Tagebuch von Sedef ibn Ahad Sal’Marwan al’Nazzar
Das Unschuldige Zeugnis der Stille

Sedef bewegte sich trotz seiner Schmerzen lautlos über den düsteren Innenhof, bereit, jederzeit zuzuschlagen. Das blutige Krummschwert hielt er ausgestreckt mit der Linken vor sich. Die Rechte war auf die Wunde auf seiner linken Seite, knapp über den Rippen gepresst. Omar al‘Shafir, genannt der Schöne Omar, hatte ihm nicht den Gefallen getan, von allein zu sterben. 

Lange hatte er sich in der Schreibstube des Gefolgsmannes Manach ter Gooms, einem der Erhabenen Fasars, versteckt. Lange hatte er sein Ziel studiert und wusste um seine Gewohnheiten. In dieser Stube sollte er sein letztes Kapitel schreiben.

Doch heute war einfach nichts nach Plan gelaufen. Während er in der kleinen Kammer im Ostflügel des einer Karawanserei nachempfunden Gebäudes ausharrte, war überraschend eine Delegation mit Geleitschutz im Haupthaus eingetroffen. Um wen es sich handelte, konnte Sedef nicht erkennen. Doch die über zwanzig Bewaffneten verrieten selbst für Fasarer Verhältnisse entweder große Macht oder große Sorge. Es stand fest, es war jemand Bedeutendes gekommen. 

Als der Schöne Omar dann Stunden später in seine Schreibstube trat, war eine gerüstete Wache bei ihm. Das war so nicht üblich. Auch trug die Wache die falschen Farben, auch wenn dies im Halbdunkel kaum auszumachen war. Um eine Wache Omars handelte es sich in jedem Fall nicht. Mit dem Vorteil der Überraschung hatte Sedef den Kämpfer schnell besiegt, doch dadurch gelang es Omar, ihn zu verletzen, bevor dieser sich umwandte und zu losrannte. Gerade noch war es Sedef gelungen, ihn zu Fall zu bringen und so am Fliehen zu hindern. Den am Boden Liegenden zu töten war danach leicht gewesen.

Nun humpelte er über den dunklen Innenhof. Noch war es still. Der Tod des Hausherrn war also noch nicht bemerkt worden. Dies konnte sich nun jederzeit ändern. Plötzlich hörte er ein leises Rascheln hinter sich. Er fuhr herum, die Klinge zuckte in einem tödlichen Bogen. Gerade noch rechtzeitig konnte er noch erkennen, wie sich ein kleines Mädchen, kaum älter als acht Jahre, aus ihrem Versteck erhob.

Die Augen des Mädchens weiteten sich vor Schreck, als sie den todbringenden Stahl auf sich zu kommen sah. Ihr kleiner Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei, der in der Luft verhallte. Sedef erstarrte. Die Klinge verharrte nur einen Spann vor dem Gesicht des Mädchens. Sein eiserner Griff lockerte sich, die Spitze der Waffe begann zu zittern, als er den Blick des verängstigten Mädchens einfing.

Ein Moment der Stille legte sich über den Hinterhof, während die Realität auf die junge Zeugin einsickerte. Sedef erkannte die Unschuld in ihren Augen, das Zittern ihres kleinen Körpers. Sie war in den Krieg der Erwachsenen hineingeraten, ein Spiel, das sie niemals hätte sehen sollen.

Er würde sie töten müssen, schnell und leise, um unentdeckt zu entkommen. Das war ihm klar. Doch langsam senkte Sedef die Waffe. Er atmete tief durch. Sein Entschluss stand fest. Behutsam trat er einen Schritt auf das Mädchen zu, hob langsam seine Hand, um ihr zu zeigen, dass er keine Gefahr mehr darstellte. Der Ausdruck des Entsetzens in ihren Augen begann langsam  einem zaghaften Funken von Hoffnung zu weichen. Mit einem letzten Blick auf das Mädchen, das unwissentlich den Verlauf der Ereignisse geändert hatte, drehte sich Sedef um und verschwand lautlos in der Nacht.

~~~

Sedef stapfte humpelnd durch die nächtlichen Gassen. Seine Wunde hatte er sich mit Stoffstreifen verbunden, während hinter ihm die Geräusche im nicht weit entfernten Gebäudekomplex zunahmen. Erst das Schreien und Weinen des Mädchens, dann das Rufen der Soldaten.

Er wusste inzwischen auch, wer das Mädchen war. Und er wusste nun auch, wessen Delegation beim schönen Omar eingetroffen war. Das Mädchen war Merisha ter Goom, Manach ter Gooms Tochter. Er hatte sie einmal auf einem Empfang gesehen, bei dem er einen der Gäste begleitet hatte. Ihr Vater nannte sich "Bürgermeister" der Freistadt Fasar. Er herrschte faktisch über mehrere Viertel der Stadt, über UnterfeldFreistadt und zum Teil auch Sonnenhang.

Er würde Fasar verlassen müssen. Sofort. Falls er so weit kam.

Lehre: Einen Weg wählen heisst, andere Wege aufgeben.
Out-Game Beitrag
Abenteuer: Leben
Dieser Eintrag wurde am 26.04.2022 (12:43) verfasst und 326 mal aufgerufen.
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