Sedef drückte sich in den Hauseingang schräg gegenüber der Tür, die er beobachtete. Mehr als zwei Stunden lang hatte er geduldig in der düsteren Gasse gewartet, bis Abdul ibn Yussuf und sein Leibwächter das Haus verließen. Die Sonne war bereits hinter den Dächern von Fasar verschwunden, und die Straßen waren von einem bedrohlichen Schatten umhüllt. Sedef spürte die Anspannung in der Luft, als seine Beute endlich auftauchte. Doch kein Weg ist zu lang für den, der langsam und ohne Eile vorwärts schreitet.
Langsam folgte er den beiden, als sie die Straße herunter gingen. Als sie nach einer Weile nach links in eine kleinere und dunklere Gasse abbogen, wusste Sedef, dass es Zeit war zu handeln. Er atmete tief ein und aus. Einen Weg zu wählen, hieß, einen anderen aufzugeben. Doch nun durfte er nicht zögern. Mit gemessenen Schritten schloss er zu den beiden auf. Seine Füße in den Samtpantoffeln verursachten kaum Geräusche. Der Kaufmann und seine Wache waren in ein leises Gespräch vertieft und hörten ihn nicht. Geräuschlos flogen seine beiden Djanduk flogen aus ihren Scheiden. Die lange Klinge am Gürtel des Söldners würde ihm in dieser Enge kaum von Vorteil sein.
Mit präzisen Bewegungen schnitt seine linke Klinge durch die linke Kniekehle der Wache, im schmalen Spalt zwischen dem herabhängenden knielangen Kettenhemd und dem Schaft seiner Stiefel. Der Söldner brach sofort in ein Knie und stürzte, vom Schwung seiner Bewegung und dem Gewicht seiner Rüstung getragen, vornüber wie ein gefällter Baum. Die rechte Klinge ruhte in diesem Moment bereits unbewegt an der Kehle des grau gewandeten Händlers. Hilflos drehte sich der Söldner auf den Rücken und versuchte aufzustehen, doch sein Bein versagte ihm den Dienst. Er schien verwirrt und sein Gesicht war schmerzverzerrt. In seiner halb liegenden Position gelang es ihm nicht, seinen Khunchomer aus der Scheide zu ziehen.
Sedef trat einen Schritt näher an den Kaufmann heran, sein Gesicht von einem kalten Ausdruck gezeichnet. Der Kaufmann stand erstarrt da. Die Klinge an seinem Hals bewegte sich keinen Deut.
"Dein Leben hängt von meiner Gunst ab.", flüsterte Sedef mit eisiger Stimme. "Ich könnte dich hier und jetzt töten und dein Blut über Boden und Wände dieser Gasse verspritzen, Sag deinem Bediensteten, er soll sich nicht bewegen."
Der Kaufmann stammelte vor Angst und nickte gehorsam. "Alrik, tu nichts!", keuchte er.
"Ich nehme an, ich habe deine Aufmerksamkeit?", fragte Sedef bedrohlich leise. Der Kaufmann deutete ein Nicken an. Er wagte nicht, seinen Kopf weiter zu bewegen. Der Stahl an seinem Hals spiegelte ein Licht, das von weit oben, wo die oberen Etagen der einander gegenüberliegenden Häuser sich fast berührten, in die halbdunkle Gasse fiel.
"Mein Herr wünscht, in Ruhe seinen Geschäften nachgehen zu können", begann Sedef. "Er schätzt es nicht, dabei gestört zu werden. Hast du das verstanden?"
Wieder ein vorsichtiges Nicken.
"Noch weniger schätzt er", fuhr Sedef in Ruhe fort, "wenn ihm unnötige Kosten entstehen. Verstehst du das?"
Nicken. Die am Boden liegende Wache stöhnte leise, wagte aber ebenfalls nicht, sich zu bewegen.
"Gut", stellte Sedef fest. "Doch leider sind meinem Herrn unnötige Kosten entstanden", fuhr er mit bedauerndem Tonfall fort. "Eines seiner Geschäfte wurde beschädigt und zwei seiner Bediensteten verletzt. Wusstest du das?"
Der Kaufmann nickte. Seine Augen fuhren nervös zur Seite. Er schwitzte stark.
"Ich werde gleich meine Klinge senken und dich am Leben lassen", begann Sedef. "Dann werde ich gehen. Du aber", führte er aus, "wirst die Kreise meines Herrn niemals wieder stören. Sind wir uns einig?"
Sedef wartete auf eine Antwort. "J...ja", stammelte der Kaufmann.
"Gut", stellte Sedef fest. Er senkte seine Klinge und trat rasch zwei Schritte zurück. Dann wendete er sich um und ging bis kurz vor die Einmündung der Gasse in die Werkzeugmacherstraße. Seine beiden Klingen hatte er bereits wieder verstaut. Dann blickte er über die Schulter zurück. Die beiden Männer hatten sich kaum bewegt. Der Kaufmann betastete mit der linken seine Kehle.
"Eines noch", Sedefs Stimme klang beinahe beiläufig, "Wenn eines der Geschäfte meines Herrn nochmals beschädigt wird oder einer seiner Bediensteten zu Schaden kommt, dann töte ich dich vor den Augen deiner Familie." Damit wandte er sich ab und tauchte um die Ecke in das rege Treiben des Handwerkerviertels ein.
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Als Sedef die Geschäftsräume seines Auftraggebers betrat, blickte dieser auf. Er war ein ernster und verschlossener Mann. Er wartete in einem schlichten Raum, umgeben von dunklen Schriftrollen. In seinen Augen stand Missfallen. "Du bist wirklich der schlechteste aller Leibwächter", tadelte er. "Wie kann ich mich auf einen Leibwächter verlassen, der nicht anwesend ist, wenn ich ihn brauche? Was wäre gewesen", fuhr er eindringlich fort, "wenn Yussufs Männer während deiner Abwesenheit zurückgekehrt wären? Wie könnt ihr mich so verteidigen?"
Sedef sah die Besorgnis im Ausdruck des anderen Mannes. Doch seine Miene blieb stoisch. Die Aufgabe war erledigt. Dies war eine Last, die er alleine trug. "Jawohl, Sahib", antwortete er mit gesenktem Blick. "Es wird nicht wieder vorkommen."