin mitgeben mochte um danach zu suchen, schien sich Fedor sichtlich unwohl zu fühlen. Etwas in der Art hatte ich erwartet und mich vorbereitet. Überraschend wand ich mich schon fast im Hinausgehen noch einmal an ihn. „Ich hoffe, ihr habt dieses Machwerk gut versteckt!“ Dabei schloss ich meine Konzentration ab und vollendete den Blick in die Gedanken, den ich vorbereitet hatte. So nützlich dieser Zauber auch ist… eigentlich mochte ich ihn nicht wirklich, war er doch höchst anstrengend, selbst wenn man ihn auf eine nur kurze Zeitspanne begrenzte. In diesem Falle aber war er höchst hilfreich. In den erschrockenen, unverhüllten Gedanken Fedor Aldogans sah ich es ganz deutlich. Nasir ibn Tulelf, der die Lobpreisungen unten links in ein Regal direkt beim Eingangstresen schob und hinter einigen anderen Büchern verbarg. Das würde uns einiges an Suche ersparen… und bestätigte meine Befürchtung bezüglich des Sekretärs des Großemirs. Darüber würde ich den Geweihten später wohl ebenfalls informieren müssen.
Mit der Akolutin und Hagen im Schlepptau machte ich mich umgehend auf, zurück ins Druckhaus. Nicht das Nasir, so er den geistesgegenwärtig genug wäre, die Beweise verschwinden lassen konnte. Ich atmete auf als ich feststellen konnte, das dem nicht so war. Die Akolutin wies ich, mit einer kurzen Erklärung woher ich die Erkenntnisse hatte, direkt auf das Versteck hin. Die Lobpreisungen waren genau dort zu finden wo ich es gesehen hatte, nur schlecht hinter ein paar schwere anderen Wälzer geschoben. Die Dienerin der Allweisen Schlange betete, bevor sie sich des Schriftwerks annahm, zog Handschuhe über und nahm es dann aus dem Regal. Ein prüfender Blick hinein offenbarte ihr recht schnell, dass es genau das enthielt, was auch auf dem Einband stand. Diese Beweise mochten genügen, damit der Ketzer nun auch einer Seelenprüfung unterzogen werden konnte. Wir eilten zurück zum Tempel gegenüber um den Hochgeweihten zu informieren und er bat mich sogar, mich ins Gästebuch des Tempels einzutragen. Eine hohe Ehre, der ich gerne nachkam, und die er damit verband, dass ich für den Dienst den ich den Göttern hier erwiesen hatte, einen Gefallen bei ihm gut Habe und mich, falls es einmal notwendig sein sollte, mich auf ihn berufen sollte. Fedor Aldogan hingegen wirkte hingegen wie schockstarr, ja regelrecht tot, aus ihm war kein weiteres Wort herauszubekommen. Also blieb es an mir, seine Gnaden K’Hestofer noch darüber aufzuklären, dass auch Nasir ibn Tulef vermutlich ein Diener des Güldenen war. Dies schien sogar dem Geweihten ernste Sorgen zu bereiten.
Er bat mich nun in einen Nebenraum, da er unter vier Augen mit mir sprechen wollte. Seine erste Frage galt, und da verplapperte ich mich tatsächlich etwas, unter das Licht welcher der Götter ich mein Leben gestellt hatte. Hesinde natürlich, deswegen stand ich auch hier in seinem Tempel, aber auch Boron wie es sich für einen guten Al’Anfaner gehörte. Sowie Phex und Rahja, in deren Diensten ich derzeit stand. Im Vertrauen offenbarte ich ihm die Aufgabe, die mir derzeit von der Rahjakirche übertragen worden war, dass mein eigentliches Anliegen in der Stadt die Aufdeckung eines Belkelel-Kultes war. Über die Diener des Namenlosen war ich ja wirklich nur zufällig gestolpert. Meine Worte langten ihm offensichtlich, um mir auch weiter zu vertrauen, denn was nun kommen würde, mochte uns auch größere Probleme bereiten. Er ließ Hagen hereinholen und ich stimmte in unserer beider Namen zu, den Hochgeweihten jetzt direkt zum Großemir zu begleiten. Er empfahl uns aber, vorher noch Briefe an unsere Liebsten aufzusetzen, sollten sich die Dinge anders entwickeln als gedacht. Hagen, dem die Verwunderung ins Gesicht geschrieben stand, erläuterte ich, was für mich offensichtlich war. Wäre auch der Großemir ein Anhänger des Namenlosen, würden wir den Besuch bei ihm wohl kaum überleben… zumindest bestand dafür eine gewisse Gefahr, wenn die Verbindung zwischen Fedor Aldogan und dem Emir sein Sekretarius sein mochte. Aber wieder… ich würde im Angesicht der Diener des Rattenkinds nicht den Schwanz einziehen. Niemals!
Binnen eines halben Stundenglases hatte ich Briefe an Visaria, Mutter, den örtlichen Borontempel und zuletzt an den Rahjatempel mit meinen bisherigen Erkenntnissen bezüglich Keidre die Tarifas verfasst. Die Akolutin Silvana nahm unsere Briefe entgegen um sie bei Bedarf zu versenden und wir genossen mit dem Hochgeweihten noch einen schweren, süßen Wein, bevor wir uns zum Großemir aufmachten. Es mochte genauso gut ein Ritual sein um uns Mut anzutrinken wie ein letzter, guter Schluck im Sinne einer Henkersmahlzeit. Das würden die nächsten Stunden zeigen.
Vom Tempel aus brach nun eine regelrechte Prozession in Richtung des Palastes auf, die niemand in den Straßen aufzuhalten oder anzubetteln wagte. Vier weitere Geweihte und vier Tempelwachen eskortierten uns, blieben dann aber am Eingang des Palastes zurück. Nur der Hochgeweihte K’Hestofer, ich und Hagen wurden zum Großemir vorgelassen. Es dauerte nicht einmal das viertel eines Stundenglases, welches wir ironischerweise in dem Raum verbrachten in dem Nasir uns bei meinem ersten Aufenthalt hier empfangen hatten, bis wir in den Thronsaal des Großemirs gebeten wurden. Die Szenerie war die gleiche wie zuvor. Der Emir thronte über uns, und selbst der Hochgeweihte der Hesinde musste zu seinen Füßen auf den Kissen Platz nehmen wie ein gewöhnlicher Bittsteller. Aber da er sich nicht daran zu stören schien, tat ich es ihm mit einer Verbeugung zum Emir gleich.
Auch Nasir befand sich im Raum, etwas seitlich von uns, und hielt ein Tablett mit Weinkelchen in den Händen. Als nun der Geweihte die Anklage gegenüber dem Großemir vorbrachte, sein Vertrauter sei ein Diener des Namenlosen, trat eine angespannte Stille im Raum ein. Ich beobachtete Aufmerksam die Reaktion des Emirs – davon was nun geschah mochte mein Leben abhängen, und eine schnelle Reaktion wäre vielleicht das Einzige, was zwischen mir und Boron stand. Flucht mit Transversalis? Ein schneller Angriff mir Fulminictus oder einem Dämon aus dem Handgelenk? Ich war mir gar nicht schlüssig, was ich hätte tun sollen. Und das war kein gutes Gefühl für jemand, der sonst immer mit mindestens zwei Plänen in eine gefährliche Situation zu gehen pflegte. Der Emir ließ sich nichts anmerken, war äußerlich völlig ruhig. Dann forderte er mich auf, meine Aussage zu machen, wie ich dazu käme seinen treuen Diener solcherart zu verdächtigen. Ich schluckte, brachte meine Aussage aber mit sicherer Stimme vor. An meiner Seite klirrten Kelche und Gläser auf einem Tablet. Nasir ibn Tulef schienen die Hände zu zittern, aber ansonsten war der Diener wie erstarrt. Selbst Hagen musste kurz meine Aussage bestätigen.
Als der Großemir zwei seiner Wachen mit der Hand ein Zeichen gab, sie mögen sich Nasir ibn Tulefs annehmen sprang dieser nun doch auf, die Gläser zersprangen klirrend auf den Marmorfließen. Aber er sein Fluchtversuch war vergeblich, die Wächter drückten ihn schnell zu Boden. Zwei Schwerter stießen zu und bohrten sich in seine Brust. Ein heißerer Schrei erfüllte die Halle. Und der Großemir zog in aller Seelenruhe an seiner Wasserpfeife, während sich das Spektakel vor ihm abspielte. Die Stiche der Wachen waren nicht tödlich, denn das Schreien und Wimmern Nasir ibn Tulefs ging noch eine ganze Zeit weiter. Damit schien für den Emir die Angelegenheit erledigt zu sein, denn er gab dem Hochgeweihten deutlich zu verstehen, dass er sich nun entfernen dürfte. Als ich mich ebenfalls erhob um zu folgen, wurden ich und Hagen jedoch von ihm mit einer Geste zurückgehalten. Als ich mich wieder auf mein Kissen gesetzt hatte klatschte er in die Hände und eine Dienerin brachte uns kühlen Dattelwein. Die Stimme des Emirs war völlig ruhig als er das Wort an uns richtete. „Bedauerlich, aber so ist es nun einmal. In unserer anderen Angelegenheit,“ dabei machte er eine umfassende Geste, „wird euch nun meine Dienerin Suljabeth saba Yabshira weiterhelfen.“ Er deutete auf die Frau, die uns den Dattelwein gebracht hatte und mich nun anlächelte. „Sie wird euch nach draußen geleiten.“ Dann waren wir entlassen.
Im Vorraum wartete bereits der Hochgeweihte Hesindes auf uns, einen fragenden Ausdruck auf dem Gesicht. Ich konnte mir vorstellen das er durchaus Neugierig war, was der Großemir von den beiden Fremden noch gewollt hatte, aber natürlich konnte ich ihn da nicht einweihen. Was wir aber konnten und nun gerne taten, war, gemeinsam noch einen Umtrunk ins Hotel Havarie zu gehen. Sowohl dem Geweihten als auch mir war sichtlich anzumerken, dass eine unangenehme Anspannung von uns abfiel. Ein Gläschen zur Entspannung hatten wir uns einfach verdient. Auf dem Weg machte ich dann Hagen noch darauf aufmerksam, dass wir damit wohl leider einen Rückschlag bei seinen eigenen Erkundigungen nach Aldrik vom grauen Pfad erlitten hatten. Als er mich verständnislos ansah musste ich ihm doch tatsächlich erläutern, dass derjenige, der uns zur Gästeliste hätte Auskunft erteilen können gerade mit zwei Schwertern in der Brust im Saal ausgeblutet war. Hoffentlich konnte uns seine Nachfolgerin ebenfalls Auskunft geben. Aber das würden wir später erst erfragen können. Nach unserem Umtrunk verabschiedeten wir uns von K’Hestofer. In diesem Geweihten, da war ich mir sicher, hatte ich nun einen Einflussreichen Fürsprecher. Wer mochte wissen, wozu das noch gut sein würde…
Bevor wir unser Tagwerk weiter betrieben nahmen wir noch einmal ein Bad und ließen die Kleider auffrischen. Ich gebe es zu, ich hatte die letzten Stunden ordentlich geschwitzt. Und das lag nicht nur an der Hitze und der Rennerei…
Im Baderaum trafen wir auch auf Fjedril, der sich anscheinend langsam von seiner Unpässlichkeit erholt hatte und ebenfalls einen der Zuber belegte. Zumindest er hatte aber, woher auch immer, noch etwas zu unseren Ermittlungen beizutragen. Ich schickte die Dienerinnen aus dem Raum, damit wir uns ungestört unterhalten konnten. Raul ibn Reto, so seine Worte, hatte sich wohl so ziemlich mit allen wichtigen Personen in Mengbilla zerstritten. Unter anderem habe er einem Sammler ein gefälschtes magisches Artefakt verkauft. Es gab also genügend Leute, die an seinem Ableben ein Interesse gehabt hätten. Das war zwar interessant, brachte uns aber der Lösung leider auch nicht näher. Dafür hatte Fjedril eine gute Nachricht für Hagen. Er würde wohl anhand einer Beschreibung eine Zeichnung von Aldrik vom grauen Pfad anfertigen lassen können. Ich hätte mich ja da gerne angeboten, aber die Porträtmalerei war nun wirklich keine meiner Stärken. Ich bekam Zeichnungen und Bilder für Bücher oder auch Schutz- und Bannkreise recht sicher hin, aber das war doch etwas anderes. Aber egal, für Gold bekam man ja in Mengbilla alles, also vermutlich auch einen Auftragsmaler.
Unsere gemütliche Konversation drehte sich dann noch etwas im Kreise und um verschiedene Themen. Besonders spannend für mich, als Fjedril erwähnte, er wüsste sogar, wo sich eines der seltenen Exemplare des Daimonicons befand. Abgesehen davon… woher wusste jemand wie dieser Bursche, dass es dieses Buch überhaupt gab? Egal… er kannte wohl, oder hatte zumindest von ihr gehört, eine Dame im Gefolge von Helme Haffax in Mendena, die Führerin des Titanium-Korps, die eine Ausgabe davon besaß. Faszinierend… mit dieser Frau würde ich dringend Kontakt aufnehmen müssen, vielleicht könnte man sich ja Handelseinig werden? Das wäre die perfekte Ergänzung zu meinem Arcanum! Von ich Fjedril natürlich nicht auf die Nase band, dass ich es besaß. So etwas weckte ja bei anderen Magiern nur unangenehme Begehrlichkeiten… wie gerade bei mir auch geschehen.
Nun zu dritt machten wir uns im Anschluss frisch und ausgeruht auf das nächste Ziel auf meiner Liste abzuhaken. Wie immer hatte ich, ganz selbstverständlich und von Gegenstimmen unangefochten, die Führung unserer Operation übernommen und gab die Ziele vor. Wir begaben uns zum Hotel „Palast des Großemirs“ um das Zimmer Raul ibn Retos einer Inspektion zu unterziehen. Und ich suchte ja immer noch sein Manuskript für dieses neue Buch. Das Hotel lag, wenig verwunderlich, gar nicht so weit weg vom echten Palast, direkt oberhalb des Meeres an den Klippen, weswegen es dort auch schön luftig und frisch im Vergleich zur übrigen Stadt war. Auch hier, daran erkannte man wohl die Qualität der Unterkünfte, stand eine Wache vor dem Eingang, welche uns die Tür öffnete und willkommen hieß. Im Inneren begrüßte uns ein gut gekleideter Mann, anscheinend der Besitzer des Hauses, mit blumigen Worten. Omar ibn Omar, der auch selbst auf der Feier vorgestern anwesend war, hätte es wohl zu gerne gesehen, wenn wir als zahlende Kunden bei ihm Quartier genommen hätten, aber da musste ich ihn enttäuschen, erkundigte ich mich doch nur nach der Unterkunft meines „geschätzten, kürzlich verstorbenen Kollegen.“ Ein Dekat aus der Kasse des Großemirs öffnete uns aber auch diese Pforte. Die Wache hatte das Zimmer zwar bereits durchsucht und für gesperrt erklärt, weswegen er es nicht weitervermieten könne, aber er führte uns bis zur Tür der Suite im zweiten Stock, schloss die Tür auf und verabschiedete sich dann wegen „dringender Angelegenheiten“ von uns, den Schlüssel ließ er, vergesslich wie er war, leider stecken.
Wir warteten kurz bis er um die nächste Ecke verschwunden war, er sollte ja keine Probleme bekommen, und betraten dann die Gemächer. Anders konnte man es auch kaum bezeichnen, denn die Unterkunft des Raul ibn Reto war sogar noch einmal fürstlicher als unsere schon hervorragenden Zimmer in der Havarie. Leider bewahrheitete sich die Auskunft von Omar ibn Omar, denn es war auch alles sehr unordentlich. Die Wache mochte das Zimmer durchsucht haben, aber hatte auch alles einfach nur herausgezogen und dann am Boden verteilt liegen lassen. Trotzdem machten wir uns auch noch einmal daran herumzuschnüffeln in der Hoffnung etwas zu finden, was der Wache entgangen sein mochte.
Ich suchte nach dem Manuskript des Buches, blieb aber bedauerlicherweise Erfolglos. Hagen und Fjedril fanden einige Zettel und Notizen des Kollegen zu allen möglichen Dingen. Von denen stach aber lediglich eine heraus, und das gleich aus zwei Gründen. Zum einen drehte sie sich darum, dass er einen Auftrag der Gerbelsteins erhalten habe in Fasar einen ihrer Verwandten verschwinden zu lassen. Das war ja an sich schon einmal nicht nett und warf ein schlechtes Licht sowohl auf den Kollegen als auch die Familie Gerbelstein. Und lieferte natürlich ein schönes Motiv, warum Amir sich seiner entledigt haben sollte. Zum anderen war dieser Zettel aber, kaum merklich, in einer anderen Schrift verfasst als die übrigen Notizen, fast wie eine gute Fälschung, die nur der Aufmerksame Leser erkennen mochte. Das passte nur zu gut zu den anscheinend gelegten Fährten, die in Richtung des Handelshauses deutete, lieferte uns aber immer noch keine Erklärung oder einen Hinweis auf den wahren Täter. Ich verbuchte es für mich als weiteres Puzzlestück, das wir noch an seinen richtigen Platz fügen mussten.
Auf dem Rückweg vom Hotel zu unserer Unterkunft statteten wir, weil es auf dem Weg lag, Suljabeth im Palast noch einen Besuch ab und baten sie um weitere Auskunft zur Gästeliste die wir hatten. Insbesondere, wer auf wessen Einladung dort gewesen war. Ich hoffte nur, dass sie uns davon ausnehmen mochte, da ich keine Lust hatte mich den Fragen der Anderen zu stellen, wie ich zu einer Einladung der Rahjakirche gekommen war. Sicher, ich würde einen guten Grund finden… aber je weniger von dieser Verbindung wussten, umso besser. Spontan konnte sie uns zumindest heraussuchen, das Aldrik vom grauen Pfad auf Einladung Aldar ibn Faruks, des bekanntesten Wahrsagers der Stadt, bei der Feier erschienen war. Ich schnaubte innerlich. Vermutlich das übliche, ein Scharlatan und Aufschneider. Hätte er das Ableben Raul ibn Retos auf der Feier vorausgesehen, hätte er ihn ja wohl kaum dorthin eingeladen – außer er wollte ihn auf diese Art loswerden. Aber dann hätte er ihn ja zumindest warnen können. Nur ein weiterer Punkt, eine weitere Person, die wir noch befragen mussten… das wäre doch eine Aufgabe für Tulef, oder nicht? Der konnte sich mit solchen Quacksalbern sicher besserstellen, als ich selbst. Nicht das er sich an meinem mangelnden Respekt seiner Profession gegenüber stören würde, das konnten wir bei einer Befragung nicht noch zusätzlich brauchen.
Zuguterletzt machten wir uns dann noch auf zum Borontempel, ich hatte mir ja vorgenommen mit dem Hochgeweihten zu sprechen um Zugang zu dem Leichnam zu bekommen. Wir betraten den düsteren Bau erneut durch eines der Nebenportale und wieder erwarteten uns die Zwillinge, die wir schon kannten. Bevor ich mich zum Gebet führen ließ bat ich sie, in meinem Namen beim Hochgeweihten um eine Audienz zu bitten, die mir sogar gewährt wurde. Ich hatte ja damit gerechnet auf einen der nächsten Tage vertröstet zu werden, aber über einen solch glücklichen Umstand wollte ich mich nicht beschweren. Kerim Akbashi war ein dunkelhaariger Mann von vielleicht 50 Jahren der gerade an einem Schriftstück arbeitete, als wir zu ihm vorgelassen wurden. Selbstverständlich erwies ich ihm allen gehörigen Respekt, die in seiner Position als Tempelvorsteher und Leiter des Glaubensrates angemessen war. Das brachte mich aber unserem Ziel, nämlich die Leiche des verstorbenen sehen zu dürfen um dem verstorbenen Kollegen sowohl den nötigen Respekt zu erweisen als auch näheres über die Umstände seines Ablebens zu erfahren nicht näher. Er beschied uns, wenig Glaubwürdig und mir war nicht klar, warum er uns hier so offensichtlich anlog, dass die Leiche bereits auf dem Weg nach Fasar sei. Raul ibn Reto sei ein Gläubiger der Neun und seine Familie habe um die Überstellung des Leibes zur ordentlichen Bestattung gebeten. Was für ein Unfug! Abgesehen davon, dass die Leiche bei ihrer Ankunft in Fasar nur noch ein stinkender Haufen verwesenden Fleisches und Maden sein würde… wie hätte denn die Familie innerhalb von nur 2 Tagen von dem Tod erfahren sollen und auch noch einen Boten mit dieser Anforderung zurücksenden sollen? Selbst unter Einsatz aller magischen und karmalen Mittel, die dies vielleicht und unter Umständen ermöglicht hätten… das hätte ja irgendwer hier in Mengbilla anstoßen müssen. Und der damit verbundene Aufwand… einfach so und ohne Anlass und Not. Nein… die Geschichte mochte er seiner Großmutter erzählen, aber ich glaubte kein Stück daran. Was nur bedeutete, der Hochgeweihte des Boron hatte etwas zu verheimlichen. Nur… was? Und warum? Ich hasste den Gedanken, aber am Ende mochte wirklich ein Einbruch in den Tempel unsere einzige Möglichkeit bleiben hier weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Boron möge mir verzeihen… aber das wollte sich so lange wie möglich nach hinten hinausschieben, solange wir noch andere Spuren hatten, die wir Verfolgen konnten. Quasi als Ultima Ratio, wenn es nicht anders ging.
Eigentlich hätte ich ja nun zurück ins Hotel gehen wollen, eine Kleinigkeit zu Abend speisen und sehen, ob nicht Isna und Tulef mittlerweile wieder auftauchen würden. Die beiden hatten sich vermutlich, während wir hier einen produktiven Tag verbracht hatten in irgendeiner Kaschemme gemeinsam die Matratzenflöhe durch heftiges Körpergeruckel unruhig gemacht. Dabei verstand ich beim besten Willen nicht was ein ansehnliches Mädel wie Isna an so einer Gesichtsbaracke wie Tulef fand – außer seinem Gold vielleicht. Sogar ein Besuch bei der Hauptfrau der Wache wäre jetzt noch möglicherweise sinnvoll gewesen. Aber es kam erst einmal anders, weil Fjedril unbedingt noch ein Duftwasser für seine Angebetete daheim erstehen wollte. Was ich wiederum gut nachvollziehen konnte, weswegen ich mich dann auch nicht gegen das Ansinnen sperrte. Und wer mochte schon wissen, ich benötigte ja auch noch das ein oder andere Mitbringsel. Er lotste uns dazu ins Viertel Medina Tulamidiya wo er eine Bekannte suchte die er auf dem Fest des Großemirs getroffen haben wollte. Wobei, so bekannt war sie ihm dann auch wieder nicht. Es handelte sich nämlich um die hübsche Empfangsdame, von der er aber nicht einmal den Namen kannte, sondern nur eine grobe Beschreibung lieferte und dass sie ihm olfaktorisch gut gefallen hatte. Also wirklich! Ein Name wäre wohl das mindeste gewesen. So schüchtern das er sich nicht getraut hätte zu fragen kam Fjedril mir eigentlich gar nicht vor. Es mochte auch seine Erinnerung einfach durch den Alkoholgenuss des Abends getrübt gewesen sein. Trotzdem… eine unverzeihliche Schludrigkeit war es trotzdem. Dafür schien er in Phexens Gunst zu stehen. Denn der Händler Sahir ibn Khmer mit dem wir sprachen war zwar ein misstrauischer Bursche und wollte zuerst Silber sehen und bot ihm an lieber an seinen Waren zu riechen. Aber Fjedril hatte sich anscheinend diesen besonderen Duft auf Benbukel-Basis in den Kopf gesetzt, den das hübsche Mädel aufgetragen hatte. Der Händler willigte schließlich ein die Frau zu ihm schicken, wofür er von Fjedril noch ein weiteres Silber für seine Freundlichkeit erhielt. So schlecht schien es um seine Kasse nicht bestellt zu sein, wenn er so freigiebig mit seiner Barschafft umgehen konnte.
Die angeregte Diskussion, die Fjedril mit dem Handelsmann hatte, brachte mich wiederum auf einen genialen Gedanken. Ich fragte den guten Mann nach einem Duft auf Lilienbasis. Der Händler, der nun endlich ein gutes Geschäft zu wittern schien, lud uns darum gleich zum Essen in eine nahegelegene Speisestube ein. Wenn er etwas vernünftiges hatte würde ich meiner lieben Schwester Liliana ein Fläschchen davon mitbringen, sie schätzte einen guten Duft ja sehr wie ich wusste. Und gerade ein Parfüm das aus der Blume gewonnen wurde nach der sie ihren Namen trug… das war doch passend! Lilienduft hätte wohl ein intensives, blumig-süßes und oft würziges Aroma, das in Parfums als besonders edel, feminin und sonnig empfunden wurde und je nach Sorte von pudrig-cremig bis hin zu stark vanillig variierte. Das hörte sich doch gut an! Beliebte Parfums nutzten Lilie für sinnliche, oft als aphrodisierend beschriebene Duftkompositionen mit einer sonnigen Note. Das wiederum brachte mich ins Grübeln, ob das wirklich das richtige für meine kleine Schwester war. Ich wollte ja nicht, dass ihr ständig irgendwelche Burschen hinterherstiegen. Auf der anderen Seite… damit sich das Mannsvolk nach ihr umdrehte hatte sie das ja gar nicht nötig. In diesem Augenblick bedauerte ich es, dass ich nicht zu Hause war um auf sie acht zu geben.
Der Händler offerierte Fjedril dann noch weitere namhafte Düfte, die ich als Importware so auch sicher in Al’Anfa bekommen hätte. Droler Rahjanächte aus dem Hause Vincieta. Echtes Belhanker Rosenöl und das tulamidische 1000 und ein Rausch. Letzterer sollte ihm wohl beim Betören einer Frau helfen. Ich schmunzelte. Das mochte Fjedril vielleicht nötig haben, aber ich ja wohl eindeutig nicht – die Damen konnten mir ja so schon kaum widerstehen. Gemütlich saßen wir auf Kissen unter einem Baldachin wo wir eine freie Ecke bekommen hatten um halbwegs ungestört zu sein. Auch mein Parfüm, teilte mir der Händler mit, solle mir später ins Hotel gebracht werden, gar eine Auswahl damit ich mir das rechte aussuchen konnte. Das nenne ich mal Geschäftstüchtig und einen vorbildlichen Dienstleister! So ließen wir die rötlich herabsinkende Dämmerung ausklingen und gingen dann gute zwei Stundengläser später heim. Oder besser gesagt, wie ließen uns vom Hafen aus mit einem Boot zurück fahren um nicht wieder im Dunklen über die Insel der Träume zu müssen.
Als wir an der Havarie ankamen trieben sich dort einige auffällig unauffällige Gestalten an diversen Ecken herum, die meinem scharfen Auge dennoch nicht entgingen. Gardisten, Bettler und eine hübsche Dame des leichten Gewerbes, die offenbar alle nichts Besseres zu tun hatten als sich hier vor unserer Herberge die Zeit zu vertreiben. Eine interessante Mischung! Aber mir völlig schleierhaft, worauf sie wohl warten konnten. Wir selbst waren es anscheinend nicht, da wir völlig ignoriert wurden. Die neunte Stunde des Abends war bereits angebrochen als wir ankamen. Von den Haussklaven ließen wir uns als Nachtisch noch ein wenig kandierte Früchte, leichtes Gebäck und würzigen Tee in einer gemütlichen Ecke servieren. Da sie nirgends zu sehen waren, schickte ich den diensteifrigen Hagen nach Tulef und Isna fragen, aber die beide waren nach Auskunft der Dienerschaft nicht da. Bis hier hatten sie es in ihrer Triebhaftigkeit also nicht geschafft. Aber, und das wunderte mich etwas, kurze Zeit später brachte eine Sklavin Isna zu uns an den Tisch, die mir einen recht zappeligen und ungeduldigen Eindruck machte. Aber das wichtigste zuerst. Ich bot Isna für den wertvollen Hinweis auf den seelenlosen Drucker heute Morgen 2 Goldene oder einen Gefallen an. Was für eine Überraschung! Sie wählte den Gefallen. Ich hätte wirklich gedacht, dass sie sich dankbar auf das Gold stürzen würde. Und wenn schon ein Gefallen, dann etwas das sie sich vielleicht nur von mir versprach. So etwas wie magische Heilung von einer akuten Syphilis oder einer ähnlichen Begleiterscheinung ihres Gewerbes vielleicht. Aber nichts dergleichen. Ich sollte ihr einfach nur folgen und mich mit Tulef in der Gegend treffen wo sie früher gewohnt hatte. Er wartete dort in einer Dachkammer auf mich. Ich verstand sie beim besten Willen nicht, wie sie so etwas wertvolles wie einen Gefallen bei mir für so eine Lappalie verschwenden konnte. Gut, mich heute noch mit Tulef zu treffen war jetzt nicht unbedingt das, was ich mir von der Nacht versprach. Der Kerl hätte seinen knochigen Hintern ja auch in unser Hotel bewegen können. Aber ich hatte nun einmal ein versprechen gegeben, und mein Wort pflegte ich ja zu halten. Also willigte ich in Isna’s Wunsch ein.
Wir verließen das Hotel durch die Hintertür. Isna legte offenbar keinen Wert darauf den Gestalten am Vordereingang zu begegnen. Eigentlich hätten wir alle zusammen gehen sollen, aber Fjedril wollte unbedingt noch etwas vom Zimmer holen und Isna brachte nicht die Geduld auf, auf ihn zu warten. Eine weitere junge und ebenfalls recht niedliche Frau wartete hinter dem Haus und geleitete uns hinunter zum Hafen wo schon ein Boot für uns bereit lag. Ironie des Schicksals! Wir wurden ans andere Ende der Stadt gefahren, genau dorthin wo wir vorhin nach den Parfums gesucht hatten. Sogar der Bootsanleger war der Gleiche! Wir wurden zu einem baufälligen Gebäude gebracht, bei dem die andere Frau sich auffällig sichernd umsah bevor wir eintreten durften. Im Inneren war es warm und schwül, während just in diesem Moment draußen der tägliche Regen begann. Den Geräuschen nach zu schließen hatte uns Isna hier in ein Freudenhaus geschleppt – aber in eine der untersten Kategorien dieser Art von Vergnügungsstätten. Es erinnerte mich ein wenig an die „Läufige Hündin“ daheim in Al’Anfa. Pfui! Während wir die Treppe hoch zum Dachboden gingen achtete ich darauf, nicht unbedingt mehr als erforderlich mit dem Inventar diese wenig einladenden Hauses in Berührung zu kommen.
Wenigstens sollte sich in der nächsten Stunde auflösen, warum sich alle so seltsam benahmen. Kurz nach unserem Eintreffen kam eine weitere Dame, die ich auf dem Fest des Großemirs schon gesehen hatte, Kaja Engvaldin, Isnas Herrin herein. Das wurde ja immer interessanter! Sie musterte uns interessiert und ich erwiderte die Aufmerksamkeit, bevor sie zur Aufklärung der Situation beitrug. Anscheinend hat Keidre ein Kopfgeld auf Tulef ausgesetzt. Sie verschwendete wirklich keine Zeit, ich hätte ja zumindest erwartet, dass sie mit ihrem Teil des Handels wartete, bis ich den meinen erfüllt hätte. Aber Geduld war ja noch nie die Stärke von Katzen gewesen… innerlich brachte mich das zum Grinsen. Die versammelte Schar hatte zwar keine Ahnung – davon aber reichlich – und verdächtigte dennoch mich als den wahrscheinlichsten Drahtzieher der für Tulef wenig erbaulichen Situation bei all ihren Spekulationen. Als ich mich umdrehe sauste Tulefs Faust knapp an meinem Ohr vorbei. Der Dümmling meinte doch nicht wirklich, sich hier mit Gewalt einen Vorteil verschaffen zu können, oder? Nach kurzer Befragung gab ich dann jedoch zu, dass Tulef in der kleinen Scharade, die ich für Keidre gespielt hatte, eine unrühmliche Nebenrolle zugekommen war. Ich stellte mich zuerst einmal Isna’s Herrin förmlich vor, aber diese schien im Umgang recht unkompliziert und bevorzugte eine informelle Ansprache beim Vornamen. Ich offenbarte ihr zumindest zum Teil, alles für einen höheren Zweck zu Gunsten der Götter und wider eine Dämonenbündlerin, die eine Gefahr für die Stadt darstellen konnte zu tun. Ich vermutete allerdings, Tulef gefiel die Rolle des Mehlwurms am Haken, den ich ausgeworfen hatte, nur bedingt. Dabei war das doch mehr als passend für eine Gestalt wie ihn. So hatte er auf jeden Fall noch einen echten Nutzen und würde sich in der Folge beweisen können. Vielleicht war er ja doch noch für etwas gut!
Zunächst galt es allerdings für mich herauszufinden, in wie weit ich dieser Kaja trauen konnte. Auch wenn Isna gemeint hatte, sie hätte für Keidre nichts übrig, da wollte ich doch lieber auf Nummer sicher gehen. Ich versuchte es mit einem überraschenden Themenwechsel um sie aus der Fassung zu bringen und zu einer schnellen Antwort zu verleiten, aber, das gestand ich ihr zu, die Dame war flink im Kopf und nicht so leicht zu überrumpeln. Wir lieferten uns ein erfrischendes Wortgeplänkel, bei dem durchschimmerte, dass sie so wenig zimperlich wäre, wie sie nicht dumm zu sein schien. Fast hätte man meinen können sie wollte mir subtil drohen, aber das überging ich geflissentlich. So verrückt würde sie ja wohl kaum sein, wenn sie so schlau war wie ich sie einschätzte. Am Ende hatte ich erfahren, das Keidre wohl ihren Vater getötet hatte und sie deswegen einen rechten Hass auf sie hatte. Verständlich und genau in meinem Sinne, so dass ich keinen Verrat fürchten musste. Orchais, das Ziel auf das Keidre mich angesetzt hatte war, im Gegensatz zu meiner ersten Vermutung, kein Mann sondern eine Frau und Rivalin Keidres innerhalb der Kurtisanengilde. Das passte ebenfalls ins Bild, lieferte mir aber noch keinen Grund zu ihren Ungunsten für Keidre tätig zu werden. Was ich fast bedauerte, da die Geschichte dann nur noch umso interessanter geworden wäre im weiteren Verlauf. Aber eine Unschuldige zugunsten einer Paktiererin zu opfern oder zu schädigen hatte ich nicht vor. Und damit waren wir bei einer Sache die ich tatsächlich bedauerte, denn anscheinend wäre Isna als Begleiterin von Tulef fast zum Kollateralschaden in dem kleinen Spielchen zwischen Keidre und mir geworden. Das hätte ich tatsächlich bedauert, dass der süßen Isna etwas hätte passieren können, nur weil sie sich mit diesem Schmierlappen eingelassen hatte. Und selbst wenn KEidre Tulef geschnappt hätte, ihn allein hätte ich ohne größere Schwierigkeiten wieder herausgeholt. Mit zwei zu Rettenden würde das ungleich schwieriger werden. Also würden wir noch heute Nacht da zur Sicherheit gewisse Vorkehrungen treffen müssen.
Die nächste Wendung in unserem Gespräch führte dann aber Kaja herbei, die wissen wollte warum, wir beim Großemir waren. Das es um den Todesfall von Raul ibn Reto ging konnte ich ihr dabei noch guten Gewissens offenbaren. So ungewöhnlich war es nicht, dass ihn ein Mord auf seiner buchstäblichen Türschwelle interessierte, fand ich. Sie kenne da jemanden, der daran ebenfalls Interesse hätte und wäre geneigt uns weiterzuvermitteln. Das mochte uns ganz neue Quellen auftun und ich suchte ja immer noch das vermisste Manuskript. Die Liga, in der sie dabei spielte, überraschte mich aber doch ein wenig. Der Vorsteher über die Gilde der Bettler würde es sein, nicht nur der „Vater“, mit dem Tulef und Hagen bisher Kontakt hatten. Das dachte ich mir schon, das Tulef nicht mit den wirklich wichtigen Menschen zusammenkommen würde. Da brauchte es natürlich erst einmal jemanden wie mich, um in diese Kreise vorzudringen, aber wen wunderte es! Und weil wir gerade so schön am Plaudern waren und ich Isna noch einmal dankte, erzählte ich Kaja auf ihre interessierte Nachfrage noch schnell von den zwei jetzt toten Dienern des Namenlosen, deren Anwesenheit Dere nun nicht mehr verunzieren konnte. Alles in allem, musste ich feststellen, war ich immer noch bester Stimmung und fand den Tag recht gelungen bis hierhin. Mein Netzwerk an Kontakten und Personen die ich in Mengbilla kannte wuchs beständig. Wenn das so weiter ging würde ich Vater vorschlagen müssen hier ein kleines Kontor zu eröffnen. Für das könnte ich ja wirklich Tulef als Beauftragten vorschlagen, mal sehen, wie lange er in diesem Haifischbecken am Ende durchalten mochte. Das wäre sicher amüsant.
Aber dazu würde Tulef natürlich erst einmal überleben müssen. Der leichteste Weg dazu wäre wohl, ihn entsprechend unkenntlich zu machen, damit ihn seine Häscher, die ihn ja gar nicht kannten außer einer Beschreibung nach, nicht erkennen mochten. Er zierte sich zwar anfänglich gegen den Gedanken, aber was wäre sicherer für ihn, als in der Masse der örtlichen Sklaven zu verschwinden, auf die ohnehin niemand achtete. So zumindest meine Idee. Und da er ohnehin Südländer war würde es da gar keiner großartigen Kunstfertigkeit bedürfen. Isna, die ihrem Gewerbe nach mit dem Schminken recht bewandert war, bat ich ihm ein passendes Sklavenmal ins Gesicht zu zaubern, das nicht gleich beim ersten Regenguss wieder verschwand. Und Hagen würde das Rasiermesser bei Tulef ansetzen, nachdem er meine Hände nicht in die nähe seines Kopfes lassen wollte, um ihm eine Glatze zu scheren. Ich hätte die Haare ja an mich genommen um damit zusätzlich für seine Sicherheit zu sorgen, falls er uns doch unerwartet verschwand. Aber das wollte er in keinem Fall zulassen, er war da regelrecht paranoid und wagte es sogar, mir zu drohen, der Narr! Aber gut… sollte er auf der Straße geschnappt werden, ich war mir ohnehin ziemlich sicher wo und in welchem Haus und in welchem Käfig ich ihn finden würde. Also grämte ich mich nicht übermäßig darüber. Und den Lappen mit seinem Blut, da Hagen ihn beim rasieren geschnitten hatte, erhielt ich auch nicht. Vielleicht auch besser so. Ich behauptete ja immer, ich trug diese Dinge von Menschen die mir etwas bedeuteten herum. Nicht das er sich am Ende einbilden würde, in diesen illustren Kreis aufgestiegen zu sein. Was für ein lächerlicher Gedanke!
Wichtiger wäre, dass ich den Damen Kaja und Orchais ein Angebot würde unterbreiten können. Wenn sie mir halfen Keidres Verbindungen und Netzwerk aufzudecken, wer am Ende noch in den Fängen ihrer dämonischen Herren steckte oder zumindest als ihr Verbündeter und Mitwisser gelten mochte, könnte ich dies einfach an die Rahjakirche weitermelden. Und sobald diese selbst tätig würde oder die Aufgabe an jemand anderes, sagen wir die Boron-Inquisition von Al’Anfa übertrug, wäre Keidre entweder direkt erledigt oder hätte zunächst einmal so viele eigene Probleme, dass sie sich nicht mehr um Kaja und Orchais würde kümmern können. Ein grandioser Gedanke! Allerdings teilte die Dame Kaja meinen Enthusiasmus in dieser Sache überhaupt nicht, als ich sie darauf ansprach. Ja, sie hielt den Einfluss der Kirchen in Mengbilla sogar für so schwach, dass sie meinte das wäre ein völlig vergeblicher Ansatz und daher jegliche Kooperation direkt verweigerte. Sie war wohl doch weniger gewitzt als ich angenommen hatte. Oder unterschätzte die Kirchen. Selbst wenn diese in Mengbilla nicht offen gegen gegen Keidre würden vorgehen können, was ich mir gar nicht vorstellen konnte, zur Not hatten ja beide auch noch ihre anderen Mittel mit Paktierern umzugehen. Sei es das hinter den Schleiern die Hand Borons oder die Dornen diese Aufgabe übernehmen würden, aber Keidres Weg in die Niederhöllen wäre sozusagen eine gut gepflasterte Straße gewesen. Aber ich konnte Kaja ja schlecht zu ihrem Glück zwingen. Also ließ ich es erst einmal auf sich beruhen. Schade, das wäre eine elegante Lösung für so manches Problem gewesen – zumindest für ihre, ich selbst hatte ja kein Problem mit Keidre.
Als wir uns schließlich anschickten den Dachboden zu verlassen wurden wir im Treppenhaus bereits erwartet. Ein Spalier aus Kindern und Bettlern stand davor, und im ersten Moment nahm ich an, wir würden uns nun den Weg wieder mit einem Zoll erkaufen müssen. Aber dem war nicht so. Bei den bedauernswerten Gestalten war eine Figur, die Hagen als ‚den Vater‘ identifizierte. Der von ihm gezückte Dolch schien nicht gerade auf das beste Verhältnis hinzudeuten und trotzdem begannen die beiden miteinander zu Flüstern. Interessant. Im Ergebnis aber wurden wir einfach zu einem weiteren Gespräch erwartet und dazu über die Straße hinweg zur Schenke „Giftmord“ eskortiert. Ein recht passender Name für eine Stadt wie Mengbilla, der Humor gefiel mir – im Gegensatz zu dem schäbigen Etablissement selber. Es ging laut und stinkig her darin. An einem riesigen Tisch in der Mitte warteten bereits Fjedril, Isna und Kaja, die bereits voraus gegangen waren während Hagen Tulef rasiert hatte, auf uns. Drumherum tobten diverse Glücksspiele und ein Hahnenkampf, der von lautem Geschrei der Wettenden untermalt wurde. Eine Kaschemme der untersten Kategorie, wie ich sie freiwillig nie aufsuchen würde. Aber als Ort für ein konspiratives Treffen mit einer Unterweltgröße natürlich sehr passend. Ich bestellte einen Wein, musste aber mit schalem Bier vorliebnehmen. Auf das, was hier als Essen ausgeteilt wurde, eine dünne Suppe, verzichtete ich lieber von vornherein. Ich nahm Platz und harrte der Dinge, die da kommen würden. Jederzeit bereit, mich zur Not mit einem Transversalis in mein Hotelzimmer zu versetzen, sollte es erforderlich sein. Allein durch diese Gewissheit konnte ich recht entspannt bleiben.
Ein Klopfen ertönte, so als würde ein Herold den herannahenden König ankündigen, und hinter dem schmuddeligen Tresen kam ein älterer Herr hervor, der schon auf den ersten Blick deutlich besser wirkte als das durchschnittliche Publikum der Taverne. Er mochte um die 70 Götterläufe zählen, wirkte aber dennoch rüstig und sehr gepflegt. Sein graues, wallendes Haar und der ordentlich gestutzte Vollbart verliehen ihm ein irgendwie väterliches aussehen. Die blau-purpurne Kleidung und der Mantel waren sauber, seine Finger von zahlreichen Ringen geschmückt. Das Augenfälligste aber, als er zu unserem Tisch herüberkam, war ein starkes Humpeln und der Stock auf den er sich stützte. Nicht nur hatte er ein Holzbein, ihm fehlte auch ein Daumen, wie ich schnell feststellte. Sofort stellten sich die Härchen an meinem Körper auf. Der nächste Diener des Namenlosen? Aber es war ja nicht jeder dem im Laufe eines langen Lebens ein Körperteil abhandengekommen war gleich ein Anhänger des Rattenkinds. Als er ankam stellte sich heraus, dass er recht flink mit seinem Gehstock umgehen konnte. Den Stuhl, der ihm angeboten wurde, fasste er mit dem Stock, zog ihn sich heran und ließ sich gewandt darauf nieder. Und, das erstaunte mich etwas, bevor er das Gespräch mit uns eröffnete, schickte er die Dame Kaja weg, als wäre sie nur eine Schülerin im Konvent. Und sie ließ es sich ohne große Widerworte gefallen. Das machte mir das hier herrschende Machtgefälle recht plastisch klar. Hier saß nun also einer der Hechte im Karpfenteich an unserem Tisch. Das mochte spannend werden.
Der Alte stellte sich als Amir La, Vorstand der Bettlergilde, vor und wollte zunächst einmal reihum von uns wissen, warum wir hier waren und was unsere Aufgaben und Begehren wären. Für mich die interessanteste Erkenntnis war, das Isna anscheinend auf uns angesetzt worden war um Informationen für ihre Herrin zu gewinnen. Da hatten wir uns ja eine süße Laus in den Pelz setzen lassen. Und warum? Nur weil Tulef seine Triebe und sein Gemächt nicht im Griff hatte. Trotzdem konnte ich Isna nicht ernsthaft böse sein, hatte sie mir doch einen großen Dienst erwiesen mit dem Hinweis auf die Anhänger des Namenlosen. Ich würde wohl lediglich meine Worte ihr gegenüber ein wenig sorgfältiger wählen müssen, um ihr nicht zu viele Hinweise auf meine wahren Absichten zu geben. Vielleicht konnte ich sie ja überreden mit mir nach Al’Anfa zu kommen. Sie war genau die Art von Hausdienerin, die ich im Zweifel gern bei mir gehabt hätte, wenn es einmal etwas Delikates zu erledigen geben würde.
Und Hagen suchte diesen Alrik vom grauen Pfad, weil der wohl dem Sohn seines Herzogs etwas angetan hatte, neben ein bisschen Nekromantie, und deswegen hinter ihm hergeschickt worden war.
Dann begann das eigentliche Gespräch, welches eine überraschende Wendung für mich parat hatte. Amir La konstatierte, wir suchten einen Mörder. Und das war weniger eine Frage als eine Feststellung. Wir würden offen mit ihm über alles Reden können, und wie zum Beweis das wir hier „sicher“ waren schnippte er mit dem Finger. Schlagartig wurde es ruhig um uns herum, selbst die Kampfhähne schienen kurz in ihrem Streit zu verharren, als sich aller Augen unserem Tisch zuwandten. Ein seltsames Gefühl, auf einmal so in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt zu werden. Und mit einem weiteren Schnippen ging die versammelte Meute wieder zurück an ihre vorherigen Tätigkeiten und der Lärm setzte Schlagartig wieder ein. Das folgende Gespräch nahm seine Zeit in Anspruch, deswegen sei es hier auf das wesentliche zusammengefasst. Wir würden die Leichte Raul ibn Retos, auch wenn wir uns noch so sehr bemühten, nicht finden, da dieser noch am Leben sei, er könne uns sogar sagen, wo wir ihn finden könnten. Das kam unerwartet – und damit hatte sich Tulefs von mir geplanter Einbruch in den Borontempel natürlich schlagartig erledigt. Und mir, dabei sah er mich eindringlich an, könne er ohne weiteres mit allen gewünschten Informationen zu Keidre behilflich sein. Doch was wurde hier dann gespielt? Kürzlich sei eines der neun Mittglieder des Stadtrates, der Schatzmeister, verstorben und nun werde ein Neuer gesucht. Der Stadtrat entscheide am Ende über Bündnisse und Kriege, weswegen eine sorgfältige Auswahl notwendig sei – und wir wären diejenigen, die diese Wahl treffen würden. Denn diese sei „eine Wette auf den Tod“, wie er es ausdrückte, zwischen dem Großemir Ankbesi und dem Raben Mengbillas, dem Hochgeweihten Akbashi. Der, den wir als Mörder bestimmen würden, solle den Posten bekommen. Und er sei derjenige, der daher gern der ‚Mörder‘ sein wollte.
Schlagartig rückten alle meine bisherigen Überlegungen in ein neues Licht, ja stellten sich auf den Kopf. Allein die Implikationen! Der dicke Gerbelstein? Es war kein Komplott gegen die Familie, sondern eines der Familie selbst, damit wir gutgläubig seine Schuld annahmen und ihn dem Großemir präsentierten. Die Frage war nur, waren die Bettler von den Gerbelsteins gedungen oder selbst hinters Licht geführt worden als sie uns den Dolch als Beweis und ihre Aussagen lieferten? Faszinierend! Und was hätte ich da angerichtet, wenn ich am Ende Tulef als Mörder deklariert hätte. Dieser Taugenichts im Stadtrat als Schatzmeister? Einerseits war der Gedanke ja amüsant, aber ich vermute, es hätte keine zwei Wochen gedauert, bis sie schon wieder erneut auf die Suche nach einem Ratsmitglied hätten gehen müssen. Wenn überhaupt. Vermutlich hätte er den Weg zu Boron schneller gefunden, als er sich neulich beim Fest auf Isna gestürzt hatte.
Kurz war ich ja versucht, mich direkt selbst zum Mörder zu erklären. Das wäre eine hervorragende Machtbasis für die Errichtung einer Magokratie in Mengbilla, vielleicht die Gründung einer eigenen Akademie. Aber beim Gedanken an Visaria und meine Familie verwarf ich diese Idee sofort wieder. Das würde ich meinen Lieben nicht antun wollen, hierher nach Mengbilla umziehen zu müssen. Und eigentlich wollte ich aus meiner geliebten Heimat ja auch gar nicht wirklich fort.
Die entscheidende Frage aber stellte am Ende Isna. „Was haben wir davon?“ Seine Antwort wirkte auf mich einstudiert und aalglatt. Er sei die Stimme der Bettler und des Volkes, ja, wolle die Armen verteidigen. Als wenn mich das interessiert hätte, wie es dem Pöbel Mengbillas ging, wäre es nicht ohnehin so unglaubwürdig gewesen. Aber ein schöner Versuch, an unser Mitgefühl für das einfache Volk zu appellieren. Viel überzeugender – und auch ehrlicher – war da schon sein zweites Argument. Wir sollten, und taten das auch, ihm die Hälfte unseres Goldes dalassen, bis wir dem Großemir berichtet hätten. Und auch das, was wir auf unseren Zimmern untergebracht hätten, sei darin eingeschlossen, seine Freunde hätten auch diesen Teil schon gesichert, aber wir würden natürlich alles zurückerhalten, sobald wir „die richtige Wahl“ getroffen hatten. Um die passenden Zeugen und Beweise sollten wir uns keine Sorgen machen, dafür würde er selbst sorgen und sie uns rechtzeitig zur Verfügung stellen. Den passenden Morddolch nur ohne das richtige Blut, hatte ich ja schon auf meinem Zimmer, wie ich ihm mitteilte. Die mir damit nun fehlenden 161 Dukaten waren schon ein schwerwiegendes Argument, das wollte ich nicht verleugnen. Auch wenn es natürlich mit Blick auf mein Gesamtvermögen nur ein kleines Ärgernis wäre, aber da ging es mir ums Prinzip. Ich ließ mir nicht gern Dinge wegnehmen, die ich als mein Eigentum betrachtete – deswegen war ich hin und her gerissen dazwischen, die Gerissenheit Amir La’s zu bewundern, uns solch ein Pfand zu nehmen und dem Wunsch, ihm die Dreistigkeit heimzuzahlen. Aber diese Entscheidung würde ich noch aufschieben, immerhin könnte sich der Handel für mich ja noch als lukrativ erweisen. Er stellte dann auch jedem von uns darüber hinaus noch eine persönliche Belohnung in Aussicht. Hagen würde er Aldrik vom grauen Pfad liefern, Tulefs Schulden deutlich reduzieren, für die Sicherheit von Isnas Familie bürgen und Fjedril reichlich in Gold entlohnen, während ich die gewünschten Auskünfte zu Keidre erhalten sollte. Das Gute war, wir würden unsere Entscheidung ja nicht sofort treffen müssen. Und wegen des genommenen Pfandes erwartete er das auch gar nicht von uns, sondern verabschiedete sich freundlich, während wir dann mit dem Boot zurück in unser Hotel gebracht wurden.
Ich fuhr mit Fjedril vorweg und diskutierte mit ihm schon einmal das Für und Wider sowie die Alternativen zum im Raum stehenden Angebot. Am Ende kamen wir beide aber zu dem Ergebnis, das es sich durchaus lohnen mochte, sich noch die Offerten weiterer Parteien und Interessenten anzuhören. Wir waren unerwartet in eine Position gerutscht, die uns äußerst attraktiv für jegliche Person machte, die sich selbst als zukünftigen Stadtrat sah. Ich wollte hier nicht so ein hässliches Wort wie „Bestechung“ in den Mund nehmen, aber allein, dass wir nun Kenntnis von dieser Scharade hatten in die wir hingezogen worden waren, hatten sich die Machtverhältnisse gewaltig verschoben – zu unseren Gunsten. Was wir aber tunlichst vermeiden sollten, und da war ich mir mit Fjedril einig, wäre den Großemir oder den Boroni damit zu konfrontieren, dass wir ihr Spiel durchschaut hatten. Damit würden wir jeglichen Trumpf aus der Hand geben, den wir gerade hielten. Und ob sie es besonders sportlich aufnahmen enttarnt zu werden, schien mir zweifelhaft. Abgesehen von dem monetären Verlust, den das für mich bedeuten würde. Enige Zeit später kamen auch noch Tulef und Hagen, aber ohne Isna, dazu. Ich erfuhr noch, das Alrik vom Grauen Pfad den Sohnvon Hagens Herzog in eine Art Dauerschlaf versetzt hatte, ein Zauberbann also, der gelöst werden musste. Hatten die in Weiden denn keine Praioti, die sich um sowas kümmern konnten? Oder zumindest einen Bannmagier? Aber das war nicht mein Problem, Weiden war ja bekannt hinterwäldlerisch, was ich Hagen gegenüber auch anklingen ließ.
Da die Nacht schon deutlich weiter fortgeschritten war als ich es geplant hatte, ging es danach doch ins Bett. Eine kurze Mediation vorher, um meine Astralmacht zurückzugewinnen war angebracht, bevor ich mich vertrauensvoll in Borons Arme begab um am Morgen hervorragend ausgeruht zu erwachen.
Am Morgen waren dann ich und Tulef die ersten, welche beim Frühstück saßen. Wobei Tulef mich nach wie vor spüren ließ, dass er mit meinen bisherigen Handlungen in der Stadt nicht besonders einverstanden war und sich auch abweisend an einen anderen Tisch setzte. Der Narr! Natürlich was sein begrenzter Verstand nicht in der Lage die Rolle zu fassen, die ich ihm zugedacht hatte und dass er letztendlich doch gar nichts zu befürchten hatte. Aber was erwartete ich von einem wie ihm? Zumindest machte er es mir leicht, meine Abneigung ihm gegenüber bei Keidre weiter glaubhaft aufrecht zu erhalten, sollte es nötig sein. Ich machte sogar einen der Haussklaven im Speisesaal darauf aufmerksam, das Tulef als kahlrasierter Sklave hier doch nichts zu suchen hätte. Aber der Dienstbote machte mich verwirrt darauf aufmerksam, dass es sich bei ihm doch nicht um einen Sklaven, sondern einen angesehenen Gast des Hauses handelte. Was wieder bewies, das Tulef einfach ein dummer Narr war. Da hätten wir uns ja die ganze Scharade und Verkleidung gleich sparen können, wenn er sie von vornherein so Untergrub und jedem zeigte, dass er nur sein Äußeres ein wenig verändert hatte, statt sich von nun an als Hagens neuer, dienstwilliger Sklave zu zeigen. Aber von hier an war es sein eigenes Risiko, ich hatte versucht ihm einen Ausweg aus seiner Situation bieten. Wenn ihn Keidre nun einkassieren sollte… selber schuld! Ich würde keinerlei weitere Garantien mehr übernehmen, insbesondere, da er sogar einen Becher quer durch den Raum in meine Richtung warf und meine Robe unter dem Tisch besudelte. Was die Bediensteten des Hotels natürlich sofort wieder reinigen konnte. Wunderte es irgendwen wirklich, warum ich diesen Kerl nicht ausstehen konnte? Welchen Gott hatte ich verärgert, dass ich wiederholt mit seiner Anwesenheit gestraft wurde?
Etwas später gesellten sich Fjedril und Hagen zu mir an den Tisch. Jawohl, zu mir, nicht zu Tulef. Was ja auch ein Zeichen war. Und als Isna kam ließ sie ihren Charme spielen um den Abtrünnigen dann doch zu uns herüber zu holen. Es war eine wahre Freude zu beobachten, wie sie ihn um den Finger wickelte und quasi an einer unsichtbaren Leine durch den Saal führte. Was Isna uns mitzuteilen hatte, war allerdings weniger erfreulich, als wir sie als Kennerin der Stadt um ihre Meinung baten. Sie hatte deutliche Vorbehalte was den Bettlerkönig anging. Das es ihm nicht um Menschenfreundlichkeit für die Ärmsten ging sondern lediglich den eigenen Vorteil war mir ja gestern schon klar gewesen. Aber darüber hinaus sei er berüchtigt dafür „Mitwisser“ und so vorhanden auch deren Familien, was uns einschloss und dazu Isnas Angehörige, recht schnell verschwinden zu lassen, nachdem er seine Ziele erreicht hätte. Kein schöner Ausblick, auch wenn ich die Bedrohung für mich persönlich als recht gering einstufte. Aber ob die Anderen es erfolgreich hinaus aus Mengbilla schaffen würden, geschweige denn davon, das Isna mit ihrer ganzen Familie dann ihre Heimat aufgeben müsste? Das war doch mehr als fraglich. Wobei das ja, gerade in Bezug auf Isna, nur wieder mir in die Karten spielen würde, hätte ich dann doch ein starkes Argument dafür, warum ich sie gleich mit nach Al’Anfa nehmen könnte. Vorausgesetzt, es wären entsprechende Vorkehrungen für eine erfolgreiche Evakuierung getroffen, das mochte sich als schwierig erweisen, schienen hier doch überall aufmerksame Augen und Ohren zu sein, die unsere Schritte verfolgten.
Wir diskutierten dann noch ein wenig, wer den noch in Frage für den Posten kommen mochte oder schon einen Sitz im Hohen Rat der Stadt hatte und damit ausfiel, uns die nächsten Tage ein weiteres Angebot zu präsentieren. Die Gerbelsteins hatten mit dem Hafenmeister schon einen Sitz, würden aber ihre Position im Rat mit einem zusätzlichen Platz deutlich stärken können. Und wären mir sogar sehr recht, weil ich mit einem Gefallen bei dieser Familie die Interessen meines Vaters deutlich besser durchsetzen würde können. Wohingegen ich Keidre auf Grund meiner Verbindungen zur Rahja-Kirche natürlich nicht guten Gewissens in diese Position bringen sollte, das würde man mir andernorts vermutlich übelnehmen, auch wenn es mich persönlich gar nicht stören würde. Diese politischen Erwägungen waren schon ein lästiges Ärgernis. Aber ich musste mich vermutlich daran gewöhnen, je weiter ich selbst in der Hierarchie des Südens aufstieg, mich immer wieder einmal damit auseinandersetzen zu müssen. Sogar der ‚Vater‘ schien seinen Hut gegenübr Tulef in den Ring geworfen zu haben und ein „noch besseres“ Angebot gemacht zu haben als der Bettlerkönig. Was ja einer Revolution von unten in diesen Rängen glich und für mich einige spannende Fragen aufwarf.
Viel erfreulicher war es, als ein Sklave des Hauses mir und Fjedril mitteilte, dass für uns beide im Foyer etwas vorbereitet war. Dort erwartete uns eine feine Auswahl an Düften und Parfüms, welche die hübsche Empfangsdame des Festes, Juliane Berani, für uns vorbereitet hatte, während aus dem Hintergrund die Dame Kolomeistos, also die Schulleitung der Alchemistengilde, ein waches Auge über alles hatte, war aber selbst kein Mitglied des Stadtrates, wie ich von Isna erfuhr. Und damit für mich zumindest eine potentielle Kandidatin für das Amt, sollte sie Interesse zeigen und ein gutes Angebot parat haben. Aber zunächst machte ich mich mit Fjedril daran die präsentierten Düfte zu prüfen und auszuwählen. Die Dame Berani hatte extra für uns noch in der vergangenen Nacht einen Duft kreiert, der die würzige Note des Benbukkels mit dem blumigen Duft der Gadang-Lilie verschmolz und wirklich außergewöhnlich roch. Sie hatte noch einiges Anderes zu bieten, aber am Ende waren sowohl Fjedril als auch ich überzeugt, genau diesen Duft erwerben zu wollen. Ein Name für diese neue Schöpfung war ebenfalls schnell gefunden, wurde sie doch nach direkt nach meiner geliebten Schwester einfach „Liliana“ getauft. Wunderbar! Nicht jede Tochter Al’Anfas konnte behaupten, dass ein so außergewöhnlicher Duft nicht nur für sie geschaffen, sondern auch nach ihr benannt worden war. Das war doch ein wunderbares Geschenk! Meine Stimmung hob sich gleich um einiges und ich legte mit Freuden die 4 Dukaten für einen kleinen Flakon davon auf den Tisch. Und da ich das Gold eh schon bei der Hand hatte gab ich auch Isna direkt ihren Güldenen als Tageslohn für heute. Die Kleine war wirklich jedes Gran Gold wert, das ich bisher in sie investiert hatte. Da sollte man nicht knauserig sein.
Fjedril hatte dann noch einen erstaunlich selbstlosen Gedanken und fragte Juliana nach Alrik vom Grauen Pfad. Sie als Empfangsdame hätte ihn ja gesehen haben müssen. Verwunderlich war da, dass sie ihn weder kannte noch an dem Abend gesehen hatte, auch wenn er auf der Gästeliste stand. Ein wenig verwunderlich und schade, aber ein guter Gedanke, selbst wenn er uns nicht weiterbrachte. Die Idee, aus ihren Angaben ein Porträt des Unbekannten Gesichts erstellen zu lassen entfiel damit natürlich. Allerdings schien er noch anderweitig einen Bedarf an der Erstellung eines Bildes zu haben, denn er hieß die Parfümeurin, sich heute Abend mit einem Porträtmaler bei ihm einzufinden, der sich damit gutes Gold würde verdienen können.
Hagen und Tulef hatte ich, damit sie während wir einkauften nicht faul herumsaßen, zur Dame Suljabet beim Großemir geschickt, um die versprochene Gästeliste zu holen, was zumindest teilweise, die Liste war noch nicht ganz fertig, von Erfolg gekrönt war. Im Anschluss daran machten wir uns auf zur Hauptfrau der Wache, diese stand ja auch noch auf meiner Liste der zu befragenden Personen, auch wenn sich der Fokus seit gestern Abend von dem „Toten“ eher auf die Umstände der Ermittlungen und die vorliegenden Beweise verschoben hatte.
Die Hauptfrau der Wache, Daria Siquota, würden wir wohl in der Kaserne antreffen, also direkt beim Palast, weswegen wir uns dann umgehend auf den Weg machten. Am Tor ereignete sich eine fast schon belustigende Begebenheit. Ich motivierte die Wachte in guter mengbillaner Tradition mit einem Silberstück, uns Einlass und Audienz zu verschaffen, als Tulef meinte, das Ganze teurer machen zu müssen und anmerkte, dass ich ja wohl wohlhabend genug sei und hier mehr springen lassen könnte. Was die Wache tatsächlich veranlasste die Hände noch weiter zu öffnen, bis ich am Ende sogar neun Silberne hatte hinfallen lassen. Was mich wenig kümmerte. Der Idiot, also Tulef, meinte anscheinend, mich damit ärgern zu können oder mir zu schaden. Was nur wieder bewies, wie beschränkt seine geistigen Kapazitäten waren, denn natürlich traf er damit nicht mich persönlich, sondern leerte lediglich das Säckel, das uns der Großemir mitgegeben hatte, was ich ihm dann auch deutlich mitteilte. Wahrlich, dieser Bursche muss eine Strafe der Götter für mich sein, von der ich noch nicht verstand, womit ich sie verdient hatte. Mit jedem Tag wurde es verlockender, ihn einfach wirklich in Keidres Obhut zu lassen. Das mochte die Wahrscheinlichkeit für die Zukunft verringern, dass er mir noch einmal über den Weg lief und meine Kreise störte.
Als wir dann in die Kaserne geführt wurden konnten wir Zeuge der disziplinierten Übungen der Wache auf dem Hof werden, bevor wir die Wachstube betraten. Anscheinend nahmen sie ihren Dienst durchaus ernst, das war kein wilder Haufen, sondern wirklich gut gedrillte Männer und Frauen, die hier Dienst taten. Vermutlich korrupt wie jede Institution dieser Art hier im Süden, aber nicht schlecht geführt.
Die Dame Siquota nahm sich Zeit für uns, die sie sich natürlich ordentlich vergüten ließ. Mit zwei Dekaten waren wir hier dabei. Dafür ließ sie aber auch direkt den Bericht des Mordes kommen und verlas diesen für uns. Raul ibn Reto sei tot in einer Blutlache aufgefunden worden, wofür es mehrere Zeugen gab. Die Todesursache sei ein tiefer Stich von vorne in die linke Brust mit einer kurzen aber breiten Klinge. Die Verwendung von Gift sei nicht festgestellt worden. Das Mordwerkzeug sei nicht am Tatort gefunden worden und die Leichte wäre durch die Wache dem Borontempel übergeben worden, so wie es üblich war. Für einen weiteren Dekaten erinnerte sich die Hauptfrau daran, dass der Tatablauf nahe legte, der Attentäter sei darüber informiert worden wann sein Opfer das Fest verlasse, denn es gäbe keine Versteckmöglichkeiten vor dem ehemaligen Praiostempel. Das hatten wir ja auch schon selbst festgestellt. Interessant war aber die Implikation. Denn entweder hatte es einen Mitwisser auf dem Fest gegeben, der dann kurz vor Raul den Tempel verlassen haben musste – das könnten wir heute Abend noch Juliana fragen - oder er hatte den Zeitpunkt seines ‚Mordes‘ selbst mit dem Attentäter abgesprochen. Dies würde er uns am ehesten selbst beantworten können. Vielleicht sollten wir uns vom Bettlerkönig doch noch seinen Aufenthaltsort verraten lassen.
Was die Hauptfrau aber auch feststellte war, dass eine Tat wie diese sicher nur von einem der Kyrioi angeordnet worden sein könnte. Was unsere Auswahl für „Verdächtige“ die wir dem Großemir präsentieren könnten wieder deutlich einschränkte. Niemand sonst wäre sonst in der Lage, eine solche Gewalttat gegen einen hochrangigen Gast des Großemirs anzuordnen, ohne die Konsequenzen zu fürchten. Oder er musste von dem Wettstreit wissen, was wieder auf die Kyrioi hindeutete, die ja dann wussten, dass es nichts zu befürchten gab, sondern im Gegenteil. Steckte Raul selbst gar mit einem der Aspiraten unter einer Decke? Die Verlockung sich den Kollegen zu schnappen und zu befragen wurde immer größer.
Zuletzt gab sie uns noch, und das ganz kostenlos, den Hinweis, dass wir die Stadt nicht würden verlassen dürfen, die Wachen an den Toren und dem Hafen seien da recht genau instruiert. Und mit Bestechung würden wir es gar nicht versuchen brauchen, denn sonst landeten nicht nur wir sondern auch die entsprechende Wache in der Arena – worauf keiner ihrer Soldaten besondere Lust hätte. Anscheinend hatten alle involvierten Parteien recht ordentliche Vorkehrungen getroffen. Das würde mich zwar im Zweifel nicht aufhalten, aber ich empfand es schon fast als Ehre, wie rührend man sich hier um uns kümmerte. Irgendwie begann ich wirklich, Mengbilla zu mögen. Die Art, wie Dinge in dieser Stadt angegangen wurden gefiel mir mehr und mehr.
Gegen Mittag gingen wir über den Basar zurück Richtung Hotel um noch ein kleines Essen zu uns zu nehmen sowie einen neuen Plan zu fassen. Einfach abzuwarten, wer sich noch alles in das Spiel einmischen mochte war zwar eine Möglichkeit, aber untätig herum zu sitzen und das Heft des Handelns aus der Hand zu geben war noch nie meine Stärke gewesen. Nicht, das am Ende noch jemand Anderes die Entscheidung für mich treffen würde, wohin die Reise gehen sollte. Das würde mich doch sehr ärgern. Der Speisesaal in der Havarie war heute gut besucht, lediglich eine Nische war noch frei, die einer der Hausbediensteten für uns freigehalten hatte. Man bot uns eine gekühlte Melonensuppe als leichte Speise des Tages an und ich ließ mir diese auch gut schmecken. Das war genau das Richtige zur beginnenden Mittagshitze. Gerade weil es heute so voll war und damit ein entsprechender Geräuschpegel herrschte, konnten wir uns nun halbwegs ungestört in dezenter Lautstärke unterhalten. Solange wir unser Gespräch nicht hinausbrüllten würde niemand unsere Worte in dem allgemein herrschenden Gewirr an Unterhaltungen verstehen. Fjedril eröffnete uns, er hätte ein drittes Angebot der Alchemisten erhalten, dessen Vorteile sich aber nur auf ihn erstreckten. Was entweder überaus ungeschickt oder dumm von diesen war. Sie gingen wohl davon aus, der er sich unserer Entledigen würde um ihren Wünschen zu entsprechen, anstatt ihn eine für uns lukrative Offerte überbringen zu lassen. Egal wie, dieses Vorgehen erschloss sich mir nicht, ließ Fjedril und seine Loyalität uns gegenüber aber noch einmal in meinem Ansehen steigen. So erwartete ich, dass sich meine Begleiter verhielten! Ich würde es wirklich bedauern, wenn der Bursche in den Norden zurückging statt mit mir nach Al’Anfa zu kommen. Aber bisher machte er leider keine Anstalten von seinem Plan abzurücken, egal wie oft ich ihm die weitere Zeit an meiner Seite versuchte schmackhaft zu machen. Wir spekulierten in der Folge wild herum, wer gerade der „passendste Mörder“ für uns wäre, fanden dabei aber nach wie vor keinen Konsens, bis die Getränke und das Essen kamen. Einer der Haussklaven kündigte uns bald darauf jemand mit einer Nachricht an, den ich umgehend herbeibringen ließ. Das konnte ja fast nur eines der erwarteten weiteren Angebote bedeuten. Und ich sollte recht behalten. Ich kannte den Mann schon, der an unseren Tisch trat und sich verneigte. Es war der Hausdiener der Gebelsteins, welcher uns eine Einladung von Amir und Abelmir für heute Nachmittag zum Tee zur dritten Stunde überbrachte. Das kam nicht völlig unerwartet für mich, wussten wir doch, dass die Händler eine der ersten waren die sich mit falschen Spuren ins Rennen gebracht hatten, aber hätte ich vorher darauf wetten müssen, ich hätte mit jemand anderem, einem neuen Bewerber gerechnet, der sich uns andienen würde. Aber die beiden waren natürlich nicht dumm, hatten vermutlich mitbekommen das wir ihren Köder nicht geschluckt hatten sondern im Gegenteil nun wie ein Honigtopf von den Bienen durch weitere Aspiranten umschwärmt wurden. Die Frage war doch lediglich, welchen Weg sie nun einschlagen wollten, um sich unserer Stimmen zu versichern. Das würde sicher spannend werden. Zumindest hatte ich bisher bei diesen beiden recht wenig Vorbehalte, im Gegensatz zu dem Bettlerpack. Selbst wenn ich den alten Mann gestern Abend in Summe sogar recht sympathisch fand, trotz oder gerade wegen seines wenig subtilen Drucks den er auf uns ausübte. Bis zur Zeit des Aufbrauchs verbrachte ich die Stunden mit Isna allein bei Tisch, da sich die Anderen zurückzogen um noch ein wenig zu Ruhen oder eigenen Besorgungen nachzugehen. Sie war wirklich angenehme Gesellschaft. Aber schließlich trafen wir uns im Foyer wieder um pünktlich gemeinsam loszugehen. Und diesmal fehlte niemand, selbst Hagen und Tulef hatten es sich eingerichtet rechtzeitig da zu sein.
Vom Hausdiener der Gerbelsteins wurden wir mit einem Dutzend Söldnern der Stadtwache vor dem Hotel erwartet, um uns sicheres Geleit bis zu ihrem Domizil zu geben, da uns der Weg über die Insel der Träume führen würde. Und eine dezente Machtdemonstration, die mir nicht entging, war es obendrein. Allein die Anzahl der Bewaffneten war schon deutlich mehr, als nötig gewesen wären um uns eskortieren zu lassen, da hätte die Hälfte sicher auch schon genügt. Gleichzeitig zeigten sie damit ohne es aussprechen zu müssen ihren Einfluss auf die offiziellen Stellen, wo sie zur Not ihren Wünschen würden Nachdruck verleihen können. Nicht schlecht, das musste ich den Händlern lassen. Ich war mir nur nicht sicher, ob meine Begleiter diesen Wink mit der Zaunlatte ebenso verstanden wie ich.
Ob des Aufgebots marschierten wir natürlich unbehelligt durch die Stadt. Keiner der zahlreichen Bettelbuben wagte es auch nur, sich vor uns auf die Straße zu stellen. Dafür, da war ich mir sicher, würde diese wenig unauffällige Anbiederung dem König und dem Vater in weniger als einem Viertelstundenglas zugetragen werden. Um mich selbst machte ich mir da wenig sorgen, aber ob das für Tulef und Hagen in deren Richtung die richtigen Signale sandte wagte ich doch zu bezweifeln. Die Insel der Träume bot tagsüber ein völlig anderes Bild als nachts mit den verlassenen Straßen. Es roch sehr duftig und rauchig, das unverkennbare Odeur von Rauschkraut aller lag selbst im freien über allem und allerorten torkelten Menschen mit diesem abwesenden Blick über die Straße, den nur diejenigen hatten, deren Geist nicht ganz auf Dere verweilte. Traurige Gestalten, deren weiteres Schicksal in Richtung Schuldknechtschaft und Sklaverei – oder einem steinbeschwerten Bad im Hafenbecken – bereits vorgezeichnet war. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie man sich so dermaßen gehen lassen und aufgeben konnte.
Vor dem Tor des Gerbelsteinschen Anwesens standen bereits weitere Wachen für uns zur Begrüßung Spalier, drinnen warteten Sklaven mit Wasserschüsseln und Handtüchern auf uns. Ich wusch mir kurz Hände und Gesicht um mich vor dem anstehenden Gespräch frisch zu machen, wie es sich gehörte. Manche meiner Begleiter schienen unsicher zu sein was sie tun sollten, taten es mir dann aber einfach nach um der Etikette genüge zu tun. Gut so, niemand mochte einen Gast mit schmutzigen Fingern, der sich aus der Schüssel mit Keksen bediente. Mutter war da bei ihrer Erziehung recht streng gewesen, und dafür konnte ich ihr heute nur dankbar sein. Über Anstand der einem in Fleisch und Blut übergegangen war musste man wenigstens nicht mehr nachdenken.
Der Diener geleitete uns die Treppe hinauf in den Saal, den ich bereits kannte und wo die beiden Dicken uns schon an der eingedeckten Tafel erwarteten. Ich ließ mir auf deren Nachfrage erst einmal süßen Tee bringen. Für das was kam wollte ich nicht durch Alkoholika beeinträchtigt sein, auch wenn ich schon Lust auf einen eiskalten Weißwein gehabt hätte. Aber ich wusste, wann es besser war solche Dinge hintenan zu stellen. Bezeichnend war auch, dass der alte Herr Gerbelstein nicht anwesend war, wie es sich ja ansonsten für den Patron des Hauses gehört hätte. Aber ich wusste ja um seine Gesundheit. Ein weiteres unterschwelliges Zeichen, das die wahre Macht im Hause bereits auf die nächste Generation überging. Die Fensterfront bot einen grandiosen Blick auf den geschäftigen Hafen. Und darauf wiesen uns die Zwei Händler mit freundlichen Worten hin - das Herz und der Reichtum dieser Stadt lägen vor uns. Was bedeutete, wenn wir der Stadt etwas Gutes tun wollten, würden wir jemand erwählen, der sich dieser Dinge annahm und nicht im Dreck der Gosse wühlte oder am Leid anderer Menschen sein Geld verdiente. Wir nahmen am Tisch Platz, nachdem wir die Aussicht genügend gewürdigt hatten. Mir gefiel der Standort des Hauses. Warum hatten wir daheim in Al’Anfa eigentlich keine Villen direkt am Hafen mit einem solchen Ausblick? Den störenden Fana hätte man sicher von dort woanders hin expedieren können, wenn man das wollte. Andererseits war man am Silberberg doch wunderbar unter sich, ohne sich mit dem Pöbel herumschlagen zu müssen. Und, bei rechter Überlegung, in der Hitze war der Hafen oft schon eine recht stinkige Angelegenheit, bei der einem auch einmal die Lust aufs Essen vergehen konnte. Da schwammen ja nicht nur Schiffe drin herum…
Das folgende Gespräch ließ dann aber wenig Zweifel an dem Grund unseres Besuchs und die Gerbelsteins gingen recht offen mit ihrem Anliegen um. Die Zeit der Scharaden war wohl endgültig für beendet erklärt worden und durch klare politische Motivation ersetzt worden. Auch sie gaben nun offen zu, dass Raul ibn Reto ja gar nicht tot war, aber wir dies ja schon wüssten. Sie waren aber ziemlich neugierig warum wir nicht längst beim Großemir vorstellig geworden waren und warum ihre „Beweise“, die wir ja hatten, bisher nicht ausgereicht hätten. Die wenig überzeugende Aussage der Schankmagd war da nur ein Hinweis. Aber als ich ihnen eröffnete, dass ich durchaus in der Lage war dies zu prüfen und festgestellt hatte, dass das Blut auf dem Dolch mitnichten von einem Magier war überraschte ich sie wirklich. Gut, diese Tatsache war vermutlich nur den wenigsten bekannt, aber dadurch zeigte ich ihnen, dass ihr kleines Schauspiel bei weitem nicht so gut gemacht war, wie sie das vielleicht angenommen hatten.
Daher gingen sie nun in die Offensive und fragten völlig unverblümt, wie „man die Beweise so passend machen könne, dass sie unseren Vorstellungen entsprächen“, ja, was schlicht unsere Wünsche wären. Besser. Genau so stellte ich mir gute alte Überzeugungsarbeit und Bestechung vor, bei Phex. Warum nicht gleich so? Tulef, der wieder einmal meinte unpassender Weise zuerst sprechend und sein Missfallen zum Ausdruck bringen zu müssen benutzt sogar unbedacht das Praios-Wort. Ich merkte scherzhaft an, dass man ihn dafür am besten gleich ins Hafenbecken werfen sollte, aber so etwas wie Humor war an den Kerl eh verschwendet. Die erste, die dann einen ernst zu nehmenden Wunsch an die Gerbelsteins äußerte war Isna. Und in dem Gespräch am heutigen Nachmittag erfuhr ich über das Mädel mehr als in den letzten vier Tagen in Summe. Sie hatte eine Schwester, die alles sei was noch von ihrer Familie übrig war. Ihr dringlichster Wunsch war, dass es für sie und die Schwester sicher sei. Wofür sie auch bereit wäre zumindest vorübergehend die Stadt zu verlassen – meine Worte an sie, mich nach Al’Anfa zu begleiten waren also doch auf fruchtbaren Boden gefallen. Das gefiel mir außerordentlich. Ob ihre Schwester genauso hübsch war wie sie? Nicht das Visaria auf falsche Gedanken kam wen ich von meiner kleinen Reise gleich mit zwei ausnehmend gutaussehenden Frauen zurückkehrte. Das wäre natürlich überhaupt nicht in meinem Sinne. Aber darum konnte ich mir Gedanken machen, wenn es soweit wäre. Neue Kleider und ein kleines Handgeld für einen Neuanfang vervollständigten dann Isnas Wünsche. Also alles Dinge, durch die die Gerbelsteins nicht einmal annähernd ins Schwitzen kamen. Für sie musste sich der Preis Isnas geradezu lächerlich gering anhören. Für mich wurde es so richtig interessant, als Isna damit herausrückte bei den Alchemisten gelernt zu haben, bevor sie zur Kurtisane wurde. Das wurde ja immer besser! Nicht nur das ich sie schon fast ins Herz geschlossen hatte, ich würde mit ihr auch noch eine kompetente Laborassistentin gewinnen! Die Götter hatten mir da anscheinend ein richtiges Goldstück vor die Füße geworfen. Innerlich frohlockte ich. Wie recht ich damit behalten sollte zeigte sich gleich darauf, als sie sogar noch „für eine gute Freundin die ihr zuletzt viel geholfen hatte“, also Kaja, fragte, ob die Gerbelsteins auch dabei behilflich sein könnten eine Dämonenpaktiererin zu entsorgen. Ich konnte es kaum glauben, aber sie übernahm, vermutlich ohne es zu wissen, meine Aufgabe gleich mit ich musste mir nicht einmal mehr Gedanken darum machen, wie ich die Angelegenheiten der Rahjakirche fördern könnte. Konnte der Tag eigentlich noch besser werden? Die Gerbelsteins waren zwar recht reserviert, als sie KEidre die Tarifa beschuldigte, denn sich mit einem Kyrioi anzulegen wäre auch für die Händler sicher nicht ohne jeden Aufwand, aber letztendlich wären sie auch nicht traurig über deren verschwinden. Wer der Kurtisanengilde am Ende vorstand konnte den Beiden eigentlich recht egal sein. Es würde nur seine Zeit benötigen das in die Wege zu leiten, aber diese könnte sie ja bei mir in Al’Anfa verbringen. Das sie damit die Position ihrer Herrin Kaja stärkten und auch das Leben von Isna und vielen ihrer Berufskolleginnen verbessern würden dürfte den Gerbelsteins allerdings auch recht einerlei sein. Wie besondere Menschenfreunde die so etwas aus Gutem Willen heraus taten kamen sie mir jetzt nicht vor. Egal wie, allein für ihr eintreten in meinem Sinne ohne das ich selbst hier auftreten musste würde ich die liebe Isna noch einmal extra belohnen müssen.
Ich selbst wünschte mir von den Beiden dann auch lediglich den Ersatz meiner verschwundenen Barschaft – und das sie weiter für die guten und engen Beziehungen zwischen Al’Anfa und Mengbilla einstanden. Was sich am besten fördern ließe, wenn sie für den kommenden Konflikt mit dem Bornland – damit überraschte ich die Zwei – eine stete bezahlte Versorgung mit Mengbiller Feuer für meine Heimat sicher stellten und dabei die Schiffe unserer Handelskompagnie nutzen würden. Ich legte doch Wert darauf, das diese Vereinbarung zugunsten meiner Heimat auch meinen Stempel und den unseres Handelshauses trug. Tue Gutes, aber sprich darüber, war hier das richtige Motto. Daheim sollten sie schon wissen, wem, also mir, sie das zu verdanken hatten! Das schöne war, dass ich den Beiden damit auch nur in die Karten spielte und unsere Interessen sich hier offensichtlich deckten. Sie waren an Frieden und gedeihlichem Handel für Mengbilla mehr interessiert als an allem anderen. Alles zur Förderung ihrer Geschäfte und des Wohlstands. Solange Mengbilla nicht in den Krieg mit dem fernen Bornland hineingezogen wurde wäre das kein Problem. Al’Anfa sei ohnehin der natürliche und wichtigste Verbündete der Stadt und Mengbiller Feuer am Ende auch nur eine von vielen Handelswaren. Die Feinheiten dieses kleinen Abkommens würde ich mit ihnen vor meiner Abreise dann noch passend verschriftlichen, die eigentlichen Verhandlungen würden also für mich erst später beginnen. Aber ein besseres Angebot als von diesen Beiden hatte ich bisher für mich nicht vorliegen.
Leider begingen sie dann einen Fehler, der sie nicht nur bei mir erst einmal einige Sympathiepunkte kostete. Insbesondere Hagen stellte sich später als recht nachtragend heraus, was das anging. Denn anstatt uns einfach weiter Honig ums Maul zu schmieren und dem Rest noch lukrative Angebote zu machen wagten sie sich aus der Deckung und drohten uns ganz unverholen damit, dass wir ja schon etliche Verfehlungen in der Stadt begangen hätten, die uns auch leicht auf die Sklaveninsel bringen konnte. Was sie aufzählten betraf zwar im wesentlichen Fjedril, Hagen und Tulef – ich hatte ja einen Generalsdispens und mir nichts zuschulden kommen lassen, aber Beweise und Vorwürfe waren in Mengbilla ja leicht fingiert. Ich machte mir zwar um mich selbst keine Sorgen, aber wie man so schön sagte, mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Da zogen mich Hagen und Tulef im Zweifel einfach mit in den Abgrund. Kurz ertappte ich mich tatsächlich bei dem Gedanken, wie ich schon überlegte den dicken Buben diese Unverfrorenheit heimzahlen zu können. Ganz so einfach wollte ich das eigentlich nicht einfach so stehen lassen. Andererseits… manche Kröte musste man für einen guten Handel auch einfach Bereit sein zu schlucken. Mich dafür zu revanchieren war immer noch eine Option, sollte sich ein noch besseres Angebot auftun. Die Entscheidung darüber würde ich also erst in den nächsten ein oder zwei Tagen treffen müssen. Aber vergessen würde ich ihnen diesen Lapsus nicht… aber gäbe es überhaupt Angebote, die nicht auch mit mehr oder weniger offen ausgesprochenen Drohungen oder Druck verbunden waren?
Tulef hatte, es wunderte mich kaum, gar keine Vorstellung was er von den Gerbelsteins wollen könnte. Mit den geistigen Kapazitäten des vorgeblichen Buchhalters war es wirklich nicht weit her. Da warf ihm Phex schon so eine glänzende Gelegenheit vor die dreckigen Füße, und er bückte sich noch nicht einmal um sie aufzuheben. Er hätte sich hier so einfach Reichtum, Einfluss, einen eigenen Posten oder was auch immer verschaffen können. Und dann fiel ihm nichts ein, wen es darauf ankam? Als Hesinde das Hirn vom Himmel hatte regnen lassen musste er sich wohl tatsächlich auf dem Abort befunden haben… ich konnte nur den Kopf schütteln ob so viel trauriger Dummheit. Immerhin versuchte er noch herauszubekommen, wer denn die ärgsten Widersacher der Gerbelsteins waren, wem sie den Posten am wenigsten gönnten und wie sich die Fraktionen der Kriegstreiber und Friedenswahrer verteilten. Aber übermäßig viel Erfolg hatte er dabei nicht. Natürlich gönnten sie den Posten keinem außer ihnen selbst. Alles andere wäre ja auch seltsam gewesen. Der Herr der Söldner wäre dem Kriegstreibenden Lager zuzurechnen, wen wunderte es? Immerhin war das sein „Geschäft“.
Fjedril war dann auch relativ einfach zufrieden zu stellen. Er wünschte sich nichts weiter, als später wieder in die Stadt kommen zu können um zu handeln und eine hochwertige Laborausstattung für seine Herrin zu erwerben. Dafür hatte sie ihn anscheinend mit 100 Dukaten nach Mengbilla geschickt und diesen Auftrag gedachte er zu erfüllen. Die Lieferung der Ware mit dem Schiff nach Paavi war da nur noch eine nette Dreingabe und würde die Gerbelsteins sicher nicht herausfordern. Tulef versuchte zwar mit recht mageren Argumenten Fjedril davon zu überzeugen, dass er dafür die Gerbelsteins mitnichten bräuchte, aber da biss er sich an dem Nordländer argumentativ eindeutig die Zähne aus. Fjedril tat dann noch ganz uneigennützig etwas für Hagen, indem er die Gerbelsteins nach Aldar ibn Faruk, dem Traumdeuter fragte. Dieser sei der bekannteste Wahrsager der Stadt und was er erzählte traf wohl auch meist ein. Aber ob er wirklich das zweite Gesicht hatte oder ob er dabei nachhalf das seine Prophezeihungen war wurden… ich war mir da in einer Stadt wie Mengbilla nicht sicher. Zumindest schienen die Gerbelsteins die Meinung des Wahrsagers aber wirklich zu schätzen und betonten, das zumindest dieser das Spiel um den vakanten Posten nicht mitspielen würde. Also immerhin eine neutrale Partei in der Stadt. Aber dieser Mann wäre für Hagen der richtige Ansprechpartner bei seiner suche nach dem verfolgten Magier.
Nachdem alle Büsche ausreichend abgeklopft waren – ich war vorsichtig optimistisch das wir hier gar keine schlechte Basis hatten – gingen wir tatsächlich noch gemeinsam bei ein wenig Musik zu Keksen, Tee, Kaffe und einem gemütlichen Plausch bei wechselnden, unverfänglichen Themen bis zum frühen Abend über, bevor uns die Wachen zurück zum Hotel eskortierten.
Am Abend kam dann der von Tulef vereinbarte Termin mit der Zeichnerin und Juliane kaum das wir in der Havarie an einem Tisch Platz genommen hatten. Er ließ die junge Frau ein Porträt Raul ibn Retos nach Julianes Beschreibung anfertigen, was etwa eine Stunde dauerte. Sie hatte das Konterfei recht gut getroffen, das musste ich zugeben. Ob wir es brauchten sei einmal dahingestellt, aber zur Not konnten wir damit und einem kleinen Kopfgeld vermutlich auch selbst den Aufenthaltsort des Kollegen ausfindig machen, falls wir das noch als erforderlich betrachten sollten. Ich will zugeben, was seine Motive und die versprochene Belohnung in dieser Scharade anging war ich schon etwas neugierig. Was hatten der Großemir und der Rabe Raul versprochen, damit dieser sich auf das Spiel eingelassen hatte? Nach alles was bisher zu Buche stand würde er sich danach kaum noch in Mengbilla unter seinem Namen blicken lassen können. Umso schwerer wog seine Beteiligung. Mich hätte man ja fürstlich für so einen Dienst entlohnen müssen… und vielleicht ließ sich ja etwas von seiner Belohnung in unsere Taschen abzweigen? Sozusagen als kleiner, lukrativer Nebeneffekt? Wir hatten ja noch zwei Tage, das wäre doch eigentlich eine Aufgabe für Fjedril, Hagen und Tulef. Gerade Tulef würde sich dann vielleicht doch einmal als nützlich erweisen können, wenn er sich nicht von Keidres Schergen schnappen ließ.
Wobei Hagen und Tulef uns zur siebten Stunde einmal verließen um eigenen Geschäften nachzugehen. Was mir ganz recht war, hatte ich so doch Gelegenheit mich mit Fjedril und Isna nicht nur über die bereits bestehenden Angebote auszutauschen – wir drei waren uns da recht einig – sondern konnte mit den beiden sogar ein wenig über Alchemie, ihre Lieblingsrezepte und Erfahrungen auf diesem Gebiet plaudern. Was würden wir für einen wunderbaren Alchemistenzirkel gründen können, wenn mich beide nach Al’Anfa begleiten würden! Und Fjedrils Gedanke, sich hier die passende Laborausstattung zu kaufen mochte ich tatsächlich übernehmen. Also, wenn ich bei dem Händler Ankbesi das Buch nicht erwerben könnte, ich würde stattdessen wohl glatt ein neues Labor mit nach Hause nehmen. Bei den Ulfharts hatte ich ja extra einen Raum dafür. Es wäre ja Verschwendung, diesen dauerhaft mit meiner bisherigen mangelhaften Ausrüstung bestückt zu sehen…
Als unsere beiden Hallodris wieder da waren tauchte Isnas Freundin Kaja Embalin unvermittelt auf und die zwei zogen sich zum Gespräch zurück. Und was Isna dann zu berichten hatte, warf noch einmal ein interessanes Schlaglicht auf die Situation. Die Gerbelsteins, deren Einfluss ja jetzt schon nicht unerheblich war, könnten mit dem zusätzlichen Posten in eine günstige Ausgangsposition kommen den nächsten Großemir zu stellen, wenn der alte irgendwann weg wäre, da der Stadtrat dieses Amt per Wahl vergab. Kein Wunder also, das die Beiden so versessen auf das freie Amt waren! Unter diesen Umständen war ich fast geneigt noch einmal einen kleinen Aufschlag auf unsere Dienste zu verlangen, unter Wert sollten wir unsere Stimme auch nicht verkaufen. Das Problem waren derzeit nur Hagen und Tulef. Hagen war immer noch beleidigt wegen der Drohung der Gerbelsteins. Aber da sprang Isna mit ihrem Charme wieder hilfreich ein und überzeugte ihn mit süßen Worten und der Aussicht, das ihre Herrin Kaja ihm ebenfalls bei seinem Problem und der Suche nach Aldrik würde behilflich sein können. Die Männer und Frauen ihres Gewerbes kannten früher oder später auch jeden in Mengbilla, oder zumindest jemand, der jemand kannte… und so weiter. Es war deutlich, das Isna die Gerbelsteins auf dem Posten sehen wollte. Und, auch wenn ich das nicht aussprach, ich würde Hagen ja auch behilflich sein können. Gerade mich würde er am nötigsten brauchen, wenn er wirklich die Konfrontation mit einem Magier suchen sollte. Ansonsten hätte der arme Bursche ja überhaupt keine Aussicht auf Erfolg!
Nur Tulef stellte sich bis zum Ende quer und verweigerte seine Kooperation und Zustimmung zu dem allgemeinen Konsens, den wir ja schon gefunden hatten. Anscheinend wollte er um jeden Preis einen dieser windigen Bettler, insbesondere den Vater, ins Amt hieven. Das mochte ein Problem werden, wenn wir vor dem Großemir am besten mit einer Stimme sprechen sollten. Aber zur Not ließ sich eine einzelne Stimme in Mengbilla auch recht leicht zum verstummen bringen. Nicht dauerhaft, ich wollte ihm ja nicht wirklich schaden, so sehr er mich auch immer nervte. Aber Methoden ihn zum entscheidenden Zeitpunkt aus der Gleichung herauszunehmen gab es wussten die Götter genug. Vom Schlaftrunk bis dahin, ihn doch vorübergehend in Keidres Käfigen unterzubringen waren die Möglichkeiten quasi endlos. Aber insgeheim hoffte ich immer noch, dass der Kerl am Ende Vernunft annehmen würde.
Zum Abendessen wurden uns neue Platten mit in dünne Scheiben geschnittenem und gekühltem Kamel gebracht, dazu frisches Obst und Gemüse. Aber als die nächsten Getränke gebracht wurden rochen diese irgendwie… merkwürdig – ungewöhnlich säuerlich, so als ob es falsch vergoren wäre. Ich wollte noch etwas sagen, aber Hagen hat schon einen Schluck aus den neuen Bechern genommen. Nun… das würde wohl spannend werden.
Fjedril, der wohl ebenfalls etwas bemerkt hatte, fasst sich als erster von den anderen und schrie Hagen an, er solle sofort sein Bier ausspucken. Sein Gebrüll war dermaßen laut, dass die übrigen Gäste um uns herum zusammenzuckten und entgeistert zu uns herübersahen. Hagen machte allerdings nur ein recht ratloses Gesicht und kam der Aufforderung nicht nach, weswegen Fjedril sich bemüßigt sah aufzustehen, ihm kräftig gegen den Bauch zu drücken und den Finger bis zum Anschlag in den Rachen zu rammen. Ich wollte noch schnell einen Eimer herbeibringen lassen, da ich die kommende Sauerei schon vorausahnte, aber es war zu spät. Mit einem widerlichen Schwall ergoss Hagen seinen Mageninhalt in den Speisesaal. Ja, er konnte nichts dafür… aber hätten die beiden nicht wenigstens vor die Tür gehen können. Es war ja nicht so, das Hagen schon blau um Gesicht angelaufen wäre… so akut kann das also nicht gewesen sein, hier so eine Sauerei zu veranstalten. Diese Nordländer waren doch nach wie vor einfach Barbaren! Keinen Sinn für Sitte und Anstand!
Die Hausdame kam natürlich auch schon prompt angerannt. Aber statt die beiden Störenfriede zu rügen erkundigte sie sich was vorgefallen war und entschuldigte sich dann umständlich, als Isna ihr erklärte, das hier wohl Gäste ihres Hotels vergiftet worden waren. Hagen zeigte immer noch keine Symptome einer Vergiftung, also konnte es gar nicht so schlimm gewesen sein - oder am Ende vielleicht sogar ein Irrtum? Ich roch noch einmal an meinem eigenen Becher. Aber außer das der Inhalt immer noch ungewöhnlich säuerlich roch, konnte ich nichts weiter feststellen, geschweige denn ein Gift identifizieren.
Endlich begannen ich aber doch Auswirkungen bei Hagen zu zeigen. Na also, es ging doch! Er begann unverständlich zu lallen, aber nicht, weil er betrunken gewesen wäre, sondern weil seine Zunge im Mund anschwoll und brannte. Ich kannte nur ein einziges Gift, das seine Wirkung derart äußerte: Feuerzunge, die Galle des gleichnamigen Fisches. Wie profan… ich zuckte mit den Schultern. Das war ja nicht einmal ansatzweise Lebensbedrohlich. Eine solch lächerliche Vergiftung hätte ich zur Not mit dem Klarum Purum quasi aus dem Handgelenk aufheben können- Allerdings herrschte ja keine Not. Die Hausdame brachte auch schon gemahlene Kohle und einen Löffel, um Hagen das Pulver zu verabreichen, ließ einen Heiler auf Kosten des Hauses herbeirufen und wir bekamen sogar für unseren weiteren Aufenthalt zwei Vorkoster zugewiesen, die nun mit wenig Begeisterung alles was wir verlangten zuerst prüfen durften.
Hagen wurde zur Behandlung auf sein Zimmer verfrachtet, wo der Heiler meinte, das könne man kaum als ernsthaften Anschlag werten, sondern eher als eine Warnung an uns verstehen. Wir wären wohl jemand auf die Füße getreten, dem wir für die entsprechende Menge Gift immerhin 125 Dukaten wert wären. Darüber hinaus verordnete er Hagen aber lediglich Bettruhe bis zum Morgen und gab ihm noch einen Tee. Fraglich war ja, wer sich durch uns dermaßen gestört oder bedroht fühlen mochte.
Aber auch hier lag des Rätsels Lösung vielleicht näher als man denken mochte. Denn der Taugenichts Tulef rückte angesichts der Umstände dann damit heraus, er sei gewarnt worden, dass die Alchemisten es auf uns abgesehen hätten. So war das also! Ich hatte mit dieser Gruppierung bisher nichts zu schaffen, also mussten mit ziemlicher Sicherheit Fjedril, der sich ja mit einer Alchemistin eingelassen hatte, oder Tulef selbst hinter dieser Misere stecken. Ich hätte es mir eigentlich denken können… Da wir Hagen aber ohnehin nicht weiter helfen konnten – das heißt, gekonnt hätte ich schon, ich hatte nur keine Lust dazu – gingen wir wieder hinunter in den Speisesaal um unser Essen fortzusetzen. Dank Isna, die offenbar sehr genau wusste worauf sie zu achten hatte und der beiden Vorkoster verlief unser Abendmahl nun auch in recht entspannter Atmosphäre. Ich zumindest hatte da keine Bedenken und langte herzhaft zu.
Natürlich disputierten wir auch, wer denn noch in Frage kommen könnte das Amt einzunehmen. Es musste angeblich sogar jemand in den Armenvierteln geben, eine Dame namens Mutter Theresia, die so etwas war wie eine lebende Heilige der gütigen Travia. Aber Isna meinte recht zutreffend, das wäre eine schlechte Idee, denn die gute Frau würde in den Intrigen völlig untergehen. Oder, wie sie es nannte, man sollte einen Goldfisch nicht unter Haie stecken, womit sie eindeutig recht hatte. Die Kleine hatte wirklich einen wachen Verstand. Das gefiel mir. Und nun erfuhr ich auch, woher ihre prekäre Situation kam. Die Ausbildung, die sie früher einmal genossen hatte bei den Alchemisten war eine recht kostspielige Sache gewesen, 400 Dublonen, die sie nun wegen einem Stipendium schuldete, und damit nur wenig günstiger als meine eigene Ausbildung es gewesen war. Faszinierend, wer hätte das erwartet? Und doch hatte sie wegen familiärer Schicksalsschläge die Ausbildung nicht zu Ende bringen können und steckte nun in ihrem Beruf als bezahltes Betthäschen fest. Hier sah ich doch tatsächlich Potential, das es noch zu heben und zu fördern galt. Aber nicht heute, ich hatte noch anderes vor.
Daher ging ich zum Tresen in der Empfangshalle und bat darum, mir Pergament, Schreibzeug, Siegelwachs und eine lederne Depeschentasche aufs Zimmer zu bringen, was anstandslos erledigt wurde, bevor ich mich vom Tisch verabschiedete und auf meine Unterkunft begab. Nicht um direkt zu schlafen, nein, ich verfasste zuerst noch einen Brief an unsere Freunde die Gerbelsteins.
Hochgeschätzte Herren Gerbelstein,
wie Ihr bei unserem Besuch feststellen konntet hat ein jeder von uns eine Stimme, wie ihr ja selbst bemerkt habt. Auch wenn nicht jede Stimme gleich ist, denn manche sind lauter und schriller, andere hingegen haben dafür mehr Gewicht. Letztendlich ergibt aber nur die Summe der Stimmen, zumindest derjenigen die zum entscheidenden Zeitpunkt auch wirklich erklingen werden, den rechten Chor der das Lied singt, das gehört werden wird. Sollte es dazu nötig sein eine disharmonische Stimme vorübergehend zum verstummen zu bringen zu müssen werde ich euch darüber in Kenntnis setzen.
Ich mag ehrlich mit den Herren sein, sowohl Eure Anliegen als auch Eure Angebote sind zum derzeitigen Zeitpunkt diejenigen, welche in meinen Augen, aber auch den zumindest der Mehrzahl meiner Begleiter, am förderlichsten für unser alle Wohlergehen. Weswegen ich eine Einigung zwischen uns und einen gegenseitigen Interessensausgleich als höchst Opportun betrachte. Männer wie Ihr gelangen nicht in die Positionen, in denen Ihr Euch befindet, weil sie nur das kurzfristige Ziel vor Augen sehen. Und ein Magus wie ich wäre ein schlechter Mann seiner Zunft, wenn er dies nicht ebenfalls täte. So mag einen der hochgeschätzten Herren die zusätzliche Position im Stadtrat irgendwann auch in das höchste Amt der Stadt befördern, vulgo noch von viel größerem Nutzen sein, als es dem schlichten Betrachter jetzt vor Augen liegen mag. Und so wie diese Aussicht sich später einmal als gewinnbringend erweisen sollte, mag auch das was ihr uns freundlicherweise in Aussicht gestellt habt darob noch mit einem kleinen Abschlag auf diesen Zinseszins versehen sein.
Ich erlaube mir hier, im Namen meiner Begleiter zu sprechen, obwohl ihr nicht davon ausgehen solltet, dass diese zwingend über diesen Schritt in Kenntnis sind. Betrachtet diese Zeilen als einen Gefallen, den ich denjenigen tue, die nicht über meine Weitsicht und meinen Willen die eigenen Interessen zu vertreten verfügen.
Ihr mögt also im wahrsten Sinne des Wortes unsere Stimmen haben, so Euch diese Vereinbarung gefällt, welche ich nun offeriere, basierend auf all dem was wir in Eurem Hause besprochen haben, versehen mit einem kleinen Aufschlag, der aber angesichts des Euch erwartenden Zugewinns immer noch lächerlich gering ist.
Ich erlaube mir, ausnahmsweise einmal, nicht mit meinen eigenen Interessen zu beginnen.
Der Dame Isna habt ihr bereits ein Großzügiges Angebot gemacht, welches nur geringer Ergänzungen Bedarf, aber der Vollständigkeit halber komplettiert werden sollte. Es wird Eurerseits dafür gesorgt, die Wahl der Mittel steht Euch selbstverständlich frei, dass die Kurtisane Keidre die Tarifa ihre Position und Macht in dieser Stadt oder ihr Leben verliert und fürderhin nicht mehr in der Lage ist Isna und ihrer Herrin Schaden zuzufügen. Bis dies erreicht ist werdet ihr in meiner Begleitung in Al’Anfa für sicheren Verbleib für Isna und ihre Schwester sorgen. Der kleine Aufschlag der nun mit ihrem Handel verbunden ist wird für das große Haus Gerbelstein keine Mühen verursachen, da ihr ja über ein Kontor in der schwarzen Perle verfügt. Der Dame Isna sei nicht nur ein kleines, sondern ein großzügiges Handgeld in Aussicht gestellt, ich denke 75 Dukaten wären durchaus angemessen, oder, sie habe da die Wahl, als ihre Gönner könntet ihr neben dem kleineren Handgeld wie im Voraus vereinbart der Dame ein Stipendium an der alchemischen Fakultät der Universalakademie von Al’Anfa stellen. Ihre Schwester fände darüber hinaus eine ordentlich bezahlte und angemessene Anstellung im Kontor Gerbelstein zu Al’Anfa, solange ihr Aufenthalt dort andauert.
Als nächstes sei der Herr Tulef genannt, dessen Stimme im Chor derzeit für die meiste Dissonanz sorgt, aber gerade deswegen ein gewisses Gewicht hat. Ein so profaner Kerl sei auch mit profanen Mitteln zufrieden gestellt. Soweit wir wissen steht er bei jemand in der Schuld und trachtet danach, sich aus dieser Verpflichtung zu lösen. Werft ihm einfach einen ausreichenden Batzen Gold, 100 Dukaten scheinen hier angemessen, vor die Füße. Und bietet ihm als Zulage freundlicherweise eine Position als Kontorleiter einer eurer weniger wichtigen Niederlassungen an, um ihn sowohl für die Zukunft im Auge zu haben als auch an eure Sache zu binden. Es möge bitte, nur aus meinem eigenen Interesse heraus, nicht die Niederlassung in Al’Anfa sein, da ich sonst befürchte den Herrn noch länger ertragen zu müssen. Alles nur Kleinigkeiten für Männer Eures Formates.
Der Herr Fjedril hat seine Wünsche ja bereits weidlich geäußert und dem ist nur wenig hinzuzufügen. Anstatt das er es erwerben müsste, macht ihm doch das gewünschte Laboratorium verbunden mit der Lieferung nach Paavi einfach zum wohlmeinenden Geschenk, so das er sein Gold einspare und damit anderweitige Einkäufe im schönen Mengbilla tätigen kann. Ich bin mir sicher, mit dieser Ersparnis wird er noch weidlich Ingredienzien und Exotika in dieser schönen Stadt erwerben können, um der Herrin seines Herzens in der Heimat noch weitere Freuden bereiten zu können. Vielleicht hat das großartige Haus Gerbelstein ja Interesse daran, eine kleine Niederlassung und Interessenvertretung im fernen Paavi einzurichten, wenn es schon einen Ansprechpartner vor Ort hätte, der hier die Zuführung der seltenen Waren der Nordlande fördern könnte? Vielleicht verfügt ihr ja über Männer oder Frauen, die ihr möglichst weit weg von Euch halten wollt?
Der junge Hagen hat sich ja nur wenig zu seinen Anliegen geäußert, deswegen erlaube ich mir, zwischen Euch und ihm zu vermitteln. Da er beständig darüber klagt, dass sein Geldbeutel so leer ist würde er sich über eine angemessene Füllung sicher freuen. Um ihn im Vergleich mit den Anderen nicht zu sehr zurückzustellen wären hier 75 Dukaten angemessen, wobei er sicher auch mit einem geringeren Anteil zufrieden sein würde. Sein persönliches Interesse gilt einer Person, die Aldrik vom Grauen Pfad genannt wird und sich angeblich in Mengbilla aufhält. So er noch hier weilt wäre es der zusätzliche Dienst Eurerseits, dafür zu sorgen das dieser die Stadt nicht verlässt, seinen Aufenthaltsort benennt und ihn wohlverschnürt dem Herrn Hagen übergebt, oder uns zumindest die Möglichkeit verschafft seiner habhaft zu werden. Da es sich den Berichten Hagens nach um einen Magus handelt seid gewarnt, das bei der Ergreifung arkane Unterstützung von Nöten sein mag. Sollten wir uns selbst darum kümmern müssen den Zugriff zu vollziehen bin ich aber gerne bereit hier den Herrn Hagen selbst zu unterstützen und meine Hilfe einzubringen, so dass ihr nur für die entsprechende Gelegenheit und Handlungsfreiheit unsererseits im Sinne der Stadtgesetze sorgen müsstet. Auch dies sicher kein zu hoher Preis, der Euer Säckel kaum belastet und nur wenig Aufwand bedeutet.
Zuguterletzt mag ich noch meine eigenen bescheidenen Anliegen vortragen, über die wir uns ja bereits weidlich einig waren und zu denen nur wenig hinzukommt. Ihr möget mir, und ich betone das dies für mich eine reine Formalie ist, da mich der Verlust wenig schmerzt und es hier eher ums Prinzip geht, meine abhanden gekommene Barschaft in Höhe von 161,02 Dukaten. Um den dreisten Dieb werde ich mich persönlich kümmern, das sei nicht Euer Problem. Desweiteren sichere das Haus Gerbelstein und Eure Stimme im Stadtrat die unverbrüchliche Treue Mengbillas zum schönen Al’Anfa. Verbunden damit ist die Lieferung eines kontinuierlichen Nachschubs an Mengbiller Feuer aus den Werkstätten der Alchemisten an die Flotte der schwarzen Perle, natürlich zu einem angemessenen Preis. Mein Anliegen ist, dass mit diesen Lieferungen verbunden sei dem Rat der Zwölfe mitzuteilen, wer für den Abschluss dieses Handels verantwortlich ist und mein Name die entsprechende Würdigung findet. Die kleine über das bereits vorher besprochene hinausgehende Zulage, die ich nun erbitte wird Euch geradezu lächerlich gering vorkommen. Der Transport des Feuers mag gegen einen „Beförderungszuschlag“ auf den regelmäßig zwischen Bethana und Al’Anfa verkehrenden Schiffen der Handelsgesellschaft Garangor-Zeforika-Pellisario erfolgen, so dass hier ein kleiner Gewinn hängen bleibt. Solltet ihr es bevorzugen die Ware aber eher mit Euren eigenen Schiffen und über Eure eigenen Kontore umzuschlagen, entschädigt mit einfach mit einem frischen Antidot der höchsten Güteklasse, welches sich vermutlich ohnehin bei Männern Eurer Position in Mengbilla sogar in der Nachttischschublade finden lässt. Ihr möget hier die Wahl haben, was Eurem Gusto besser entspricht.
Mein Dank für Eure Aufmerksamkeit. Wenn ihr mir kurz Euer Einverständnis zu meinen Vorschlägen übermitteln wollt, wäre dies zu freundlich.
Mit göttergefälligen Grüßen, Euch zutiefst verbunden, Euer Freund
Victor
Die Depesche versiegelte ich zur Sicherheit mit einem Custodosigil, den nur die Gerbelstein-Brüder würden öffnen können und übergab ihn an der Rezeption mit einem scharfen Hinweis darauf, wie und an wen er ausschließlich zu übergeben sei.
Als dies getan war legte ich mich dann aber doch zum Schlafen nieder. Nur um nach wenigen Stunden, es mochte etwa die erste Stunde nach dem Tageswechsel gewesen sein wieder geweckt zu werden.
Zunächst klopfte es nur zaghaft an der Zimmertür, wurde aber immer lauter, bis ich mich doch genötigt sah zu reagieren, auch wenn ich rechtschaffen müde war. Vor der Tür stand die Dame vom Empfang, dahinter gutaussehender Bursche mit blondem, wallendem Haar der eine Nachricht in Hand hielt. Es ginge um Leben und Tod habe man ihr gesagt, sonst hätte sie niemals gewagt meinen Schlummer zu stören. Ich nahm die Nachricht entgegen und ließ die Tür offenstehen, während ich das Briefchen öffnete. Schlauer wurde ich dadurch aber auch nicht, denn auch hier stand lediglich. „Es geht um Leben und Tod, kommt sofort. Keidre.“ Mit einem resignierten seufzen versicherte ich der Hotelangestellten, dass alles in bester Ordnung sei, schickte sie fort und folgte dem Burschen. Ihm war daran gelegen das Hotel heimlich zu verlassen, da immer noch ein halbes Dutzend Stadtgardisten und etliche Bettler wachte hielten, seine Herrin aber Wert darauflegte, dass diese Nacht nur zwischen uns blieb. Ich weigerte mich zunächst, mich selbst in der Nacht zu verkleiden und überlegte statt durch den Hinterausgang über meinen Balkon hinunter zu klettern. Aber als ich auf diesen hinaus trat schien auch hinter dem Haus jemand im Dunkel zu lauern und zu warten. Zudem hatte ich die Höhe ein wenig falsch eingeschätzt und es würde wohl doch etwas seltsam wirken, wenn ich mich nun an einem Seil, die angebrachten Rankgitter an der Fassade hätten mein Gewicht kaum getragen, die drei Stockwerke hinuntergelassen hätte.
Widerwillig überlegte ich es mir anders, da es niemand mitbekommen würde, wenn ich mich so unziemlich kleidete. Ich legte die einfachen Leinenhose und das Hemd an, warf einen Fuhrmannsmantel über und setzte einen Schlapphut den ich tief ins Gesicht zog, bevor ich das Hotel durch den Hinterausgang verließ. Allein das Gefühl so dermaßen unangemessen gekleidet zu sein ärgerte mich schon ein wenig. Ich folgte dem Burschen in die nächste Gasse bis hinunter zum Hafen wo schon ein Boot mit zwei Ruderern auf uns wartete. Kaum waren wir einige Dutzend Schritt aufs Wasser hinausgefahren, zog ich mich direkt auf dem schwankenden kleinen Kahn wieder um. Ich würde Keidre sicher nicht wie der letzte Pöbel unter die Augen treten! Es wackelte gewaltig, aber ich hielt mich problemlos Boot. Das hätte gerade noch gefehlt, dass ich ein nächtliches Bad im brackigen Hafenwasser genommen hätte.
Wir waren recht lange unterwegs, bis ganz ans andere Ende der Stadt noch hinter Medina Tulamidiya hinaus. Die Nacht war stockdunkel, da wir derzeit die Tote Mada hatten und ich konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Lediglich Phexens Juwelen leuchteten am Himmel und vereinzelte Lichter markierten, wo sich die Ufer befinden mochten. Aber die Ruderer erledigten ihre Arbeit mit sicherer Routine, anscheinend war es nicht das erste Mal, dass sie mitten in der Nacht durch die Stadt fuhren. Als wir endlich wieder anlandeten wirkte der blonde Bursche deutlich entspannter, anscheinend hatte er doch mit Komplikationen gerechnet. Das Eisentor mit den beiden Wachen davor, an das wi bald kamen, hatte ich vor wenigen Tagen erst beim Verlassen von Keidres Residenz gesehen. Innerlich wappnete ich mich und spekulierte, was die Dame heute für mich vorbereitet hatte. Würde sie jetzt schon ihre Daimonidenschaffung vollziehen wollen? Oder hatte sie einfach nur Lust auf ein weiteres Stelldichein mit mir? In der Empfangshalle ihrer Villa warteten schon etliche Diener und ich machte mich noch einmal kurz frisch.
Eine Sklavin wartete bereits auf mich, um mich wieder hinab in die Gewölbe zu führen. Der Weg hinab war düster, nur einige Kerzen erhellten die Treppe. Keidre lag lasziv wartend auf ihrem Sofa, vor ihr feinste Speisen und Wein auf einem edlen Tischen drapiert. Die goldenen Käfige um sie herum waren leer. Also hatte sie ihr Spielzeug beiseite geräumt – was bedeuten mochte, dass ich die Unterhaltung des Abends war. Der Blick mit dem sie mich empfing sagte schon alles – sie schien mich geistig regelrecht zu vernaschen. Wäre sie des Motoricus mächtig gewesen, ich vermute meine Kleidung läge längst zu meinen Füßen. Mit einem Lächeln nahm ich direkt neben ihr Platz, nicht einmal eine Hand breit zwischen uns. Offensichtlich war es genau das, was sie erwartet hatte, denn ihre Hände begannen direkt sich streichelnd auf meine Oberschenkel zu legen.
Die obligatorische Frage, wie es mir ginge beantwortete ich mit einem lakonischen „Gut, dafür, dass mich jemand vergiften wollte.“ Bei dieser Antwort schien sie kurz zu lächeln, aber es fiel mir schwer diese Reaktion zu deuten. Ich dachte nicht, dass der Anschlag in ihrem Auftrag geschehen war, aber sicher konnte ich mir da natürlich nicht sein. Oder wusste sie es einfach schon? Vermutlich. Es würde mich nicht einmal wundern wenn sie mir sogar hätte sagen können, auf wessen Konto das dilettantische Attentat ging. Aber sie schwieg nur lächelnd, bevor sie uns ein Gläschen zu trinken einschenkte. Wieder kredenzte sie mir den dunklen, fast schwarzen Wein, der typische metallene Geruch stieg mir in die Nase und ich nippte an meinem Kelch. Ich würde aufpassen müssen, dass dies nicht zur Gewohnheit wurde, wusste ich doch um die Gefahren, die mit übermäßigem Konsum verbunden waren. Davon war ich zwar noch weit entfernt, aber selbst um diese Scharade aufrecht zu erhalten würde die Herrin Rahja es sicher trotzdem nicht gern sehen, wenn ich mich ständig darauf einließ.
Als ich ihr nonchalant mitteilte, dass ich kurzzeitig sogar versucht war unseren Handel damit zu besiegeln, indem ich die Dame Orchais des Mordes bezichtigte, fuhren ihre Fingernägel mit einem schrillen Ton über den Rand ihres Glases. Da hatte ich anscheinend, wie beabsichtig, einen wunden Punkt getroffen. Ohne es nach außen zu zeigen musste ich grinsen, setzte aber ganz entspannt hinzu, dass wir mit unserem Urteil noch nicht zu einem endgültigen Beschluss gekommen waren. Und das was folgte war genau die Reaktion, die ich erwartet hatte. Natürlich präsentierte sie mir einen weiteren „Mörder“, nämlich sich selbst. Es war schon irgendwie lustig – in jeder anderen Stadt vermied man es tunlichst, als Mörder hingestellt zu werden, und hier schlugen sich die Leute regelrecht darum. Sie liebte diese Stadt und die Spiele, in hier gespielt wurden. Das konnte ich mir tatsächlich bei ihr gut vorstellen. Wo sonst hätte jemand wie sie ungestraft und ungestört agieren können? Und mit der entsprechenden zusätzlichen Machtposition… sie wäre nahezu unantastbar. Der renitenteste Abweichler in unserer kleinen Gruppe sei Tulef, wie ich ihr mitteilte, ohne ihn wäre es vermutlich recht einfach, zu einem einstimmigen Urteil zu kommen. Er war sozusagen er Sand im Getriebe unserer Zahnrädchen. Ich ließ aber lieber offen, zu wessen Gunsten dies ausfallen mochte. Ich konnte ihr ja schlecht ins Gesicht sagen, dass sie mit Sicherheit die letzte gewesen wäre, für die eine Entscheidung fallen würde. Apropos Tulef, ich schalt sie freundlich für ihre plumpe Herangehensweise, was seine Entführung anging. Ein Kopfgeld war doch recht einfallslos. Hätte sie ihm ein hübsches Mädchen oder gar einen Laraan geschicht, der triebgesteuerte Kerl wäre freiwillig bis hier in ihre Höhle gekommen. Der konnte sich ja nicht beherrschen, sein armseliges Würstchen in jeden sich bietenden Honigtopf zu tunken. Aber das ließ sie nicht gelten, denn dann wäre sein Verschwinden ja direkt auf sie zurückzuführen. Und so weit wollte sie sich dann doch nicht aus dem Fenster lehnen, jemand der im Dienst des Großemirs stand direkt anzugehen, dazu war sie zu vorsichtig. Da hatte sie einen Punkt, das musste ich ihr zugestehen. Aber wenn einige Bettler über ihn herfielen… das war natürlich etwas anderes. Dennoch würde immer noch alles Nötige vorbereitet, wie sie mir versicherte. Um Tulef würde ich mir keine Gedanken machen müssen… auch wenn es nur ein Spiel zwischen uns war, ich mochte die Art wie diese Frau dachte. Unter anderen Umständen hätten wir sicher hervorragend miteinander auskommen können. Ich gestand es mir nur ungern ein, aber mit jemand wie ihr an meiner Seite wäre es sicher deutlich leichter gewesen irgendwo selbst eine kleine Herrschaft aufzubauen. Diese absolute Skrupellosigkeit war auf eine ganz eigene Art anziehend. Aber ich hatte ja meine süße Visaria. Und mein Seelenheil würde ich natürlich ebenfalls nicht so leichtfertig auf’s Spiel setzen. Aber die Versuchung war da, das wollte ich gar nicht bestreiten. Wäre ich nicht gebunden, es hätte seinen Reiz gehabt Keidre in die Position zu bringen, an ihrer Seite zu bleiben und dauerhaft nach Mengbilla überzusiedeln. Um später vielleicht sogar ihren Platz einzunehmen, denn dauerhaft ließ sich auch eine Belkelel eine Seele nicht vorenthalten… aber das waren müßige Tagträume.
Und ich würde die Wahl ja auch nicht alleine treffen. Sie schnalzte mit der Zunge, das war ihr natürlich klar. Ihre Angebote wären, das versicherte sie mir, nicht so plump wie andere, die uns schon unterbreitet worden seien. Deswegen wolle sie mich überraschen. Und das gelang ihr nun zweifellos. „Aldrik, kommt ihr bitte?“ Die schweren roten Samtvorhänge wurden beiseite gezogen und ein Mann in recht ungewöhnlicher Robe kam auf uns zu. Alles an seinem Auftreten schrie „Magier“, bis hin zu dem Stab mit einem leuchtenden Kristall an der Spitze und dem Stirnreif den er trug, auch wenn die helle Robe die er trug nicht exakt dem Codex Albyricus entsprach. Schick und modisch war sie aber auf jeden Fall, das musste ich ihm lassen. Allerdings konnte ich nirgends ein Gilden- oder Akademiesiegel sehen, was die Einordnung recht schwer machte. Jemand aus den schwarzen Landen vielleicht? Ein Oroni hätte ja durchaus zu Keidres Gesellschaft gepasst.
Keidre ließ uns erst einmal allein, wir seien ja Brüder im Geiste, wie sie mit einem süffisanten Lächeln feststellte. Wenig verwunderlich stellte sich der Kollege als Aldrik vom Grauen Pfad vor, aber damit war es das letzte Mal, das etwas gewöhnlich blieb. Denn alles was nun folgte, war eine Überraschung nach der nächsten. Seine eigentlichen Interessen galten Informationen die er hier suchte, auch er wolle mit Raul wegen der Beschwörung von Göttern sprechen. Und dann begann der absonderliche Teil. Er stamme aus dem Güldenland, der Stadt Trivina, die sogar um ein Vielfaches größer als Gareth sei, und wäre ein Wesensbeschwörer. Die Art Magie zu wirken sei in seiner Heimat sehr unterschiedlich zu dem, wie es in Aventurien praktiziert würde, deswegen suche er verschwiegene Leute außerhalb der aventurischen Gilden, die ihm bei seinem Vorhaben helfen könnten. Indem er mir nun Details preisgab, gäbe er mir einen Vertrauensvorschuss, da Keidre mich empfohlen hatte. Ich wusste das durchaus zu schätzen. Kein Magier teilte sein Wissen gern einfach so, aber wenn er hier eine Ausnahme machte, musste es ihm wohl wirklich wichtig sein. Es gäbe zwei Varianten Wesensbeschwörer. Die einen seien Invokatoren, die aus einer Quelle heraus Wesen riefen. Er aber sei ein Inspirator, was wohl einer Art freiwilligen Besessenheit gleichkam. Mir war zwar schleierhaft, warum man sich das freiwillig antun solle, ich hatte da ja so meine unangenehmen Erfahrungen, aber sei es drum. Es mochte vielleicht Möglichkeiten geben, auch eine Besessenheit zum eigenen Vorteil zu nutzen.
Er habe zuhause von einem Kollegen einen Brief bekommen, den er mir nun zu lesen gab. Darin ging es augenscheinlich um eine alte Legende, die etwas mit Elfen oder Alben, Nordvölkern, Dämonen und Gestaltwandlern zu tun hatte. Sehr faszinierend. Wenn ich das richtig interpretierte ging es um ein Volk das dort Ban’Shi genannt wurde und mich ein wenig an unsere Nivesen erinnerte, zumindest was den Zusammenhang mit Wölfen betraf. Einer davon hatte sich offenbar durch eine Beschwörung in etwas verwandelt, was als Jun’ahldlu’shi bezeichnet wurde und vermutlich einem Daimoniden Menschen am nächsten kam der die Fähigkeit hatte, sich in seine Opfer zu verwandeln. Faszinierenderweise, das war ja höchst selten, hätte dieser Daimonid auch die Gabe der Fortpflanzung gehabt und so wandelten seine Nachfahren nach wie vor über die Welt. Wirklich interessant, aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass es so etwas auf Aventurien gab. Das hätten unsere Kirchen doch sicherlich bereits bemerkt und ausgerottet, oder?
Aldriks Ziel war nun das Wesen zu beschwören, der diese Jin’ahldlu’shi erschaffen hatte um seinen eigenen Gestaltwandler zu bekommen. Das musste ich dem Kollegen, ich bezeichnete ihn jetzt einfach einmal so, lassen, an Ehrgeiz mangelte ihm nicht. Nun wurde mir auch langsam klar, was Keidre mir für eine Rolle zugedacht hatte. Aldrik selbst war aber auf dem Gebiet der Beschwörung wohl nur wenig bewandert, hatte aber schon etwas vorbereitet, wie er mir nun eröffnete, als er mich nach Nebenan in eine Säulenhalle führte. Dort fand sich auf einem Podest ein großes weißes Heptagram mit brennenden Kerzen an den Zacken, bei dem ich zumindest keine groben handwerklichen Fehler feststellen konnte. Ansonsten war der Raum bis auf einige Bücher die links und rechts verteilt waren leer. Der wahre Name des Dämons sei ihm bekannt und er zeigte mir die Schriftrolle, in der er niedergeschrieben war. Die Sprache war jetzt nicht Zahyad im eigentlichen Sinne, sondern eine alte Albensprache, es ähnelte dem aber stark genug, dass ich den Namen erkennen konnte und ihn mir auch sorgfältig einprägte. Wer konnte schon wissen, wozu man das noch einmal brauchen könnte? Von der Konnotation würde ich den Dämon auf jeden Fall der Domäne Belkelel zuordnen. Das passte also ins Bild. Aldrik war wohl, und da kam Hagen Dornfeld ins Spiel, der Meinung gewesen, einer aus seiner Sippe sein einer dieser
Hätte gedacht einer aus Hagens sippe sei einer der Jin’ahldlu’shi und war daher in Weiden mit der örtlichen Obrigkeit und der Familie in Konflikt geraten.
Es war natürlich schon irgendwie schmeichelhaft, als der Kollege mich nun nach meiner kompetenten Meinung fragte, was es denn zur Beschwörung noch alles benötigen würde. Was ja keine triviale Angelegenheit war mit den wenigen Hinweisen die ich bisher hatte. Ich hätte in jedem Fall eine mondlose Nacht, so wie heute, empfohlen. Über die weiteren Sternenkonstellationen, referenzierend auf die Himmelsbilder der Nivesen mit ihren Wölfen, konnte ich aber wenig Aussagen. Da verwies ich lieber auf Fasar, wo der Erhabene Hablet ja sogar diese in seine Sternenkuppel integriert hatte. Nach der Geschichte war es aber sicher besser, wenn die Nivesischen Himmelswölfe keine Wacht am Firmament hielten. Von der Nutzung von Blut als Kraftquelle riet ich ihm ab, das machte die Beschwörung und Beherrschung nur unnötig schwer, aber unser beider vereinter Kräfte würde sicher ausreichend sein, sollten wir uns gemeinsam ans Werk machen. Das schien ihm durchaus zu gefallen. Das in der Geschichte von Liedern uns Gesang gesprochen wurde schon ich auf den ursprünglichen elfischen Anteil des Ganzen, darauf würde man bei einer wissenschaftlichen vernünftigen Herangehensweise sicher verzichten können. Ich traute mir auch ehrlich gesagt nicht zu, eine Beschwörung singend zu vollziehen. Das hätte sicher ein jämmerliches Gekrächze abgegeben.
Ein Menschenopfer fiel ja aus, aber dennoch würde man einen Menschen als Träger für die Verwandlung benötigen, es sei denn, er wollte das Wesen in sich selbst einfahren lassen. Aber weder als Donaria noch als Paraphernalia hätte ich einen Menschen empfohlen. Auf Grund der Affinität mit der Domäne Belkelel würde aber schwarzer Wein, Peitschen oder Neunschwänzige gut funktionieren. In den Gräbern der Familie Dornfeld habe er auch die Asche eines Gestaltwandlers gefunden. Da war ich mir sicher, diese wäre auch hilfreich. Noch besser wäre natürlich das Blut eines lebenden Gestaltwandlers. Und, wie famos, auch darauf hätten wir Zugriff, hatte doch Keidre anscheinend eines dieser Wesen unter ihrer Kontrolle. Zumindest halbwegs, denn auch sie wollte einen neuen, weil der ihre recht unkooperativ war und anstatt sich fortzupflanzen die Frauen die sie ihm zuführte nur häutete und ermordete, statt sich zu vermehren. Aha. Daher wehte also der Wind! Die beiden hatten ein gemeinsames Ziel, nur wer jetzt genau welche Rolle einnehmen würde oder wer wen wie am Ende hintergehen mochte war noch nicht ganz klar… ein anderes potentes Paraphernalium wäre sicher auch ein Quitslinga, selbst wenn der einer anderen Domäne angehörte. Aber der Aspekt der Gestaltwandlung war hier ja identisch. Da verwies ich allerdings lieber an die Halle der Geister in Brabak, meine Kenntnisse was diese Dämonen anging war bestenfalls rudimentär zu nennen, da wollte ich mich lieber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Als Träger, so viel stellte ich zum Abschluss noch fest, würde ich auf jeden Fall die Wolfskinder des Nordens, also Nivesen, vermeiden. Am besten sei vermutlich ein Waldmensch geeignet, die waren ja auch Wilde im weitesten Sinne, mit ihren spirituellen Ansichten bezüglich Kamaluq aber so weit von den Nivesen entfernt, wie man nur sein konnte. Und auch kein bereits domestizierter Sklave, es sollte schon ein Wildfang sein… wir passend, das morgen sogar Sklavenmarkt sei, meinte Aldrik.
Ich hatte die Zeit tatsächlich bei all der Fachsimpelei etwas aus den Augen verloren, das war wirklich ein spannendes Gespräch voll neuer, ungewöhnlicher Aspekte. Es wäre natürlich verwerflich, einen Menschen derart zu verwandeln und die Seele mit dämonischer Essenz zu beflecken. Aber aus rein wissenschaftlicher Neugier hätte es mich schon interessiert, wie so etwas von statten ging und funktionierte. Da war ich tatsächlich hin und her gerissen. Ich konnte, im wahrsten Sinne des Wortes, behaupten, dass der Austausch mit diesem Kollegen meinen Horizont erweitert hatte. In mehrfacher Hinsicht.
Wir verabschiedeten uns freundschaftlich voneinander, das würde hoffentlich nicht unser letztes Gespräch gewesen sein. Keidre kam die Treppe herabgeschwebt und sah mich wie ein süßes Kätzchen an, das kein Wässerchen trüben konnte. Eines, das man am liebsten gekuschelt und gestreichelt hätte. Aber da würde ich mich natürlich zurückhalten müssen. Sie wollte noch ein paar Worte mit mir wechseln und schickte Aldrik zurück an seine Arbeit. So sehr er fachlich bestimmt kompetent war, hier schien eindeutig sie das sagen zu haben.
Und sie hatte während ich mit Aldrik gesprochen hatte eine ihrer Meinung nach brilliante Idee gehabt, um möglichst viele Wünsche unter eine Haube zu bringen. Aber zuerst sprach sie mir eine Warnung aus, weil ich „ihr am Herzen läge“. Der Giftanschlag werde wohl kein Einzelfall bleiben, manche wollten uns lieber tot sehen, weil sie mit dem Spiel das da gerade lief nicht einverstanden waren und sich im Hintertreffen sahen. Für diese wäre es wohl besser, wenn wir tot wären, um nach neuen Regeln zu spielen. Je eher wir das Spiel also auflösten, umso sicherer für uns. So etwas in der Art hatte Isna ja auch bereits mehrfach angedeutet. Was natürlich nur Druck für diejenigen aufbaute, die um ihr Leben fürchteten. Dazu zählte ich mich allerdings nicht. Zur Not würde ich noch jeden Hai in dieser statt persönlich filetieren. Sie sollten sich lieber überlegen, wie sie eine vernünftige Kooperation mit mir zustande brachten, da war nicht zuletzt Keidre wohl eine der schlaueren. Aber das Isna, Tulef, Hagen und Fjedril sich sorgten, das konnte ich zumindest gut nachvollziehen. Keidre hatte also eine schlichte und einfache Idee. Sie würde ein Treffen im Hotel Palast arrangieren und ihren Gestaltenwandler als Großemir ins Rennen schicken der die Anderen überzeugen sollte, schnell für sie zu stimmen. Er sei des Spiels überdrüssig und habe seine Entscheidung nun selbst getroffen, weil wir so lange brauchen würden. Sie würden sich kaum dem Wunsch des Emirs widersetzen, richtig? Das konnte ich mir tatsächlich vorstellen das sie solcherart unter Druck gesetzt einknicken würden. Wenn ich sie nicht vorab über die Scharade aufklärte, denn angesichts meiner Verpflichtungen gegenüber der Rahjakirche kam das auf keinen Fall in Frage. Viel spannender wäre, wie ich selbst dann aus dieser Konstellation noch einen Vorteil für uns ziehen konnte. Fieberhaft begann mein Geist schon, einen neuen Plan zu schmieden, der den ihren unterlaufen würde. Allerdings fiel es mir recht schwer mich zu konzentrieren, weil Keidre sich nun auf meinen Schoß setzte, mich zärtlich ihren „kleinen Tiger“ nannte, die Finger an mein Kinn legte und mir einen tiefen und innigen Kuss auf den Mund drückte. Es gab so gewisse körperliche Reaktionen, die ließen sich angesichts der Situation nur schwer kontrollieren. Auch wenn es beim Gedanken an Visaria anfühlte, als würde ich gerade den schuppigen Kuss einer kalten Schlange erhalten.
Ich solle mir nur bewusst sein, wie sie meinte, das Schoßtier, der Dämon würde ihr gehören, nicht Aldrik, auch wenn dieser ihr geholfen hatte sich ihres derzeitigen Gestaltwandlers zu bemächtigen. Und wenn sie erst Großalmosarin wäre, würde sie mich auch mit ihren Freunden und Verbündeten in Kontakt bringen und in ihr weit verzweigtes Netz aufnehmen, davon könnte ich nur profitieren. Womit sie zweifellos recht hatte, aber dazu würde es vermutlich kaum mehr kommen, wenn die Dinge sich so entwickelten, wie ich es bereits im Hinterkopf hatte. Genau aus diesem Grund begann ich nun, meinen eigenen Plan in Bewegung zu setzen. Sie schien zum Glück nach wie vor mir gegenüber keinen Argwohn zu hegen, was ja für meine schauspielerischen Fähigkeiten sprach.
Ich schlug vor, dass sie Aldrik mitschicken sollte, wenn sie uns das Wesen in Gestalt des Emirs schickte. Wenn der Daimonid so eigensinnig war wie sie sagte wäre es nur gut, wenn er es überwachen würde. Und damit hätte ich den Mann auch aus ihrem Haus heraus und in unserem Zugriff, eine bessere Möglichkeit seiner Habhaft zu werden würden wir kaum bekommen, es sei denn, ich würde Hagen empfehlen in Keidres Anwesen einzubrechen – was für ihn sicher nicht gut ausgehen würde. Und so vereinbarten wir es am Ende auch. Der Emir würde uns über seine Sekretaria Jabshira, der gegenüber meine Begleiter kaum einen Argwohn hegen dürften und die sie mit einem kleinen Bestechungsgeld dazu bringen wollte, zur sechsten Stunde des Abends ins Hotel Palast zitieren. Um uns anschließend zur achten Stunde in seinem richtigen Palast offiziell zu empfangen. Auch die späte Zeit war mein Gedanke, denn ich würde noch das ein oder andere vorbereiten müssen, um meinen Plan zum Erfolg zu führen. Dazu würde ich sicher noch einen guten Teil des Tages benötigen. Und ein paar Stunden schlafen wollte ich auch noch, denn mir schien, die Nacht war nun schon recht weit fortgeschritten. Lockend kitzelte Keidre mich am Kinn mit dem Verweis, sie hätte hier auch noch ein paar ungenutzte Betten. Ein Angebot, dem ich selbstverständlich nicht nachkam. Ich hieß ja nicht Tulef!
Zuletzt fragten wir noch Aldrik, ob er bereit war an dem treffen teilzunehmen, aber er konnte Keidre den Wunsch ihr dienlich zu sein offensichtlich nicht abschlagen und würde dann an einem Nachbartisch oder eigenen Separee in direkter Nähe auf alles Acht geben. Das war gleich in zweierlei Hinsicht wichtig. Denn nur so schaffte ich ihn in unsere Reichweite. Und zur Not konnte er doch noch verhindern, dass der triebgesteuerte Daimonid einen meiner Begleiter häutete, falls er die Kontrolle über sich verlor. Das wäre schon recht ärgerlich – zumindest bei den meisten. Ich hatte einen Plan, und bis es soweit war würde ich sicher auch noch ein oder zwei Rückfallebenen ersonnen haben. Was also konnte sonst noch schief gehen? Ich war recht zufrieden mit mir, diese Nacht war bisher unerwartet erfolgreich verlaufen.
Keidre reichte mir zum Abschied die Hand, führte mich persönlich hinauf und küsste mich zum Abschied noch auf die Stirn. Es mochte etwa zur vierten Stunde gewesen sein, gerade färbte die Sonne den Horizont gen Rahja in zartrosa Pastelltöne. Todmüde fiel ich in meiner Unterkunft ins Bett, während mein rastloser Geist Zug um Zug Varianten dessen durchspielte, was sich heute noch abspielen würde. Und den Anderen würde ich diese neue Entwicklung ja ebenfalls noch irgendwie schonend beibringen müssen. Das würde sicher nicht von vornherein auf ungeteilte Begeisterung stoßen. Bei Hagen machte ich mir da keine Sorgen und auch Isna würde die Möglichkeit Keidre zu schaden sicher nicht zurückweißen. Aber ob Fjedril sich ohne Vorbehalte dem Plan anschloss war schwer zu sagen. Und Tulef, dieser subversive Dissident, war ja immer die Schwachstelle in jedem Plan. Mit diesen und ähnlichen Gedanken glitt ich hinüber ins Borons Traumreich.
Zu behaupten mein Schlaf wäre ausreichend gewesen, war allerdings übertrieben. Viel zu früh störte Isna mich mit penetrantem Klopfen, so dass ich schließlich widerwillig aufstand um ihr grummelig an der Zimmertür mitzuteilen, dass ich noch gedachte bis zur zehnten Stunde zu ruhen. Als ich mich dann zum späten Frühstück begab war ich alles andere als gut erholt. Immerhin waren die Anderen noch da, weil sich das Essen ob der Prozedur mit den Vorkostern – auf die ich selbst verzichtete – ziemlich in die Länge zog. Insbesondere Hagen, der schon wieder einen ganz passablen Eindruck machte, schien nach der gemachten Erfahrung recht vorsichtig zu sein bei allem was ihm angeboten wurde. Aber, wie man so schön sagte, irgendwann trieben Hunger und Durst es sicher trotzdem rein. Dann bereitete ich langsam und vorsichtig den Weg für den Abend. Meine Frage an Hagen, ob ich ihm etwas demonstrieren dürfte war natürlich rein rhetorisch, daher setzte ich auch recht verzuglos an und band Tulef in die nun anstehende Beweisführung ein. „Tulef, mein lieber, da dies ja euer Metier ist, was benötigt man um einen Schurken aufzuspüren und dingfest zu machen?“ Ich hätte von ihm doch irgendwie erwartet, dass er von selbst auf das naheliegende kam, aber da hatte ich ihn wieder einmal maßlos überschätzt. Selbst nach dem dritten Versuch zu raten blieb er mir die richtige Antwort schuldig, bis ich schließlich genervt das Rätsel auflöste. „Einen anderen Schurken natürlich!“ Dann wand ich mich an Hagen. „Wenn dies also das naheliegendste ist, was braucht man also um einen finsteren Schwarzmagier zu finden und zu fassen, Hagen?“ Der war offensichtlich mit der Auffassung deutlich schneller als Tulef und lieferte auch prompt die korrekte Antwort, wenn auch eher als Frage denn als Feststellung. „Einen anderen finsteren Schwarzmagier?!“ So war es natürlich. „Und hat euch das schon einmal jemand vorgeschlagen, Hagen? Was würdet ihr sagen, wenn ich euch erzählen würde, ich kenne diesen Aldrik mittlerweile nicht nur, sondern könnte euch auch sehr genau sagen, wo er zu finden ist?“ Die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Also erzählte ich, zumindest in Teilen, das ich die Nacht mitnichten faul im Bett verbracht, sondern produktiv genutzt hatte. Da alles Weitere aber nur für unsere Ohren bestimmt war, zogen wir uns dann doch lieber auf ein Zimmer zurück.
Die sich dort entspinnende Diskussion, ich musste einige der Details mehrmals wiederholen bis jeder meinen genialen Plan verstanden hatte, zog sich enervierend in die Länge. Insbesondere der Teil, wo ich Tulef und Hagen damit beauftragte sich um Aldrik zu kümmern stieß bei dem feigen Gesellen Tulef auch wenig Gegenliebe. Dabei musste er einfach nur schneller sein, als der Kollege würde zaubern können. War das denn zu viel verlangt? Es dauerte, bis ich die beiden davon überzeugt hatte, das Hagen eine bessere Möglichkeit, wenn überhaupt noch einmal eine, nicht bekommen würde. Und Isna hatte schwerste Bedenken, dass der falsche Emir mit einer Leibwache kommen würde, die uns das vorhaben erschwerte. Aber die würde ja kaum mit uns im Separee sitzen, das wäre wohl höchst ungewöhnlich. Also würden auch Fjedril und Isna nur schnell genug dabei sein müssen, des Daimoniden Herr zu werden. Gut, gerade Isna mochte da bedenken geltend machen wenn sie sich dem Wesen mit einem Messer stellte, was die Unversehrtheit ihrer Haut anging. Aber ein Restrisiko blieb ja immer. Und uns entsprechend zu wappnen, das war meine Aufgabe. Deswegen würden wir gemeinsam noch den Rahjatempel aufsuchen und um Unterstützung bitten. Fjedril, das muss ich sagen, hatte in der ganzen Diskussion noch den kühlsten Kopf und war erstaunlich einfach für mein Vorhaben zu gewinnen. Da hätte ich mir offensichtlich viel weniger Sorgen machen müssen.
Aber welche andere Option blieb ihnen denn? Tulef versuchte noch einmal schwach uns davon zu überzeugen seinen „Vater“ ins Amt zu hieven. Der Narr! Isna hingegen schien sich sinnvoller weiße schon für die Gerbelsteins entschieden zu haben und setzte dann erfolgreich ihre beträchtlichen Reize ein, um Tulef von einer Kooperation zu überzeugen. Gutes Mädchen! Dann musste ich wenigstens nicht noch ewig mit diesem Holzkopf diskutieren. So waren wir uns am Ende also doch alle einig und konnten in die konkrete Planung des Vorhabens einsteigen. Es war wohl ausgeschlossen, dass wir zu einer Audienz mit dem Emir hochgerüstet und bewaffnet erscheinen dürften. Aber hier hielt Isna, die einmal durch eine Sklavin aus dem Zimmer gerufen wurde, eine Lösung parat. Ihre Herrin Kaja würde dafür sorgen, dass unsere Waffen in den Salon des Hotels gebracht würden und besorgte für Isna sogar noch einige Schwadenbeutel, was uns nach dem „Mord“ am „Großemir“ zur von mir eingeplanten Flucht in den richtigen Palast verhelfen könnte. Und, auch das war auf Grund der Eigenschaft des Wesens, die Gestalt seiner gehäuteten Opfer anzunehmen wichtig, der echte Großemir schien sich bester Gesundheit zu erfreuen, wie uns versichert wurde. Aber davon war ich ausgegangen, das Spiel hätte sicher schon eine andere Wendung genommen, wenn Keidre den Großemir bereits in der Vergangenheit durch ihre Kreatur ersetzt hätte.
Die ganze Zeit über wartete ich leicht nervös, ob die Gerbelsteins eine Antwort auf meinen Brief schicken würden. Das hätte dem Ganzen sicher noch einmal eine motivierende Komponente für meine Begleiter hinzugefügt. Leider blieb dies aus, bis wir schließlich aufbrechen mussten. Ich war ja gewarnt, dass man uns auf der Straße nicht gerade wohlgesonnen war. Und mich jetzt tagsüber noch einmal wie ein Bauer herzurichten wo es alle sehen würden kam selbstverständlich nicht in Frage. Aber was wäre ich für ein Magus, wenn ich nicht auch dafür eine Lösung hätte? Und diese Lösung hieß Tulef.
Ich hieß den Burschen sich nützlich zu machen und am Hinterausgang als Ablenkungsmanöver hinauszurennen, einmal um das Hotel herum und einfach vorne wieder hinein. Das sollte er ja wohl unbeschadet hinbekommen, oder? Hagen mochte ihm dabei gerne helfen. Und gleichzeitig würde er damit alle Beobachter und Verfolger auf sich ziehen, während ich mit Fjedril und Isna, der ich bei dieser Gelegenheit noch ihren täglichen Dekaten gab, gemütlich kurz danach würde entschlüpfen können. Manchmal waren die einfachsten Ideen doch die erfolgversprechendsten, nicht wahr? Gesagt getan… und es dauerte so auch nicht lange, bis wir am Hafen unbehelligt in ein Boot stiegen, das uns zum Rahjahügel brachte.
Dort angekommen ließ ich uns von der niedlichen Akolutin, die mich wieder sehr freundlich begrüßte, zum Hochgeweihten bringen, der sich gerade im Tempel im Gebet befand. Bevor ich das Heiligtum betrat entkleidete ich mich und wusch mich im Becken mit dem heiligen Wasser, was Isna mir ohne jede Scheu nachtat. Nur Fjedril schien mit den Gepflogenheiten nicht sonderlich vertraut und machte einen etwas unbeholfenen Eindruck, aber vermutlich gab es diese Rituale da wo er herkam einfach nicht. Da war es vielleicht einfach zu kalt, um sich nackend vor aller Augen zu waschen. Und hier setzte auch bereits mein erster Notfallplan ein. Denn wenn es uns nicht gelang des Daimoniden Herr zu werden mochte es als letzter Ausweg nötig sein, dass ich, während Isna und Fjedril die Kreatur in Schach hielten, sie packte und vermittels Transversalis mit mir durch den Limbus riss – genau hier in das Becken mit heiligem Wasser. Das sollte die unheilige Bestie auf jeden Fall vernichte, dachte ich. Leider standen, dass musste ich anmerken, die Erfolgsaussichten für diesen Plan nur bedingt gut. Es war ja schon schwer uns Riskant genug sich alleine zu translozieren. Das ganze dann auch noch mit einer unwillig aggressiv zappelnden Dämonenkreatur im Arm… das würde meine Fähigkeiten auf jeden Fall herausfordern. Und ob das Biest dann am Ziel angekommen in seiner Rage nicht gleich versuchen mich ebenfalls zu häuten und zu zerfetzen stand noch einmal auf einem ganz anderen Blatt… aber ich musste mir diese Option für den Fall der Fälle zumindest offenhalten.
Der Hochgeweihte, den wir nach einem kurzen Gebet im Hinterzimmer trafen, war, als ich ihn in den Gedanken einweihte, nur wenig begeistert. Bewaffnete hatte er in seinem Haus wohl keine, die ihm da hätten helfen können, weswegen er zur Sicherheit ein paar Gardisten des Borontempels anfordern wollte. Und auch mein Wunsch, unsere Waffen mit einem Segen der Herrin Rahja zu belegen da die Kreatur der wir uns stellten vermutlich der Belkelel zugerechnet werden konnte, schien ihn auf Grund der Spontanität sichtlich zu überfordern. Aber am Ende hatte ich dann sein Wort, eine Sense für Fjedril, ein Dolch für Isna und mein Rosenholzpflock den ich noch von der Vampirjagd hatte wären rechtzeitig bei uns im Hotel.
Leider musste ich dem Geweihten auch beichten, dass ich bei meinem Auftrag wohl zumindest in Teilen versagt hatte. Denn den Part mit „sich nicht einzumischen, sondern nur zu berichten“ und mehr über das Netzwerk Keidres herauszubekommen hatte ich wohl gründlich vergeigt. Zu tief steckte ich schon persönlich in den Geschehnissen, um noch behaupten zu können ich wäre hier nur Beobachter. Aber wenn alles Gut und nach Plan ging würde sich das Problem für die Kirche ja ohnehin demnächst erledigen, also hatte ich kein allzu schlechtes Gewissen deswegen. Vielmehr spürte ich dabei so etwas wie bedauern. Unter anderen Umständen hätten Keidre und ich sicher sehr gute Freunde werden können. Die skrupellose Zielstrebigkeit der Frau, verbunden mit ihrem reizenden Äußeren und verspielten Art hatten schon etwas Anziehendes… Kein Vergleich und auf völlig andere Art und Weise als meine süße Visaria, und dennoch nicht von der Hand zu weißen. Aber dieses Opfer würde ich wohl bringen müssen. Schade eigentlich.
Nachdem wir diesen Teil meines Plans erledigt hatten ging es zurück ins Hotel, wo Hagen und Tulef bereits auf uns warteten. Meine Sorge was unsere Bewegung durch die Stadt anging war anscheinend unbegründet, wie mir Tulef mitteilte, denn um das Hotel warteten Gardisten der Stadtwache, die die Order hatten und unbeschadet wohin auch immer wir wollten zu eskortieren. Und Isna teilte uns noch mit, dass die Waffen zum Abend in einer Kiste im Salon des Hotels für uns bereit liegen würden. Ich wollte eigentlich gar nicht wissen auf welchen korrupten Wegen das nun wieder eingefädelt worden war. Die verbleibende Zeit des Nachmittags verbrachten wir in der Havarie und ich genoss noch so etwas wie eine Henkersmahlzeit, in diesem Falle allerdings kandierte Früchte und Kaffee, während diese kribbelnde Anspannung, diese nervösen wohligen Schauer von Stunde zu Stunde wuchsen, die sich immer dann meiner bemächtigten, wenn der Zeitpunkt der Entscheidung näher rückte.
Als es endlich soweit war ließen wir uns von sechs Gardisten zum Palast des Großwesirs bringen. Ganz offensichtlich wurden wir verfolgt, das Pack machte sich nicht einmal die kleinste Mühe uns heimlich nachzuschleichen. Aber selbst unsere Bedeckung vermied die engen Nebenstraßen und Gässchen, sondern hielt sich lieber auf der Hauptstraße. Und ich hatte ein waches Auge in die umgebenden Hauseingänge und Fenster, nicht das doch jemand meinte uns so kurz vor dem Ziel noch einen vergifteten Bolzen nachjagen zu müssen. Aber nichts dergleichen geschah.
Am Hotel Palast angekommen standen dort wieder zwei Wachen am Eingang und der Besitzer, Omar ibn Omar nahm uns lächelnd in Empfang. Als ich seine Frage, ob wir reserviert hätten, mit einem knappen „Ja, auf den Namen Großemir“ antwortete schien er ein wenig überrascht, führte uns aber sofort und anstandslos in den Salon und wies uns eines der geschlossenen Separees zu. Wir waren noch recht zeitig dran, was von mir durchaus so gewollt war um sich einen Überblick über die Örtlichkeiten verschaffen zu können. Leider war, vermutlich genau deswegen, auch noch nichts von Aldrik zu sehen. Dieser würde wohl kaum müßig stunden vorab am Treffpunkt herumlungern, sondern höchstens kurz vor dem falschen Großemir kommen, richtig? Immerhin war die für uns angekündigte Kiste im Salon zu sehen, was Omar ibn Omar in rechte Rage versetzte. Das Stück passte wirklich ganz furchtbar zu dem ansonsten edlen Mobiliar und verschandelte den Raum. Ich bot ihm daher an, das meine Handlanger, also Tulef und Hagen, diese gern beiseite Räumen würden, so dass sie nicht mehr im Weg stand. Tulef würdigte dies mit einem eisigen Blick und schien wenig einverstanden, aber das war mir egal. Der gute Mann sollte ruhig den richtigen Eindruck bekommen, wer hier der Herr und wer der Knecht war. Folgerichtig verschwand die Kiste nun in einem der leeren Separees. Blieb also nur noch zu klären, wie wir rechtzeitig an den Inhalt kommen mochten.
Zur vereinbarten sechsten Stunde hatte sich immer noch niemand eingefunden. Und von da an, leider musste ich das so sagen, ging es mit dem schönen Plan steil bergab. Natürlich wusste ich, dass kein Plan den ersten Feindkontakt überstand. Und das Phex es sich gerade bei mir zur Aufgabe gemacht zu haben schien, insbesondere dafür zu sorgen. Ich war mir fast sicher, der alte Fuchs saß jetzt irgendwo in einem Eck und lachte sich heißer über das, was nun geschah.
Also warteten wir. Und dann erklang ein hölzernes, regelmäßiges Klopfen, das ich kürzlich schon einmal gehört hatte. Kein Aldrik vom grauen Pfad. Auch kein „Großemir“. Wer gerade den Salon betrat und zielgerichtet an unseren Platz steuerte war Amir La, der König der Bettler. Mit diesem hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Sein selbstsicheres Lächeln verhieß nichts Gutes. Und damit sollte ich bedauerlicherweise recht behalten. Irgendetwas war hier verdammt schiefgelaufen, wie es schien. Nonchalant setzte sich der Alte zu uns an den Tisch und eröffnete mir, dass sich unser Besuch leider verspäten würde.
Das nun folgende Gespräch war recht einseitig und von seiner Seite auch sehr aggressiv geführt. Wie ein tollwütiger Terrier, der sich in einen Knochen verbissen hatte, drängte er uns ein ums andere Mal sein Angebot anzunehmen, wollte wissen was uns daran hindern würde und versprach das Blaue vom Himmel herunter. Jedes andere Gebot würde er überbieten wollen. Ich konnte regelrecht sehen, wie er meine Begleiter einschüchterte und mit seinen Worten in die Ecke drängte. Und dann setzte er dem Ganzen die Krone auf.
Mit einem Klatschen ließ er ein Tablett bringen, das von einer silbernen Servierhaube abgedeckt war. Mit einem selbstgefälligen Grinsen in Tulefs Richtung hob er die Haube ab – und der leblos starrende Kopf des „Vaters“ kam zum Vorschein. Das musste ich ihm lassen… was auch immer Tulef mit diesem Kerl ausgehandelt zu haben meinte, das Kartenhaus brach gerade schneller in sich zusammen als eine Strohütte im Orkan. Da hatte der Alte wohl ordentlich im eigenen Hinterhof geputzt und klargestellt, wer das Sagen hatte und wo die Loyalitäten liegen sollten. Unnötige Skrupel schien er jedenfalls nicht zu haben – was auch für uns kein übermäßig gutes Zeichen war, wenn wir seine Wünsche nicht berücksichtigen sollten. Tulef jedenfalls war jetzt bleich wie frisch gewaschenes Leinen und auf einmal ungewöhnlich wortkarg als ihm Amir La anbot, ihn zu seinem neuen Stellvertreter zu ernennen. Nicht der sicherste aller Posten, wie mir scheinen wollte, zumindest nicht, wenn man hinter dem Rücken des Alten versuchte sein eigenes Süppchen zu kochen. Dementsprechend war Tulef auch eher zurückhaltend was es anging, dieses Angebot anzunehmen. Aber, das will ich wohl meinen, der Posten hätte zu dieser verschlagenen Schranze durchaus gepasst. Der Kopf wurde zum Glück wieder abgetragen, zu appetitlich war der Anblick nicht. Wobei ich ihn gerne behalten hätte, den Kopf eines Verräters hätte ich als Donarium für diverse Dämonen gut gebrauchen können! Aber jetzt danach vor allen zu Fragen hätte wohl bei meinen Begleitern wenig Verständnis gefunden…
Als nächstes nahm der Bettlerkönig Isna in die Mangel. Allein die Drohung die er Aussprach, bald ihrer Freundinnen Kaja und An‘Ja habhaft zu sein, schien sie ziemlich zu treffen. Insbesondere, weil es vermutlich sehr sicher in seiner Macht stand das auch in die Tat umzusetzen. Aber unter seinem Schutz könnte nicht nur sie, sondern auch ihre Schwester und all ihre Freundinnen sicher sein. Das war ganz offensichtliche Erpressung der plumpsten Art. Aber nichtsdestotrotz recht effektiv, wie ich an Isnas Reaktion erkennen konnte. Die Sicherheit ihrer Familie und Freunde schien schwer für sie zu wiegen, wofür ich vollstes Verständnis hatte. Hätte der Kerl gewagt meine Familie zu bedrohen, ich hätte ihn ja direkt hier und jetzt zu Boron befördert. Sein versprechen an Isna, alle die er jetzt in seinem Gewahrsam hatte herzubringen und gehen zu lassen, sogar für ihre Auskommen und Sicherheit, einen Neubeginn an einem anderen Ort zu sorgen, schien auf fruchtbaren Boden zu fallen. Verständlich, wenn der Acker vorher mit Furcht ordentlich durchgepflügt worden war. Isna tat mir in diesem Augenblick wirklich leid. Ich hasste es, wenn Menschen die ich im weitesten Sinne als meine Freunde betrachtete so angegangen wurden, auch wenn ich die Kleine noch nicht sonderlich lange kannte.
Das Gold das er von uns als Sicherheit einbehalten hatte würden wir natürlich zurückerhalten, das sei keine Frage. Ja, er wollte es sogar verdoppeln, um unseren Ärger damit ein wenig auszugleichen. Das war, zumindest in meinem Fall, ein Argument, das nicht zu vernachlässigen war. Es stimmte natürlich, angesichts meines Gesamtvermögens wäre der Zugewinn von weiteren 160 Dukaten eigentlich zu vernachlässigen… aber es waren immerhin einhundertsechzig gute Argumente. Mancher sah sein Lebtag nicht so viel Geld auf einmal beisammen, und hier wollte mir der Alte das Geld quasi einfach hinterherwerfen. Ich war ja nicht unbedingt Goldgierig, aber der Gedanke nistete sich im Hintergrund durchaus in meinen Kopf. Einen schlechten Schnitt würde ich hier auch nicht machen…
Ich musste dem Kerl zugestehen, er wusste wie man seinen Standpunkt verdeutlichte. Und dass man in einer Verhandlung, in der man das Heft des Handelns in der Hand hielt nicht nachlassen durfte. Also setzte er dem ganzen noch einen drauf und ein weiteres Tablett wurde gebracht. Als Amir La den Blick Hagen zuwandte ahnte ich Schlimmes – und ich sollte, leider, wieder einmal recht behalten. Auf de, Tablett präsentierte er uns den Kopf Aldriks. Kein Wunder also, das dieser nicht hier im Salon auf uns gewartet hatte. Damit hatte er Hagen, sprichwörtlich gesagt, im Sack, denn alles was dieser sich in Mengbilla erhofft hatte war damit ja erledigt. Ich sah es an seinem Gesichtsausdruck, dass er jetzt regelrecht ratlos war, was er denn noch für Argumente hätte ins Feld führen sollen um das Ansinnen des Alten abzulehnen. Das einzige Gute an der Sache war, das Keidre die Tat nun kaum mir würde anlasten können. Freilich, sie wäre nach wie vor recht unglücklich über den Verlust ihres persönlichen Zauberers, aber immerhin war nun Amir La und nicht ich schuld daran. Man musste immer versuchen das positive an der Sache zu sehen. Ihr Hasse jedenfalls würde sich so ein ganz neues Ziel suchen.
Und nun begannen die „Verhandlungen“ erst richtig. Reihum fragte Amir La, von Minute zu Minute erregter und aggressiver werdend, was wir den noch von ihm wollen würden. Jeden einzelnen von uns nahm er sich nun vor, presste die Antworten aus meinen Begleitern heraus als wären sie Zitronen, die er nun lange genug bearbeitet hatte. Jeder knickte ein. Isna bestand darauf, dass auch Keidre beseitigt werden müsste, und er versprach ihr dies innerhalb von zwei Jahreszeiten zu erledigen. Wir hätten alle Sicherheit in Mengbilla die wir uns wünschten, dafür würde er jetzt und in Zukunft sorge tragen. Das Gold und noch einmal das Doppelte ließ er auf weiteren Tablets heranschaffen, so das wir unsere Anteile direkt an uns nehmen konnten als er einmal kurz den Raum verließ um dafür zu sorgen, das Isnas Schwester und Shirin sicher herbeigebracht würden. Diese kurze Zeitspannte nutzten wir, um uns noch einmal zu beraten, aber tatsächlich waren nach und nach allen außer mir vielleicht die Argumente ausgegangen, warum der Handel mit den Gerbelsteins nun der Bessere wäre.
Als er zurückkahm nahm er sich zuletzt mich vor. Den Daimonid, den er ebenfalls schon einkassiert hatte, würde er binnen einer Woche dem Rahjatempel übergeben. Und neben dem doppelten Gold sollte auch der regelmäßige Handel mit Mengbiller Feuer über die Schiffe meines Vaters als getarnte Fracht in die Wege geleitet werden. Eine Kleinigkeit für ihn, wäre doch Schmuggel, was für ein hässliches Wort dafür, sozusagen sein Tagesgeschäft. Und das Antidot, das ich mir als Dreingabe von ihm wünschte – er war schon recht genervt als ich endlich bei dieser letzten Forderung angekommen war – sollte ich ebenfalls bekommen. Nun gut… was konnte ich jetzt noch einwenden? Auf den Wunsch nach dem Corpus Mutantis beim Händler verzichtete ich dann angesichts seiner schwindenden Geduld doch lieber.
Er wäre sogar bereit extra für uns im Hafen des Großemirs ein Schiff mit allem gewünschten bereitzustellen, das uns und alle die wir mitnehmen wollten sofort wohin auch immer wir wollten brächte, wenn es uns nicht zurück in die Stadt zog.
Ich hätte zwar gerne noch meine Anliegen bei Alrik Gerbelstein und dem Händler Ankbesi erledigt, aber das würde ich sicher auch noch per Depesche abwickeln können. Es schien, als hätte keiner von uns übermäßig das Bedürfnis, unbedingt länger als nötig in Mengbilla zu bleiben.
Da die Zeit fortgeschritten war, wir würden ja zur achten Stunde beim Großemir erwartet, ließ er uns nun mit einer finalen Aufforderung „die richtige Entscheidung“ zu treffen allein, als Kaja eintrat, Isna zunickte und ihre bestätigte, dass alle auf die es ankam bei ihr zu Hause in Sicherheit seien. Das also schien er zumindest zu halten.
Viel Zeit blieb uns nicht. Und daran, dass wir bald recht überhastet die Stadt verlassen würden, hatte ich auch eher wenig Zweifel. Daher eilten wir unter Bedeckung der Wache zurück in unser Hotel um all unsere noch dort verbliebene Habe einzusammeln. Meine Tasche lastete schwer auf meiner Schulter. Immerhin befanden sich jetzt noch einmal vier Stein mehr Gold darin also vorher. Das zog mich doch einseitig ziemlich herunter, auch wenn ich mich mit dieser Art der Belastung durchaus anfreunden konnte. Auch auf diesen Wegen durch die Stadt wurden wir noch verfolgt, aber jetzt wusste ich ja, das dies nicht mehr von Dauer war.
Als wir am Palast angelangten wurden wir nicht nur neugierig beobachtet, sondern davor stand eine ganze Phalanx an Wachen Spalier, bis wir das Sicherheit versprechende, schmiedeeiserne Tor passiert hatten. Suljabeth erwartete uns bereits und nahm uns in Empfang, brachte uns aber auf einem völlig neuen Weg in die Tiefen des Palasts durch unterirdische Gänge. Es ging anscheinend diesmal eher Richtung Süden, zur Küste hin. Das Ziel war ganz offensichtlich nicht der Audienzsaal des Emirs. Als sie uns in einer Kammer zu warten hieß setzte ich noch schnell eine Nachricht an den Rahjatempel auf, dass der Daimonid bald bei ihnen abgegeben würde und sie sich entsprechend darauf vorbereiten sollten, die ich der Secretaria zu treuen Händen übergab, als wir abgeholt wurden. Unsere Waffen mussten wir selbstverständlich wieder abgeben.
Sie führte uns durch ein großes, prachtvoll geschnitztes Mohagonitor in einen kreisrunden Saal um den prächtigen Säulen herumliefen. Auf einem erhöhten Podest wartete bereits der Großemir in seinem Sessel. Hinter ihm hingen prunkvolle Wandteppiche, die Szenen aus der Geschichte Mengbillas zeigten. Ich erkannte den Krieg gegen die Priesterkaiser und eine Darstellung der Haiflotte. Alles in allem eine wirklich imposante Szenerie, aber genau das war wohl auch der Sinn dahinter, uns hier ins Zentrum der Macht Mengbillas zu zitieren. „Willkommen in der Halle der Haie,“ wurden wir in Empfang genommen. Vier schwer gepanzerte Wachen standen schützend hinter dem Großemir. Als wenn wir so dumm gewesen wären diesen mächtigen Herrscher hier zu konfrontieren. Aber ich verstand schon, das gehörte zum Spektakel und Zeremoniell. Der Rabe von Al’Anfa hatte ja auch stets seine Garde bei sich, egal ob er sie benötigte oder nicht.
Wir knieten kurz nieder, bevor wir uns wieder erheben durften um vorzutreten. Mit einer huldvollen Geste forderte uns der Großemir Ankbesi auf, ihm die Ergebnisse unserer Ermittlungen zu präsentieren. Ich hatte mir bereits alles zurecht gelegt, da ich mir sicher war, das ich der einzige wäre der bereit war das Wort für uns zu ergreifen. Beweise und Argumente in der richtigen Reihenfolge hatte ich parat, auch wenn sie nun etwas anders aussahen als ich sie vorbereitet hatte. Aber Improvisation war ich ja gewohnt. „Euer Gnaden, wir sind zu einem einstimmigen Urteil gekommen. Der Name des Mörders ist Amir La. Und…“ weiter kam ich nicht. Die Mühe hätte ich mir sparen können wie es schien.
In dem Augenblick als ich unser Urteil verkündete fielen die Wandteppiche zu Boden. Dahinter standen sie alle, die Mächtigen und Wichtigen Männer und Frauen Mengbillas. Einhellig klatschten sie Beifall, während der Alte nun die Glückwünsche der Ausgestochenen entgegennahm. Ich blickte mich um und sah auch Raul ibn Reto und Keidre unter den Gästen. Aber in diesem Augenblick waren wir wohl nur noch schmückendes Beiwerk, denn die Aufmerksamkeit richtete sich direkt auf den Großemir und den „Mörder“ als sich die Tore der Halle öffneten, Musiker hereinkamen und alles für ein großes Fest herbeigebracht wurde. Wir standen herum wie bestellt und nicht abgeholt. Keidre warf mir einen giftigen Blick zu, sie war wohl etwas enttäuscht, dass ich nicht sie ausgewählt hatte. Aber das würde sich geben, so oder so, wie ich hoffte.
Auch Raul kam einmal zu uns herübergeschlendert um uns zu unserer „tollen Leistung“ zu gratulieren, auch wenn er etwas enttäuscht war, das wir ihn im Laufe der Ermittlungen nicht besucht hatten. Aber, und das fand ich recht erfreulich, ich dürfte ihn gerne einmal in Fasar besuchen, wenn ich weiter Interesse an seinen Forschungen hätte. Darauf würde ich in jedem Fall zurückkommen, das nahm ich mir fest vor.
Auch die Gerbelsteins kamen im Laufe des Abends zu uns herüber und wollten wissen, was an ihrem Angebot falsch oder unzureichend gewesen wäre. Zerknirscht musste ich ihnen gestehen, dass es nicht ihr Angebot selbst gewesen war. Sie seien lediglich nicht die letzten gewesen, die eine Offerte vorgelegt hatten. Zumindest schienen sie es nicht persönlich zu nehmen, das war ein kleiner Lichtblick.
Ein halbes Stundenglas später holte uns der Großemir in ein Nebenzimmer. Ich hatte den Eindruck, er war mit unserer Wahl nicht unbedingt glücklich. Oder wie sonst sollte ich seine Aussage interpretieren, „Wenn man den Pöbel suchen lässt, findet er den Pöbel.“ Das hätte ich schon fast als Beleidigung auffassen können, hätte es sich auch mich und nicht meine Begleiter bezogen. Zumindest, so konstatierte der Emir, würde sich unsere Wahl nicht in seine Belange über Krieg und Frieden einmischen, er hätte jetzt endlich freie Hand zu entscheiden wie es ihm beliebe. Und er wisse nun, auf wen er sich in seiner Stadt wirklich konzentrieren müsse, wer die wahre Macht in Händen hielt und auf wen es zu achten galt. Dann schob Jabshira einen Beutel mit dem versprochenen Gold über den Tisch, damit wir dies unter uns aufteilen konnten. Ein Almosen, im Vergleich um das, worum es wirklich gegangen war. Aber ich konnte mich ja nicht beschweren. In seinem Hafen würde sein Schiff auf uns warten, um uns umgehend wohin auch immer wir wollten zu bringen, außer wir würden es bevorzugen noch ein wenig Zeit in der Stadt zu verbringen. Wir sahen uns an. Es war offensichtlich das keiner von uns angesichts der aktuell vielleicht stellenweise prekären Stimmung unbedingt länger als unbedingt nötig bleiben wollte. Darüber hinaus, so der Emir, seien wir natürlich jederzeit in Mengbilla willkommen. Sicher waren wir das… nur vielleicht nicht jedem seiner Haie in gleichem Maße. Allerdings hätte sich wohl der Grund warum mancher uns nach dem Leben trachtete gerade eben erledigt. Es mochte höchstens noch Einzelne geben, die etwas nachtragend waren. Aber wer das sein könnte wollte mir nicht unbedingt einfallen. Ich wüsste zumindest niemand, dem ich so auf die Füße getreten war, das er mir langfristig Gram sein sollte. Damit war es zumindest nicht auszuschließen, dass ich doch irgendwann einmal zurückkehren würde. So schlecht war Mengbilla eigentlich gar nicht. Die Freiheiten die man hier genoss sprachen auf jeden Fall dafür.
Da wir nicht zur Feier der hohen Herrschaften geladen wurden packten wir unsere Sachen zusammen und begaben uns auf das wartende Schiff. Da sowohl die wichtigste Person als auch der Großteil von uns nach Al’Anfa wollte war das Ziel recht schnell bestimmt. Wer unterwegs aussteigen wollte würde dies ja tun können. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass nichts von dem was uns Amir La versprochen hatte auf dem Schiff auf uns wartete. Das hatte ich jetzt auch nicht zwingend erwartet, aber ich würde ihn beizeiten noch einmal mit einer Depesche an seine eingegangenen Verpflichtungen erinnern.
Erfreulich war aber, als wir den Hafen gegen die elfte Stunde der Nacht verließen, dass sich ein größeres Ruderboot unserem Schiff näherte. Nicht heimlich, sondern mit Lampen und allem, und uns mit einem freundlichen Ahoi anrief. Der Kapitän schickte zwar bewaffnete Wachen an die Reeling, aber das wäre gar nicht nötig gewesen. In dem Boot wurden Kaja, Isnas Schwester und An’Ja zu uns gebracht. Letztere hatte ich schon einmal gesehen, sie war während des Verhörs bei Kaja als Wache dabeigestanden. Auch Hagen erhielt seinen Speer, anscheinend ein altes Familienerbstück an dem er sehr hing, wieder. Das monströse Ding war einfach zu lang gewesen um es in der Kiste unterzubringen, die für den Waffenschmuggel genutzt worden war. Auf jeden Fall schien Hagen sehr glücklich und erleichtert darüber. Das gönnte ich ihm. Kaja verabschiedete sich mit einer freundschaftlichen Umarmung von Isna, steckte ihr dabei einen Zettel zu und flüsterte mit ihr, aber ich konnte nichts verstehen. Was die beiden wohl noch für Geheimnisse hatten?
Dann setzten wir die Segel und ließen Mengbilla endgültig hinter uns.
Auf der folgenden Fahrt durfte ich Isnas Schwester, auf die ich zugegebenermaßen recht neugierig war, ein wenig kennenlernen. Ma’navi war erst dreizehn Götterläufe alt und 72 Finger klein. Ihre rotbraune Haut und die schwarzen Haare verrieten ihr Waldmenschenblut. Die Kleine zierlich zu nennen wäre geschmeichelt, hager traf es eher. Es war wohl noch nicht so lange her, dass sie auch vernünftig zu Essen bekommen hatte. Aber abgesehen davon war sie ein ziemlich süßes Mädchen. Ich musste wirklich aufpassen, dass ich es nicht zur Gewohnheit werden ließ bei jeder meiner Fahrten derzeit ein junges Ding aufzulesen und mit heim zu bringen. Das würde Visaria irgendwann sicher nicht mehr tolerieren. Aber diesmal konnte ich ja wirklich nichts dafür, oder?
Nach einigen Tagen auf See bat ich Isna und Hagen in meine Kajüte. Ich wusste ja, dass beide nicht zu den begütertsten Menschen gehörten. Hagen hatte noch eine längere Heimreise vor sich, da würde er ein wenig Geld benötigen. Und je nachdem wie Isna ihre Zeit in meiner Heimat verbringen wollte würde sicher auch nicht unglücklich sein, wenn ich ihren Neustart unterstützte. Das restliche Handgeld des Großemirs teilte ich auf die beiden auf, es waren noch 9 Dukaten übrig, so dass jeder die Hälfte davon bekam. Und aus meinem eigenen Säckel legte ich noch einmal 20 Dukaten für jeden der beiden drauf. Damit würden sie hoffentlich eine Zeit lang über die Runden kommen.
Nach einigen Überlegungen, ich musste da wirklich schwer mit mir kämpfen, beschloss ich zuletzt noch, dass ich auch Tulef nicht leer ausgehen lassen würde, so sehr mir der Bursche auch zuwider war. Also wollte ich auch ihm bevor er das Schiff verließ einen Beutel mit 20 Dukaten in die Hand drücken – und bat Phex gleichzeitig, dass er mir möglichst nicht noch einmal über den Weg laufen würde. Aber so musste ich ihm gegenüber zumindest kein schlechtes Gewissen haben. Zu meinen grenzenlosen erstaunen lehnte dieser das Angebot allerdings mit den Worten „Meinst Du das macht es wieder gut …?“ dankend ab. Abgesehen davon, dass ich mitnichten irgendetwas gut zu machen hätte, ihm war ja überhaupt nichts passiert, schien es mir fast schon abnorm, dass der Kerl damit das erste Mal überhaupt so etwas wie Rückgrat gezeigt hatte. Blieb nur zu hoffen, dass dies nicht Phexens Art gewesen war mein Gebet zu erhören und er mir damit sagen wollte, das mein Wunsch unerfüllbar blieb. Der göttlichen Fuchs war so ein Winkelzug durchaus zuzutrauen, da musste man ja vorsichtig sein, worum man bat.
Darüber hinaus verlief die Heimfahrt schon fast erdrückend ereignislos, bis wir endlich in den heimatlichen Hafen zu Füßen des Kolosses einliefen. Was freute ich mich darauf, endlich Visaria und meine Familie wiederzusehen. An’Ja verließ uns bald nachdem sie sicher war, dass es Isna und ihrer Schwester hier gut geht würde. Aber da brauchte sie sich nicht zu sorgen, darum würde ich mich persönlich kümmern.